LONDON (IT BOLTWISE) – Morgan Stanley setzt für die Amazon-Aktie auf ein starkes Langfrist-Szenario: Im optimistischen Fall soll der Kurs bis Ende 2027 auf 500 US-Dollar steigen. Der Hebel liegt dabei vor allem auf Amazon Web Services, dessen Jahresumsatz laut Modell langfristig eine Billion US-Dollar erreichen könnte. Voraussetzung dafür ist ein massiver Ausbau der Rechenzentrums-Kapazitäten sowie ein höherer Erlös pro Leistungseinheit. Gleichzeitig zeigt Amazons aktuelles Quartal, dass AWS wieder dynamischer wächst.

Amazon-Aktie: Morgan Stanley sieht Potenzial bis 500 US-Dollar – Treiber ist AWS
Amazon-Aktie: Morgan Stanley sieht Potenzial bis 500 US-Dollar – Treiber ist AWS (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Amazon-Aktie bekommt Rückenwind aus einem Szenario, das an der Börse vor allem deshalb Aufmerksamkeit erzeugt, weil es einen sehr klaren technischen Treiber in den Vordergrund stellt: Amazon Web Services (AWS). Morgan Stanley-Analyst Brian Nowak verweist in einem optimistischen Modell darauf, dass die Aktie bis Ende 2027 fast den nächsten Kursschritt machen könnte – mit einem Kursniveau von 500 US-Dollar. Wichtig ist dabei die Einordnung: Dieses Niveau ist kein klassisches, konservatives Kursziel, sondern an eine Reihe langfristiger Annahmen geknüpft.

Im Zentrum der Rechnung steht AWS als Ergebnis- und Umsatzmotor. Nowak skizziert, dass die Cloud-Sparte innerhalb der kommenden acht bis zehn Jahre einen Jahresumsatz von einer Billion US-Dollar erreichen könnte. Für die Logik dahinter braucht man keine Finanzarithmetik im luftleeren Raum: Wenn AWS in größerem Umfang Rechenleistung bereitstellen kann und diese Leistung zusätzlich zu besseren Konditionen vermarktet wird, dann wächst nicht nur der Umsatz, sondern damit perspektivisch auch das Ergebnisniveau des Gesamtkonzerns. Unter den Bedingungen des Szenarios nennt das Modell für Amazon insgesamt ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) von 500 Milliarden US-Dollar.

Der zweite, sehr konkrete Baustein ist die Infrastruktur. Das Modell setzt für 2026 zunächst sechs Gigawatt zusätzlicher Kapazität an und 2027 weitere acht Gigawatt. Danach unterstellt es einen jährlichen Zuwachs von jeweils acht Gigawatt. Solche Größenordnungen lassen sich nicht allein durch kurzfristige Software-Optimierungen erklären, sondern verlangen eine fortgesetzte Erweiterung der Rechenzentrumslandschaft. Für Investoren ist das mehr als ein Infrastruktur-Thema: Ohne ausreichend Strom- und Serverkapazität kann die Cloud-Nachfrage zwar existieren, aber sie lässt sich dann nicht im geplanten Umfang in Umsatz ummünzen.

Damit die zusätzliche Leistung auch betriebswirtschaftlich „übersetzt“ werden kann, braucht es außerdem einen Preis- und Mix-Effekt. Nowak geht im Modell von einem aktuellen Wert von acht US-Dollar je Watt aus. Gelingt es, diesen Wert auf zwölf US-Dollar zu steigern, würde AWS nach der Modellrechnung im Jahr 2035 ebenfalls eine Billion US-Dollar Jahresumsatz erreichen. Genau diese Kopplung von Kapazitätsausbau und Erlös pro Einheit ist ein zentraler Unterschied zu rein volumengetriebenen Betrachtungen: Nicht nur mehr Rechenleistung, sondern auch bessere Auslastung, Produktmix und Vertragskonditionen entscheiden darüber, ob aus Wachstum ein dauerhaftes Renditeprofil wird.

Dass AWS als Wachstumssäule tatsächlich wieder Fahrt aufnimmt, zeigt auch der Blick auf die jüngsten Zahlen. Im zweiten Quartal 2026 steigerte AWS den Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden US-Dollar. Amazon bezeichnete dies als höchste AWS-Wachstumsrate seit 18 Quartalen. Gleichzeitig stieg das operative Ergebnis des Segments von 10,2 Milliarden US-Dollar auf 16,6 Milliarden US-Dollar – ein Hinweis darauf, dass das Wachstum nicht nur „top-line“ bleibt, sondern sich auch im Ergebnis bemerkbar macht. Auf Konzernebene wuchs der Umsatz um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden US-Dollar, während das operative Ergebnis von 19,2 Milliarden US-Dollar auf 27,5 Milliarden US-Dollar anstieg.

Für die Bewertung des Szenarios ist zudem die Frage entscheidend, wie stark AWS bereits in KI-nahe Use-Cases monetarisiert. Amazon-Chef Andy Jassy hatte laut den im Artikel genannten Kontextinformationen bereits zuvor die Möglichkeit angesprochen, AWS langfristig zu einem Geschäft mit Jahresumsatz von einer Billion US-Dollar zu machen. In den aktuellen Quartalsangaben betonte Jassy außerdem, dass sowohl das KI-Geschäft von AWS als auch das eigene Chipgeschäft jeweils einen annualisierten Umsatz von mehr als 25 Milliarden US-Dollar erreichen. Für viele Unternehmen bedeutet das: Die Cloud-Entwicklung ist längst nicht mehr nur „Infrastruktur“, sondern zunehmend ein Plattform- und Wertschöpfungsmodell rund um KI-Workloads, die hohe Anforderungen an Rechenleistung, Datenzugriff und Betriebssicherheit stellen.

Wie realistisch das optimistische 500-US-Dollar-Szenario ist, hängt damit nicht an einer einzelnen Stellschraube, sondern an der gesamten Kette: Kapazitätsaufbau in dem genannten Tempo, saubere Vermarktung der Leistung zu verbesserten Erlösraten und eine Nachfragekurve, die diese Investitionen trägt. Selbst das reguläre Kursziel wird im Bericht deutlich niedriger angesetzt, während 500 US-Dollar explizit als optimistisches Pfadbild diskutiert wird. Gleichzeitig zeigen die veröffentlichten AWS-Zahlen, dass der operative Hebel aktuell funktioniert – und genau das ist der Punkt, an dem sich Investorenfragen in beiden Richtungen bündeln: Können Kapazität und Monetarisierung auch über mehrere Jahre so zusammenspielen, dass aus einem Modell eine belastbare Entwicklung wird?

Unternehmen und Entwickler können daraus vor allem eine pragmatische Ableitung ziehen: Wer heute größere KI-Workloads plant, verknüpft Architekturentscheidungen zunehmend mit der Frage nach Skalierbarkeit der Cloud-Ressourcen. Mehr Rechenkapazität und ein stabiler monetärer Rahmen verbessern die Planbarkeit für Trainings- und Inferenzpipelines. Ob das am Ende zu den von Morgan Stanley beschriebenen Kursstufen führt, ist eine Börsenfrage; aber technisch und marktseitig deutet vieles darauf hin, dass AWS in den kommenden Jahren als zentrale Infrastruktur für KI-Implementierungen weiter an Bedeutung gewinnt.

Wenn das Szenario besonders optimistisch bleibt, liegt das häufig an einem Detail, das sich nicht elegant wegmodellieren lässt: Der Kapazitätsausbau muss nicht nur stattfinden, sondern auch zeitlich passend zur Nachfrage. Die Modellannahmen in Gigawatt-Schritten machen sichtbar, warum Cloud-Strategien in der Praxis eng mit Energie- und Infrastrukturplanung verknüpft sind. Für den Markt bedeutet das: Die nächste Phase der Amazon-Wette wird weniger über Schlagzeilen entschieden als über Umsetzung – also darüber, wie konsequent AWS neue Rechenzentrumsleistung in nutzbare, ausgelastete und profitabel bepreiste Kapazität umwandelt.


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