LONDON (IT BOLTWISE) – Die Ölpreise haben nach neuen Angriffen im Nahen Osten spürbar angezogen. Brent wurde zuletzt bei 94,38 US-Dollar je Barrel gehandelt, über vier Prozent höher als am Montag. Auch WTI kletterte wieder über die 90-Dollar-Marke. An den Märkten wächst die Sorge, dass der Schub die Inflation und damit die Erwartungen an eine straffere Geldpolitik befeuert.

Nach den jüngsten Eskalationen im Nahen Osten haben sich die Energiepreise wieder spürbar in Richtung höherer Risikoprämien bewegt. Brent-Rohöl der Nordsee kostete mit Lieferung im November zuletzt 94,38 US-Dollar je Barrel (159 Liter) und lag damit mehr als vier Prozent über dem Niveau vom Montag. Besonders auffällig: Der Markt reagiert nicht nur auf die Schlagzeilen zur Region, sondern auch auf die Frage, wie stabil der Transit durch die Straße von Hormus kurzfristig bleibt.
Der Preissprung steht laut den Angaben aus dem Marktumfeld im Zusammenhang mit neuen Angriffen, die das US-Militär nach eigenen Aussagen gegen Ziele in Iran gestartet hat. Als Reaktion wurden vorherige Angriffe der iranischen Revolutionswächter auf die Handelsschifffahrt in der Straße von Hormus sowie auf in der Region stationierte US-Soldaten genannt. Für den Rohstoffhandel ist diese Verknüpfung entscheidend: Selbst wenn die physischen Fördermengen nicht unmittelbar betroffen sind, erhöhen Unterbrechungsrisiken im Seehandel die Erwartung teurerer Transportkosten und damit den Preisauftrieb.
Neben der Eskalationsmeldung standen vor allem Meldungen zu erneut angegriffenen Schiffen im Fokus. Ein auf maritime Sicherheit spezialisiertes Beratungsunternehmen erklärte, zwei Rohöl-Tanker seien von unbekannten Geschossen getroffen worden, während beide Schiffe sich gerade auf der Ausfahrt aus dem Persischen Golf befanden. Parallel dazu berichtete auch eine britische Behörde zur Sicherheit der Schifffahrt, dass in der Straße von Hormus erneut ein Öltanker attackiert worden sei; getroffen worden sei er demnach während der Ausfahrt aus der Meerenge. Für Anleger zählt dabei weniger die exakte Ursache jedes einzelnen Vorfalls als die Summe der Indikatoren dafür, dass die Risikowahrnehmung entlang der Transportroute nicht rasch abkühlt.
Diese Dynamik kollidiert mit Hoffnungen, die in der vergangenen Woche aufgekommen waren, die Straße von Hormus könnte bald wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werden. Dort, wo sich Erwartung und Risiko zeitlich überlappen, entsteht häufig eine Art „Roll-Back“ im Preis: Nach vorübergehenden Entlastungen am Markt schlagen Käufer wieder zurück in den Sicherheitsmodus um. Rohstoffstratege Bart Melek von der Investmentbank TD Securities beschrieb die Stimmung als Ungewissheit darüber, wie es mit dem Irankrieg weitergeht. Er rechnet eher mit weiter steigenden Rohölpreisen, weil seiner Einschätzung nach keine Anzeichen dafür erkennbar sind, dass der normale Transit durch die Meerenge in naher Zukunft wieder aufgenommen wird.
Für das Makro-Setup ist das nicht nur ein Thema für Energie-Trader. Fawad Razaqzada vom Handelshaus Forex.com warnte, gestiegene Ölpreise könnten die Inflation wieder anfachen. Das wiederum erhöhe das Risiko einer strafferen Geldpolitik. Gleichzeitig bewegt sich am Rentenmarkt weiter der Faktor „Zinsniveau“, der häufig als Transmission-Kanal zwischen Rohstoffpreisen und Finanzbedingungen wirkt: Ein anhaltender Anstieg der weltweiten Anleiherenditen sorgt dem Marktgefühl nach ebenfalls für zusätzlichen Druck. Höhere Renditen lassen festverzinsliche Wertpapiere attraktiver erscheinen als riskantere Aktien, wodurch selbst Unternehmen mit stabilen Fundamentaldaten kurzfristig stärker unter Bewertungsanpassungen leiden können.
Damit rückt ein Muster in den Vordergrund, das in den vergangenen Monaten wiederholt zu sehen war: Rohstoffpreise wirken wie ein Frühwarnindikator für reale Kosten und als Beschleuniger für Erwartungen an Geldpolitik. Wenn Tankkosten steigen und die Unsicherheit über Lieferwege zunimmt, treffen diese Effekte die Realwirtschaft schneller als viele Anleger zunächst einpreisen. Für Unternehmen heißt das konkret, dass Finanz- und Einkaufsabteilungen ihre Szenarien im Energie- und Transportbudget aktualisieren sollten – nicht nur mit Blick auf Einkaufspreise, sondern auch auf Timing-Risiken bei der Beschaffung und auf die Frage, wie schnell sich Kostensteigerungen in Kundenverträge übertragen lassen. Der nächste Impuls dürfte daher weniger aus der Förderseite kommen als aus dem Verlauf der regionalen Sicherheitslage und ihrer Auswirkung auf den Seetransport.
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