HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – In deutschen Lebensmittelgeschäften und bei Händlern kommt es derzeit punktuell zu Engpässen bei Sardinen. Auslöser sind nach Angaben mehrerer Unternehmen herausfordernde Bedingungen beim Fischfang und eine europaweit angespannte Rohwarensituation. Hintergrund ist eine seit Jahren rückläufige wichtigste Sardinenfischerei vor Nordwestafrika, die zusätzlich durch restriktivere Bewirtschaftung belastet wird. Für Hersteller und Kunden rückt damit auch das Thema Preisentwicklung und Ausweichen auf sardinenartige Arten stärker in den Fokus.

Wer derzeit Sardinen kaufen möchte, trifft in einzelnen Märkten und Discountern nicht überall auf das volle Sortiment. In mehreren Händlerauskünften heißt es, dass einzelne Produkte zeitweise nicht verfügbar seien oder die Verfügbarkeit punktuell eingeschränkt ausfalle. Aldi Nord verwies dabei auf „herausfordernde Bedingungen beim Fischfang“, Rewe sprach von einer „europaweit angespannten Rohwarensituation“ und Lidl nannte eine steigende Nachfrage als Grund dafür, dass es kurzfristig zu Einschränkungen kommen könne. Solche Meldungen wirken zunächst wie eine typische saisonale Schwankung – allerdings deutet die Breite der Betroffenheit auf ein strukturelles Problem in der Lieferkette hin, das weit über einzelne Filialen hinausgeht.
Die Preis- und Lieferdynamik entsteht vor allem an der Beschaffungsseite: Sardinen sind im europäischen Handel keine „beliebige“ Konserve, sondern ein Produkt, dessen Rohstoffverfügbarkeit eng an bestimmte Fanggebiete und Arten gekoppelt ist. Laut Stefan Meyer, Geschäftsführer des Fisch-Informationszentrums in Hamburg, leidet die für den europäischen Markt wichtigste Sardinenfischerei vor den Küsten von Marokko und der Westsahara seit Jahren unter rückläufigen Beständen. Während 2022 noch 965.000 Tonnen angelandet worden seien, sei es 2024 nur noch 525.000 Tonnen gewesen. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn einzelne Lieferanten schnell umschichten können, stößt die gesamte Vorproduktebene – also Fang, Kühlung, Verarbeitung und Einlagerung – an Kapazitäts- und Rohwarenlimits, die sich nicht von heute auf morgen „wegdisponieren“ lassen.
Technisch betrachtet liegt die Engpasswirkung nicht nur in der Menge, sondern auch in der Taktung der Exporte und in den Logistikfenstern für gefrorene Ware. Meyer führt als Ursachen die Folgen des Klimawandels, veränderte Meeresbedingungen sowie einen hohen Befischungsdruck an; dazu kommt, dass die marokkanische Regierung mit einer restriktiveren Bewirtschaftung reagiert habe. Besonders relevant sei zudem, dass seit Februar 2026 die Exporte von gefrorenen Sardinen stark eingeschränkt beziehungsweise ausgesetzt seien, um die Versorgung des Binnenmarktes sicherzustellen. Für europäische Verarbeiter ist das laut seiner Einordnung deshalb so spürbar, weil Marokko bislang der größte Lieferant war: Wenn die Herkunftsquote sinkt, entstehen sofort Lücken in den Rohwarenplänen der Hersteller, die normalerweise auf vergleichsweise stabilen Lieferströmen beruhen.
Auch der Blick auf Alternativquellen zeigt, warum Entspannung derzeit schwer planbar ist. Sardinen der „echten Sardine“ (Sardina pilchardus) sind zwar laut Meyer auch vor Spanien und Portugal heimisch. Die Bestände hätten sich in den vergangenen Jahren wieder erholt, aber die Fangmengen reichten nicht aus, um die Rohwarenlücke auszugleichen. Damit bleibt auf der Zeitachse ein Problem bestehen: Die gesamte Lieferkette muss kurzfristig mit weniger verfügbaren Rohstoffen auskommen, während sich Bestandsaufbau und Fangvolumen naturgemäß erst nach einer gewissen Phase stabilisieren. Meyer nennt deshalb keine schnelle Entspannung als Erwartung; stattdessen richtet sich der Fokus auf die unmittelbare Preis- und Ersatzstrategie im Handel.
In den Regalen äußert sich das häufig als Mischung aus „ausverkauft“-Momenten und nur verzögerter Nachlieferung. Händler berichten entsprechend von zeitweiser Nichtverfügbarkeit einzelner Produkte, was besonders bei Eigenmarken und Markenartikeln spürbar ist. Hinzu kommt die Rolle von Plattformen für Lebensmittelzustellung: Auch der Lieferdienst Picnic macht eigenen Angaben zufolge eine Betroffenheit aus. Sobald Nachfrage und Angebot zeitlich auseinanderlaufen, werden Lieferchargen ungleich verteilt – manche Regionen erhalten Ware früher, andere später. Für Unternehmen bedeutet das: Wer seine Bestellungen an kurzfristigen Absatzsignalen ausrichtet, kann innerhalb weniger Wochen in Lieferabweichungen laufen, die sich erst durch veränderte Mengenplanung oder Warenausweichung glätten lassen.
Für die nächste Phase rückt daher das Thema Substitution in den Vordergrund. Meyer geht davon aus, dass ein Anstieg der Preise möglich ist, weil Alternativen fehlen oder nur begrenzt verfügbar sind. In der Praxis weichen Hersteller daher zunehmend auf sardinenartige Fischarten aus, etwa auf Sardinellen, die überwiegend im Indischen Ozean, im westlichen Pazifik und in tropischen Atlantikgewässern vorkommen. Solche Umstellungen sind nicht nur eine Frage der Beschaffung, sondern auch der Verarbeitung: Rezepturen, Textur und Geschmacksprofil müssen mit Blick auf den Produktstandard angepasst werden. Gleichzeitig verschiebt sich das Risiko in Richtung internationaler Beschaffung und längerer Transportketten, während der europäische Sardinenmarkt kurzfristig auf das vorhandene Rohwarenmix-Muster reagieren muss.
Unterm Strich zeigt die aktuelle Knappheit, wie eng selbst alltägliche Handelsprodukte an ökologische und politische Entscheidungen in den Ursprungsländern gekoppelt sind. Wenn Exportbeschränkungen greifen und Bestandsentwicklungen über Jahre rückläufig bleiben, entstehen Engpässe, die der Lebensmitteleinzelhandel kaum mit „lokalen“ Mitteln auffangen kann. Für Händler und Verarbeiter heißt das: Bestands- und Preisrisiken werden zu Planungsfaktoren, die nicht erst im Krisenfall berücksichtigt werden sollten. Wer jetzt Lieferverträge, Qualitätsstandards und Kommunikationsstrategien für Engpasszeiten schärft, kann den Schaden später besser begrenzen – und zugleich die Kundenerwartung steuern, falls in Teilen des Sortiments zeitweise andere sardinenartige Fischarten statt klassischer Sardinen eingesetzt werden.
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