MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Chinesische Importe setzen die deutsche Möbelindustrie spürbar unter Druck. Der Verband der deutschen Möbelindustrie (VDM) beziffert den Verlust der Branche mit 20 Prozent Umsatz in nur vier Jahren. Im ersten Halbjahr 2026 kamen Möbel im Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro aus China nach Deutschland. Parallel schwächelt der Inlandsmarkt wegen Kaufzurückhaltung und stockendem Wohnungsbau, während Europas Handel bei strukturellem Kosten- und Subventionswettbewerb nach politischen Leitplanken verlangt.

Die deutsche Möbelindustrie steht derzeit vor einem doppelten Belastungstest: Zum einen wächst der Wettbewerbsdruck durch Importware – vor allem aus China –, zum anderen fehlt im Inland die kaufkräftige Nachfrage. Der VDM ordnet den Rückgang in einen Zeitraum von vier Jahren ein und spricht von einem Umsatzminus von 20 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich in den Handelsdaten ein klarer Verschiebebahnen-Effekt: Über 60 Prozent der in Deutschland verkauften Sessel, Sofas, Tische, Stühle, Betten, Schränke oder Schrankkomponenten sollen mittlerweile aus dem Ausland stammen. In dieser Entwicklung sieht der VDM-Hauptgeschäftsführer Jan Kurth einen strukturellen Vorteil der chinesischen Anbieter, weil dort nicht nur produziert, sondern auch exportseitig stark gesteuert wird.
Die Zahlen zur Importdynamik unterstreichen den Trend. Für das erste Halbjahr 2026 werden chinesische Möbelimporte nach Deutschland im Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro genannt. Besonders relevant ist dabei die Steigung: Zwischen 2017 und 2025 beziffert der VDM den Zuwachs bei den Verkaufszahlen mit 81 Prozent. Der Importdruck kommt dabei nicht nur in Deutschland an, sondern über große Möbelhäuser, Versender und Möbel-Discounter in mehreren europäischen Märkten. Kurths Kernaussage zielt auf die Kombination aus Produktionsverlagerung nach Europa und dem zeitlichen Versatz, den die US-Zölle gegenüber einem der wichtigsten Ausweichziele noch verstärken können.
Beim Blick auf die Wettbewerber rückt auch Polen in den Fokus, weil das Nachbarland zuletzt als Lieferant aufschloss. Im ersten Halbjahr 2026 werden für Polen gut 1,5 Milliarden Euro Importvolumen genannt, damit kann das Land zeitweise mit der Volksrepublik mithalten. Der VDM bleibt aber bei der grundlegenden Stoßrichtung: Es geht um Schutzzölle, weil Mechanismen wie Anti-Dumping-Verfahren nach Ansicht des Verbandes zu langsam seien, um aktuelle Wettbewerbsverzerrungen abzufangen. Gleichzeitig wird unterstrichen, dass faire Bedingungen nicht nur für einzelne Warengruppen gelten, sondern den industriellen Kern in Europa absichern sollen. Dass parallel auch die unternehmerische Seite unter Anpassungsdruck gerät, passt in dieses Bild: In der Verbandserhebung planen 40 Prozent der Mitgliedsunternehmen Kurzarbeit im dritten Quartal, knapp 30 Prozent wollen Stellen abbauen.
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist dabei nicht isoliert auf das Importgeschehen zurückzuführen. Die Verkaufszahlen sinken bereits im vierten Jahr hintereinander, und der VDM taxiert den Umsatz der deutschen Möbelindustrie im ersten Halbjahr auf rund 7,7 Milliarden Euro – das entspricht nominal 2,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Inlandserlöse brechen dabei stärker ein: Im Inland liegt das Minus bei über vier Prozent, während Auslandserlöse stabil bleiben. Den Kaufzurückhaltungsfaktor benennt die Handelsberatung BBE mit dem Muster, dass Verbraucher seltener kaufen und größere Anschaffungen verschieben. Dahinter stehen laut BBE höhere Ausgaben für Lebensmittel, Energie und Gesundheit sowie die Sorge vor weiteren Preissteigerungen; ergänzend verweist das Handelsforschungsinstitut IFH auf die vergleichsweise einfache Verzichtebene von neuen Möbeln, außer wenn ohnehin ein Umzug oder ein Neubau ansteht.
Genau an dieser Engstelle wird der Wohnungsmarkt zur Schlüsselvariable. Wenn weniger gebaut und umgezogen wird, sinkt auch der Einrichtungsbedarf, so die Schlussfolgerung aus der Industrieperspektive. Das Ifo-Institut rechnet für 2026 mit nur 185.000 Fertigstellungen – deutlich unter dem Bedarf von jährlich rund 320.000 neuen Wohnungen, wie es das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung beschreibt. In der politischen Konsequenz fordert der VDM Rahmenbedingungen, die private Investitionen in Wohneigentum erleichtern sollen. Genannt werden unter anderem das Absenken von Baunebenkosten wie der Grunderwerbssteuer und Möglichkeiten zu steuerlichen Abschreibungen, weil ein schnellerer Wiederaufbau im Wohnungsneubau die Nachfrage nach Möbeln indirekt stützt.
Während die Möbelhersteller den Markt neu sortieren, verändert sich auch der Handel – und zwar auf der Ebene von Unternehmenszusammenschlüssen. Der VDM ordnet die fortschreitende Konsolidierung im Möbelhandel als problematisch ein, weil mittelständische Hersteller immer weniger gleichberechtigte Verhandlungsmacht gegenüber zugleich mächtigeren Handelspartnern hätten. Konkret will der Branchenriese XXXLutz die Porta-Gruppe übernehmen; der Plan wurde bereits im Januar 2025 angekündigt, seitdem läuft eine Vorprüfung einschließlich Pränotifikationsphase. Aus Wettbewerbs-Sicht wird das Verfahren der EU-Kommission folgen, wobei für die erste Phase 25 Arbeitstage und bei schweren Bedenken weitere 90 Arbeitstage für die zweite Prüfstufe genannt werden; eine Verlängerung ist bei komplexen Fällen vorgesehen. Parallel berichtet der VDM für das Geschäft in den USA einen Rückgang um 15 Prozent im ersten Halbjahr – ein Hinweis darauf, dass Zoll- und Marktbedingungen sich gegenseitig verstärken können, statt sich nur in einer Region zu manifestieren.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem, dass die Strategie nicht mehr nur auf Produktqualität oder lokale Vertriebsstärke einzahlt. Der Mix aus Importwachstum, schwachem Inlandsumsatz und unsicherer Nachfrage durch den Wohnungsbau zwingt Hersteller und Handel zur feineren Planung von Kapazitäten, Lieferketten und Preismodellen. Zugleich verschiebt sich der Fokus der Branchenpolitik von punktuellen Reaktionen auf eine Frage nach Grundregeln: Unter welchen Wettbewerbsbedingungen werden Preise gebildet, wenn Produktion, Exportsteuerung und Subventionen im Ursprungssystem anders funktionieren als in Europa? In dieser Gemengelage wirkt die Forderung nach allgemeinen Schutzzöllen wie ein Versuch, den Zeithorizont von Anti-Dumping-Prozessen zu verkürzen – und damit die Spielregeln wieder stärker in Richtung kalkulierbarer Planungssicherheit zu bringen.
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