LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende berichten, dass sie mit Claude einen funktionierenden Vorauthentifizierungs-Exploit für WAGO-PLCs portiert haben. Dabei setzen sie einen ARM-Shellcode direkt auf realer Hardware durch und zielen auf die Schwachstelle CVE-2021-31886 im Nucleus FTP-Server ab. Eine längere Entwicklungsphase verbrauchte laut Angaben 535,74 USD API-Nutzung über 8 Stunden und 32 Minuten. Gleichzeitig zeigt der Ablauf, wie eng geführte KI-Interaktion Sicherheitsrisiken in der industriellen Steuerung spürbar senken kann.

Bei der praktischen Sicherheitsforschung zu industriellen Steuerungen zeigt sich gerade ein Muster, das in der klassischen OT-Pentest-Realität bisher stark arbeitsintensiv war: Der Transfer eines funktionierenden Remote-Code-Execution-(RCE)-Exploits zwischen ähnlich aufgebauten SPS-Modellen. Laut einer Darstellung von Vedere Labs nutzten die Forschenden dabei Claude von Anthropic, um einen pre-authentification fähigen Exploit von einem WAGO-PLC-Modell auf ein anderes zu portieren. Im Kern geht es um CVE-2021-31886, einen stackbasierten Buffer-Overflow in der Verarbeitung des FTP-USER-Kommandos im Nucleus FTP-Server. Der Zugriff ist noch vor der Authentifizierung über TCP-Port 21 möglich, und genau diese frühen Angriffsflächen machen OT-Umgebungen besonders heikel, wenn Geräte ohne saubere Segmentierung im Netz hängen.
Technisch bemerkenswert ist nicht nur, dass der Exploit auf Live-Hardware lief, sondern wie stark der Erfolg an den Detailgrad der Eingaben gekoppelt war. Auf dem Zielgerät 750-831 führte die normale FTP-Logik laut Bericht dazu, dass 256 Bytes im vom Angreifer kontrollierten Buffer wieder auf Null gesetzt wurden. Dadurch wurde der zunächst eingesetzte Shellcode überschrieben, bevor er überhaupt ausgeführt werden konnte. Erst als Claude die Sequenz umstellte, passte das Team offenbar auch die Steuerzeichen und den Ablauf der Kommandoverarbeitung an: Die Umwandlung von USER/QUIT, die gegen das Quellmodell funktionierte, in eine USER/CWD-Sequenz zielte darauf ab, dass die Verarbeitungspfade so durchlaufen, dass das eigentliche Payload-Fenster nicht sofort verloren geht. Das Auslassen des CRLF-Terminator hatte dabei eine entscheidende Wirkung, weil damit ein relevanter Verarbeitungspfad offenbar nicht wie üblich abgeschlossen wurde – und der Buffer gerade lang genug „überlebte“, damit die Payload laufen konnte.
Auch die Kosten- und Zeitdimension ist in der OT-Sicherheitsdebatte ein echter Hebel. Der Bericht beziffert die letzte RCE-Entwicklungsphase mit 535,74 USD API-Nutzung über eine Session von 8 Stunden und 32 Minuten, wobei mehrere interaktive Iterationen erforderlich waren. Dazu gehörte zunächst der Wechsel von Claude Sonnet 4.6 zu Claude Opus 4.6, nachdem erste RCE-Versuche „stallten“. Laut Darstellung lief die Arbeit in mehreren interaktiven Sitzungen zwischen einem Forschenden und Claude Code, mit Zugriff auf ein Terminal, das Reverse-Engineering-Tool Ghidra sowie das Ziel-PLC. Nach dem erstmaligen Code-Execution-Status änderte sich der Arbeitsmodus dann schnell: Der Fokus wanderte vom „No-Operation“-Shellcode hin zu zwei funktionalen Payloads, die binnen 12 Minuten umgesetzt wurden. Eine Payload erzeugte ICMP-Echoanfragen an ein angreifersteuerndes System, die andere schickte ein UDP-Paket mit der Zeichenkette PWNED. Wichtig ist dabei die Begrenzung: Der demonstrierte Capability-Nachweis stoppt beim Versenden von Netzwerkpaketen, also im Kontext einer sicheren Labor-Demonstration – nicht in der direkten Ausnutzung eines größeren Follow-up-Pfads.
Damit rückt auch die Frage nach dem Risiko für produktive Anlagen in den Vordergrund. Der Text betont ausdrücklich, dass die „unmittelbare“ Gefahr weniger darin liegt, dass eine autonome KI eigenständig einen Angriff auf ein Steuergerät entscheidet, sondern vielmehr darin, dass ein berechtigtes KI-unterstütztes Agentensystem die falsche Aktion auf einem physischen System ausführt, wo Fehlentscheidungen operative Konsequenzen haben. In derselben Versuchskette taucht deshalb ein besonders ernstes Warnsignal auf: Eine spätere Session, die versuchte, den Exploit in Richtung eines Command-and-Control-(C2)-Implants zu erweitern, schrieb in einen flash-mapped Speicherbereich und führte damit zu einem dauerhaft „gebrickten“ PLC. Das unterstreicht, dass die Angriffs- und Entwicklungslogik bei OT nicht nur Softwaretests, sondern echte Lebenszyklusrisiken berührt – und dass selbst kleine Variationen im Payload-Engineering unmittelbare Hardwarefolgen haben können.
Der Bericht ordnet das Geschehen außerdem in einen breiteren Schwachstellen- und Patch-Kontext ein, der für Betreiber unmittelbar relevant ist. CERT@VDE nennt für die betroffenen WAGO-Controller keine verfügbaren Updates und empfiehlt als Gegenmaßnahmen, FTP auf Port 21 zu deaktivieren oder zu blockieren, Segmentierungsrichtlinien durchzusetzen und Netzwerkverkehr auf Anomalien zu überwachen. In der Geräteauflistung tauchen unter anderem 750-829 (FW16 und früher), 750-831/000-00x (FW14 und früher), 750-852 (FW16 und früher) sowie mehrere weitere 750er-Varianten auf, wobei einige Modelle in den Mitigations-/Remediation-Teilen unterschiedliche Behandlung erfahren. Ergänzend wird darauf hingewiesen, dass die betroffenen Modelle auf Nucleus V1 RTOS basieren und „momentan“ keine Updates für diese Version verfügbar sind. Zugleich steuert Siemens über Nucleus laut Darstellung eine Gegenposition bei: Für Nucleus NET sei keine Remediation in Aussicht gestellt, und ab Nucleus ReadyStart V3 ab V2013.08.1 seien bereits Korrekturen für CVE-2021-31886 enthalten. Für die Praxis heißt das: Betreiber müssen ihre Firmware-/ReadyStart-Modelle sehr granular gegeneinander abgleichen, statt nur nach Produktfamilie zu entscheiden.
Auch die Einordnung der Sicherheitsforschung in Richtung „KI als Exploit-Compiler“ ist ein zentraler Marktimpuls. Die Darstellung verweist auf eine frühere gemeinsame Advisory vom 19. August durch mehrere US-Behörden (NSA, CISA, FBI, Department of Energy sowie Environmental Protection Agency). Darin warnte man vor einer aktiven Bedrohung durch KI-generierte Ausnutzungsskripte gegen internetexponierte Siemens S7 Series PLCs; die Einschätzung zielte auf anhaltende Aufklärung und Fähigkeitsaufbau, ohne eine eindeutige Attribution. Für die OT-Branche ist die Stoßrichtung klar: KI-gestützte Text-zu-Code-Mechanismen reduzieren inzwischen den Zeit- und Expertenaufwand, der früher benötigt wurde, um funktionierende ICS-Exploits und Tools zu bauen. Gleichzeitig wird im Bericht eine technische Hürde erwähnt, die in vielen realen Angriffspfaden übersehen wird: Das Ergebnis hängt stark von Prozesspfaden und Input-Formatierungen ab, und ein automatisiertes Vorgehen muss diese Pfadvarianten sauber modellieren.
Für Unternehmen folgt daraus weniger ein „KI macht alles sofort möglich“-Narrativ, sondern ein konkreter Handlungsdruck auf Betreiberseite: Erstens müssen Internet-Exponierung und schlecht segmentierte OT-Netze konsequent reduziert werden, weil vorauthentifizierende Angriffe wie hier über Port 21 den Schutzumfang klassischer Nutzerrechte unterlaufen. Zweitens sollten Monitoring und Netzwerkbaselines so gestaltet sein, dass ungewöhnliche FTP-Kommandosequenzen oder ungewöhnliche ICMP/UDP-Muster in kurzen Zeitfenstern sichtbar werden. Drittens lohnt ein organisatorischer Blick auf die eigene Agenten- und Toolkette: Wenn Entwickler oder SOC-Teams KI-gestützte Automatisierung nutzen, müssen „Guardrails“ greifen, die in produktiver Hardware nicht nur Fehler verhindern, sondern auch die Auswirkung legitimer Fehlhandlungen auf physische Systeme reduzieren. Der Fall zeigt damit zweierlei zugleich: KI kann Portierungs- und Entwicklungszyklen beschleunigen, aber sie erhöht auch die Relevanz von sicheren Experiment- und Freigabemechanismen für jede OT-nahe Automatisierung.
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