NEW ORLEANS / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Identitätsdiebstahl-Service im Dark Web verkauft digitale Scans von über 153 Millionen Führerscheinen aus den USA und Kanada. Der Dienst „Nexus“ bietet die Datensätze inklusive Fotoansichten offenbar vor dem Kauf als Vorschau an und nutzt dabei Dateinamen mit Zeitstempeln. Nach Recherchen soll ein US-Unternehmen zur Identitätsprüfung als mögliche Datenquelle dienen. Das FBI hat laut Bericht eine offizielle Anfrage zur Herkunft der Bilder im New-Orleans-Field-Office gestartet.

Im Dark Web ist mit „Nexus“ ein neuer Identitätsdiebstahl-Dienst aufgetaucht, der laut den zugänglichen Angebotsdaten digitale Scans von Identitätsdokumenten in sehr großem Umfang bündelt. Besonders brisant ist die Zahl: Der Service wirbt mit Datensätzen von mehr als 153 Millionen Führerscheinen aus den USA und Kanada sowie zusätzlichen Dokumentkategorien wie rund 10 Millionen Ausweiskarten, mehreren Millionen Reise- und internationalen IDs und mindestens 579.000 medizinischen Karten. Für IT- und Security-Teams ist das vor allem deshalb relevant, weil der Angriff offenbar nicht bei „Daten-Leaks“ endet, sondern die gesammelten Bildmaterialien so aufbereitet, dass sie als sofort nutzbare Bausteine für weitere Missbrauchsformen dienen können.
Ein technisches Indiz für die Größenordnung liefert die Auffindbarkeit innerhalb des eigenen Portals: Wenn man Nexus ohne Suchparameter anfragt, resultiert laut Bericht eine Trefferanzahl von rund 11,5 Millionen Seiten, wobei pro Seite etwa 15 Einträge angezeigt werden. Zusätzlich fällt auf, dass der Anteil US-amerikanischer Datensätze deutlich überwiegt; die Suche nach kanadischen Führerscheinen führt zu etwa 1,1 Millionen Treffern, mit dem größten Cluster aus Ontario und dort rund 473.673 Datensätzen. Damit wird ein Muster sichtbar, das bei vielen früheren Identitätsdiebstählen bekannt ist: Nicht jeder Datensatz ist identisch strukturiert, aber die Plattform scheint systematisch Dokumente in ein einheitliches „Produkt“ zu überführen, das sich nach Herkunftsland oder Dokumenttyp durchsuchen lässt.
Inhaltlich geht Nexus über reine Führerscheine hinaus. In den Datensätzen werden neben „Führerschein“-Bildmaterial auch Karten aus dem Umfeld von Cannabis-Dispensaries aufgeführt. Auffällig ist außerdem die Kennzeichnung in den Datensatzfeldern: Einige Einträge enthalten als „source“ Kürzel wie „CDL“ (naheliegend für „commercial drivers license“), andere „CAC“, was üblicherweise als „Common Access Card“ interpretiert wird, also als Ausweis, der physischen Zugang zu Behördengebäuden und gesicherten Bereichen ermöglichen kann. Für die Praxis bedeutet das: Die Angreifer könnten nicht nur Massenbetrug mit Identitätsbildern planen, sondern die Daten auch in Szenarien ausspielen, in denen Lichtbilder und Metadaten mit Zutritts-Workflows oder Zusatzverifikationen zusammenhängen.
Die Plattform selbst behauptet, die Bilder stammten aus einem aktiven Sicherheitsvorfall bei einem „major identity verification company“ mit Sitz in Louisiana, dessen Kunden mehrere Fortune-500-Unternehmen sein sollen. Die Quelle liefert dazu ein wichtiges Live-Indiz: Die Anzahl der gelisteten Führerscheine ist innerhalb von 24 Stunden um nahezu 400.000 Datensätze gestiegen, was nach dem beschriebenen Ablauf auf eine regelmäßige Übernahme frisch gestohlener Daten hindeutet. Technisch wirkt das wie ein pipeline-artiger Prozess auf Angreiferseite: Datensätze werden nicht nur gesammelt, sondern fortlaufend in eine private Datenbank und in die Suchoberfläche integriert, damit Käufer schnell neue „Bestände“ erhalten. Für Verteidiger ist das eine Warnung gegen statische Leak-Management-Ansätze, die nur einmalige Vorfälle abarbeiten.
Besonders detailreich ist die Ebene der Dateistruktur. Der Datensatz, der im Bericht exemplarisch genutzt wird, enthält sechs Bilddateien: drei Paare (Front/Back) plus zusätzliche Varianten, darunter auch Infrarot- und Ultraviolett-Aufnahmen desselben Motivs. Dazu werden Zeitstempel an die Dateinamen gehängt; der Zeitpunkt im Beispielkorrelierte offenbar mit einem Flug im Juni 2025 in den „Midwest“-Raum. Die Recherche verweist außerdem darauf, dass mehrere Personen ähnliche Zeitstempel bestätigten, die mit Reisen bzw. Dokumentübergaben in engem zeitlichem Abstand zusammenfielen. Damit entsteht eine Art „Spur“ in Richtung des Prozessschritts, in dem Dokumente als Bilder in Systeme gelangt sein könnten.
Für die Einordnung spielt der US-Reise- und Identitätskontext eine Rolle. Der Bericht diskutiert zunächst einen möglichen Flughafenkontext, verwirft diese Theorie aber, weil in dem untersuchten Datensatz keine Pässe auftauchen und nicht jeder Betroffene das Dokument am Tag des Reisens am Flughafen vorgelegt haben soll. Stattdessen wird ein Zusammenhang zu Mietwagenprozessen nahegelegt: Zwei der bestätigenden Helfer erwähnen, dass sie ihre staatlich ausgestellten Führerscheine erst später am Reiseziel beim Anmieten übergaben, und der Mietwagenanbieter sei dabei in beiden Fällen Hertz gewesen. Auch der konkrete Fall des Beispielautors wird so erzählt, dass er am Flughafen im Rahmen der Sicherheitskontrolle einen Reisepass genutzt habe, während ein weniger aktuelles Real-ID-Setup die Dokumentübergabe beim Check beeinflusste. Für Security-Teams zeigt das vor allem: Wo Dokumentdaten in der Praxis „fotografiert“ oder digitalisiert werden, kann je nach Prozesskette ein völlig anderes Risikoprofil entstehen als in der naheliegenden Vorstellung „Airport = Quelle“.
Dass das FBI aktiv wird, verstärkt den Ernst der Lage. Der Bericht sagt, das New-Orleans-Field-Office habe heute eine offizielle Anfrage zur Herkunft der Bilder gestartet. Für die Bewertung heißt das: Obwohl die Plattform und die Datenmengen klar beschrieben werden, ist die konkrete Ursache noch nicht gerichtlich oder behördlich abschließend eingeordnet; vielmehr steht die Herkunftsermittlung im Mittelpunkt. Als Konsequenz sollten Organisationen, die an Identitätsprüfung, Dokumentverifikation oder Ausweisübernahme beteiligt sind, ihre Datenerfassungs- und Upload-Pfade systematisch absichern: Dazu gehören Zugriffskontrollen auf Bild- und Metadaten, Segmentierung zwischen Verarbeitung und Speicherung sowie Monitoring auf ungewöhnlich hohe Exporte oder schleichende Uploadmuster.
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