LONDON (IT BOLTWISE) – „Better Man“ zeigt Robbie Williams nicht als Menschen, sondern als CGI-Schimpansen. Das Biopic verankert seine Kindheit in Stoke-on-Trent und lässt Exzesse, Abstürze und Ruhm als Tragödie erscheinen. In Kinos sorgte die ungewöhnliche Darstellung für verwirrte Reaktionen. Entscheidend ist dabei, wie stark der Film Mitgefühl statt Voyeurismus auslöst.

Wenn ein Musiker-Biopic ausgerechnet mit einer Affenfigur startet, wirkt das zunächst wie ein Gag, den man gleich wieder erwartet und dann doch nicht bekommt. „Better Man – Die Robbie Williams Story“ setzt anders an als klassische Porträts berühmter Popstars: Die Erzählung folgt Williams von der Kindheit in einer Arbeiterfamilie in Stoke-on-Trent, statt früh in die glamouröse Erfolgsgeschichte zu springen. Schon der Ausgangspunkt verschiebt den Blick auf die Biografie – nicht als lineare Heldenerzählung, sondern als Annäherung an Gefühle, die sich unter Ruhm und Erwartungsdruck ausbreiten. Dass der Score bei Rotten Tomatoes bei 89 % liegt, zeigt dabei auch, wie stark die Form des Films trägt, selbst wenn sie Zuschauer nicht sofort abholt.
Die eigentliche Provokation steckt jedoch in der Bildsprache: Robbie Williams wird über den gesamten Film als Affe dargestellt – konkret als CGI-Schimpanse. Diese Entscheidung macht die bekannten Themen eines Musiklebens zwar nicht „weniger“, aber sie verpackt sie in eine Perspektive, die das Publikum automatisch anders bewertet. Gewalt, Absturz und Exzesse wirken dadurch weniger glamourös, sondern eher tragisch und schockierend. Die Logik dahinter wird besonders greifbar, wenn man die emotionale Mechanik betrachtet: Ein menschliches Gesicht lädt zur direkten Identifikation ein, während die Distanz eines Tieres zugleich neue Empathie auslösen kann, weil das Gesehene nicht sofort als „Selbstinszenierung“ gelesen wird.
Robbie Williams hatte den Ansatz bereits im Trailer aufgegriffen und sinngemäß formuliert: „Ich fand mich eigentlich immer ein bisschen primitiver.“ Damit wird die Affenrolle nicht bloß als visuelle Idee verkauft, sondern als Spiegel eigener Selbstwahrnehmung. Im Kern nutzt die Produktion die animalische Außenseiterfigur, um das Gefühl von Isolation und sozialer Unsicherheit zu verdeutlichen. Statt Voyeurismus entsteht eher der Eindruck, dass das Publikum den Leidenstypen eines Wesens „mitliefert“, ohne ihn zu konsumieren. Regisseur Gracey bringt diese Empathie-Mechanik in der Logik der Umsetzung auf den Punkt: „Man empfindet mehr Mitgefü hl fü r das Leiden eines Tieres. Ruhm kann Menschen isolieren, sie starren einen an – und genau das spiegelt der Affe wider.“
Technisch betrachtet ist das nicht nur eine Kostüm- oder Maskenlösung, sondern eine durchgehend choreografierte CGI-Inszenierung, die Mimik, Timing und Bühnenpräsenz in eine digitale Figur übersetzt. Gerade bei Biopics kollidieren zwei Ansprüche oft miteinander: Es soll biografisch „wahr“ wirken, aber die Inszenierung muss dramaturgisch funktionieren. Indem der Film Williams vollständig als CGI-Schimpanse zeigt, entfällt die Vergleichsebene „Mensch mit Ähnlichkeit“, und die Darstellung muss stattdessen über Performance-Details überzeugen – also über Gestik, Rhythmus und Interaktion mit der Umgebung. Dass Williams zusätzlich hinter den Kulissen maßgeblich beteiligt war und dem digitalen Affen sogar die eigene Stimme lieh, ist dabei mehr als ein Marketing-Detail: Es reduziert die Gefahr, dass die Figur als abstraktes Spezialeffekt-Objekt wahrgenommen wird.
Für die Wirkung ist außerdem relevant, wie der Film den dramatischen Bogen aufspannt. Die Musik und Take That bestimmen Williams Lebensweg, und der Film zeigt Höhen und Tiefen: Drogen und Alkohol, den Rauswurf aus der Boyband, den Verlust geliebter Menschen sowie den dauernden Kampf mit Ruhm und Selbstzweifeln. In vielen Musiker-Biografien werden solche Brüche häufig als Eskalationsleiter gestaltet, die man am Ende mit einem „Danach wird alles besser“ auflöst. „Better Man“ nimmt die Brüche dagegen ernster, weil sie im Gewand einer Nicht-Menschlichkeit gezeigt werden. Dadurch verschiebt sich die Bewertung: Fehler sind weniger „Skandale eines Stars“, sondern werden zu Symptomen eines Zustands – und genau darauf reagierten Kinobesucher teils irritiert.
Marktseitig zeigt sich die Relevanz dieser Form auch daran, wie der Film vermarktet und verteilt wird: ProSieben zeigte „Better Man – Die Robbie Williams Story“ am 2. August um 20.15 Uhr, parallel lässt er sich im Stream kaufen und geliehen, etwa bei Amazon. Für die Branche ist das ein interessanter Hinweis auf die aktuellen Sehgewohnheiten: Ein risikoreiches Format wie ein CGI-gestütztes Biopic braucht nicht zwingend einen rein „klassischen“ Kinapfad, solange die Anschlussfähigkeit im Streaming gegeben ist. Zugleich bleibt eine Frage offen, die über Robbie Williams hinausweist: Wie weit können Filme mit radikal veränderter Darstellung gehen, ohne dass das Publikum die emotionale Intention verliert? Bei „Better Man“ scheint die Balance bisher zu funktionieren – auch wenn die Einstiegsreaktionen im Kino zeigen, dass der Weg zum Mitgefühl nicht bei allen sofort derselbe ist.
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