LONDON (IT BOLTWISE) – Russlands Rassvet-Programm liefert zwar bereits Satelliten in den Orbit, erreicht aber offenbar nicht die geplante Zielhöhe von etwa 800 Kilometern. Nach zwei Startkampagnen kamen bisher 32 Rassvet-Satelliten in den niedrigen Erdorbit, doch keine erreichte die vorgesehenen 500 Meilen. Besonders die ersten 16 Satelliten zeigen ein gemischtes Bild: Ein Teil stabilisieren sich bei rund 500 Kilometern, andere scheinen Probleme zu haben oder sogar auszufallen. Gleichzeitig bleibt unklar, ob der Kurs bewusst angepasst wurde oder ob technische und industrielle Engpässe die Taktung der geplanten Megakonstellation ausbremsen.

Russland versucht, mit Rassvet eine eigene Version der LEO-Satellitenkonstellation aufzubauen, die für weltweite Datenverbindungen wie ein „Internet aus dem All“ funktioniert. Doch die bislang veröffentlichten Flugfortschritte passen nicht zu dem Anspruch, den Start einer vollständigen „Starlink-ähnlichen“ Infrastruktur rasch in eine belastbare Betriebsphase zu überführen. Nach zwei Startwellen im März und Juli haben zwar 32 Rassvet-Satelliten den niedrigen Erdorbit erreicht, aber keine einzige Einheit ist bisher in der für den Betrieb vorgesehenen Höhe von rund 500 Meilen (800 Kilometer) angekommen. Diese Lücke im Orbit-Plan wirkt umso deutlicher, weil die Konstruktion laut den verfügbaren Einschätzungen eigentlich darauf setzt, dass die Satelliten ihren Höhenversatz anschließend mit eigenen Plasma-Triebwerken selbst ausgleichen.
Technisch betrachtet entscheidet genau dieser „Orbit-Raise“-Schritt darüber, ob ein Satellit rechtzeitig in das gewünschte Höhen- und Bahnregime gelangt, in dem später die Kommunikation zuverlässig ausgerichtet werden kann. Die ersten 16 Satelliten der März-Mission haben laut einer Auswertung des Institute for the Study of War überwiegend eine stabile Zwischenhöhe erreicht: Zwölf Einheiten „haben sich“ bei etwas mehr als 300 Meilen (500 Kilometern) eingependelt. Daneben gibt es aber ebenso markante Ausreißer: Ein Satellit aus derselben Gruppe führte offenbar keine relevanten Bahnmanöver durch und trat bereits im Juni wieder in die Atmosphäre ein. Für die zweite Startgruppe, die im Juli ausgebracht wurde, deuten die Beobachtungen sogar auf anhaltende Schwierigkeiten hin; zwei Satelliten sollen nach dem Start keine Manöver mehr durchgeführt haben und auf eine frühere Rückkehr hindeuten, während weitere Einheiten zwar anfangs stiegen, anschließend aber das Anheben der Bahn entweder deutlich verlangsamten oder ganz stoppte.
Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob hier überwiegend „normale“ Anlaufprobleme vorliegen oder ob bereits ein echter Anteil an Fehlfunktionen die Serienfähigkeit infrage stellt. Die verfügbaren Zahlen liefern einen plausiblen Referenzrahmen: Bei frühen Starlink-Prototypen traten laut dem unabhängigen Tracker Jonathan McDowell anfänglich deutlich höhere Ausfallraten auf, bevor sich die Zuverlässigkeit in späteren Generationen sichtbar verbesserte. Bei Rassvet ist diese Lernkurve bislang nicht so klar abzulesen, gleichzeitig lassen die Beobachtungen aber mindestens drei Ausfälle unter den ersten 32 Satelliten wahrscheinlich erscheinen. Der Kernpunkt für Entscheider ist dabei weniger die Debatte über einzelne Zeitpunkte, sondern die Gesamtwirkung auf die geplante Konstellation: Wenn sich Satelliten über Monate nicht zielkonform bewegen, verzögert sich nicht nur die Abdeckung, sondern auch die Koordination mehrerer Umlaufbahnen, die für kontinuierliche Netzfenster notwendig ist.
Unterdessen existieren mehrere technische und operative Erklärungen, die auch ohne „Scheitern“ auskommen könnten. So ist es denkbar, dass russische Planer aus bislang nicht öffentlich bekannten Gründen die ursprüngliche Missionshöhe geändert haben: Starlink fliegt schließlich näher bei etwa 300 Meilen, was die Verzögerungszeit und damit die wahrgenommene Performance für Nutzer am Boden verbessern kann. Allerdings erkauft man sich diese Nähe zur Erdoberfläche typischerweise mit einem anderen Bedarf an Satellitenanzahl, um globale Abdeckung ohne Lücken zu erreichen. Auch die Bahngeometrie spielt eine Rolle: Konstellationen wie Starlink, Rassvet sowie die chinesischen Projekte Guowang und Qianfan verteilen ihre Satelliten über mehrere Orbitalebenen, und genau dort kann das „Absinken“ oder „Ziehen“ von Bahnen in niedrigeren Höhen über viele Monate absichtlich so getaktet werden, dass sich die Endkonfiguration später in die richtige Lage „einschwingt“. Für Ground-Teams wäre das eine pragmatische Strategie, um Startfenster zu überbrücken, aber es kollidiert mit dem operativen Druck, den das Programm für den realen Einsatz in der Ukraine offenbar erfüllen soll.
Für die Markt- und Industriesicht wird das Thema zudem durch den Kontext der Zugangs- und Nutzungskrise verschärft. Nach Angaben aus dem Quelltext blockierte SpaceX im Februar den Zugang zu Starlink durch nicht registrierte Nutzerterminals in der Ukraine, um eine unzulässige Nutzung für militärische Operationen einzudämmen. Rassvet war zwar seit Jahren in der Planung, aber der erste Start im Folgezeitraum sollte für russische Militärplaner offenbar die Hoffnung liefern, bald wieder über eine „häufig verfügbares“ Satellitenbroadband zu verfügen – diesmal domstiziert und unter eigener Kontrolle. Dass diese Hoffnung nun in der Orbit-Höhe stecken bleibt, passt zu einem breiteren Muster: Die russische Raumfahrtindustrie gilt seit längerem als strukturell eingeschränkt durch Unterfinanzierung, Korruptions- und Produktionsengpässe sowie Zuverlässigkeitsprobleme. Der laufende Krieg verschärft diese Faktoren zusätzlich, etwa durch Cyber-, Drohnen- und Raketenrisiken gegen Infrastruktur, sowie durch Personal- und Budgetverschiebungen weg von zivilen Raumfahrtprogrammen hin zur Kriegswirtschaft.
Die aktuellen Flugbahnen sind dabei nicht nur ein technisches Detail, sondern unmittelbar sicherheitsrelevant. Laut der Einschätzung des Institute for the Study of War sind die zwölf Satelliten in der etwa 300-Meilen-Zwischenhöhe in einer Formation ausgerichtet, um die Ukraine zweimal täglich über Kommunikationsfenster von bis zu 90 Minuten zu überfliegen. Selbst wenn die Konstellation noch nicht kontinuierlich ausgebaut ist, kann sie für taktische Kommunikation und die Unterstützung fernoperierter Systeme weiterhin einen Unterschied machen. Gleichzeitig zeigt der Text auch die Größenordnung des Aufwands: Um die Abdeckung irgendwo in Richtung „kontinuierlich“ zu bewegen, wären 16 zusätzliche Starts nötig, während die ukrainischen Maßnahmen gegen Start- und Produktionskapazitäten offenbar auf Verzögerung zielen. Besonders einschneidend ist dabei der Angriff auf eine Fabrik, die die für Rassvet notwendigen Sojus-Raketen baut, sowie die erwähnten Drohnenangriffe auf den Plessezk-Kosmodrombereich, wo Sojus-Missionen starten.
Für die weitere Einordnung lohnt sich außerdem der Blick auf die Aussagen aus der Raumfahrtführung. Yuri Borisov, vormals Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roscosmos, sagte laut dem Quelltext in einem Interview im Jahr 2023 sinngemäß: „Es stellte sich heraus, dass wir dafür nicht bereit waren.“ Genau in dieser Spannung steckt die strategische Herausforderung von Megakonstellationen: Selbst wenn einzelne Satelliten funktionieren, bestimmt die industrielle Serienfähigkeit aus dem gesamten Systemverbund – Start, Transport, elektrische Bahnmanöver, Telemetrie, Betrieb und Ersatz – ob ein Netzplan in Monaten oder erst in Jahren Realität wird. Unabhängig davon, ob Rassvet teilweise bewusst niedriger operiert oder ob technische Probleme überwiegen, ist die zentrale Botschaft für Entscheider eindeutig: Solange die Mehrzahl der Satelliten nicht zuverlässig die Zielparameter erreicht, bleibt die geplante Starlink-Analogie eher ein Entwicklungs- als ein Betriebsversprechen.
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