BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, fordert angesichts der russischen Bedrohung einen deutlich schnelleren Ausbau der Bundeswehr. Er argumentiert, Deutschland müsse frühzeitig militärische Stärke demonstrieren, weil der Gegner „nicht auf unsere Fertigmeldung“ warte. Neben schnellerem Materialaufwuchs nennt er auch mehr Tempo bei der Umstrukturierung und bei der Weiterbildung des Personals. Als Beispiel führt er einen Basiskurs zur Drohnenbedienung an, den „jeder lernen“ müsse.

Heerinspekteur fordert Tempo-Plus beim Bundeswehr-Ausbau statt „Fertigmeldung“
Heerinspekteur fordert Tempo-Plus beim Bundeswehr-Ausbau statt „Fertigmeldung“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, setzt mit seiner Forderung nach „Höchstgeschwindigkeit“ einen klaren Schwerpunkt auf Geschwindigkeit als verteidigungsstrategisches Kriterium. In der Argumentation steht weniger die politische Debatte über einzelne Programme im Vordergrund als die operative Frage, wie schnell Fähigkeiten vom Beschaffungsprozess in die Truppe wandern. Hintergrund ist die aus seiner Sicht anhaltend akute Bedrohungslage durch Russland, die seiner Einschätzung nach nicht darauf wartet, dass die Bundeswehr ihre Vorhaben nach Plan abschließt. Diese Logik verschiebt die Planung von linearen Projektplänen hin zu Kapazitätsaufbau in Iterationen: schneller testen, schneller bereitstellen, schneller wieder nachschärfen.

Freuding verbindet diesen Tempo-Anspruch explizit mit der Fähigkeit, Abschreckung glaubwürdig zu machen. Er formuliert den Kern dabei als Vorwärtsprinzip: Eine frühzeitige Demonstration militärischer Stärke soll verhindern, dass ein potenzieller Angreifer handlungsfähig wird, bevor entsprechende Gegenmaßnahmen wirken. Dass er die Aussage mit Blick auf den Krieg in der Ukraine an die Bedrohungsdynamik koppelt, zeigt, warum „Fertigmeldung“ in seiner Darstellung als zu spät empfunden wird. Für den Technologie- und Rüstungsbereich bedeutet das: Nicht nur die Beschaffung neuer Systeme zählt, sondern auch, wie schnell bestehende Prozesse und Ausbildungswege so angepasst werden, dass neue Fähigkeiten sofort nutzbar sind.

Technisch betrachtet adressiert der Ansatz vor allem zwei Engstellen, die in vielen Streitkräften wiederkehren: die Verfügbarkeit geeigneter Plattformen und die schnelle Umwandlung von Technik in geübte Einsatzpraxis. Wenn Freuding die Umstrukturierung der Bundeswehr sowohl mit „technologischer Innovation“ als auch mit Weiterbildung verknüpft, meint er damit genau die Kette vom Material bis zur Bedienkompetenz. Gerade bei autonahen oder digital vernetzten Systemen – etwa Drohnen für Aufklärung oder taktische Unterstützung – entsteht der Nutzen nicht allein durch die Anschaffung. Entscheidend ist, wie schnell Soldatinnen und Soldaten das System in realistischen Abläufen beherrschen, inklusive Umgang mit Funkverbindungen, Nutzlasten, Sicherheitskonzepten und der Einbettung in eine gemeinsame Lageauswertung.

Als konkretes Beispiel nennt Freuding einen Basiskurs zur Drohnenbedienung, den „jeder lernen“ müsse und „jeder können“ müsse. Diese Formulierung ist mehr als ein Ausbildungstipp; sie steht für eine breitere Kompetenzverteilung, die die Einsatzfähigkeit erhöht, weil nicht jede Fähigkeit an wenige Spezialisten gebunden bleibt. In der Praxis lässt sich das mit modernen Ausbildungslogiken vergleichen, die auf kurze, wiederholbare Lernmodule setzen: standardisierte Bedienabläufe werden so trainiert, dass sie auch unter Stress abrufbar sind, während weitergehende Spezialtrainings darauf aufbauen. Für Unternehmen und Technologieanbieter ist genau diese Schnittstelle relevant, denn sie entscheidet, ob neue Systeme im Betrieb tatsächlich funktionieren oder ob sie in der Truppe zunächst nur theoretisch „vorhanden“ sind.

Der Appell an Tempo wirkt auch deshalb bedeutsam, weil Umstrukturierung in der Bundeswehr typischerweise mehrere Ebenen berührt: Personalstruktur, Dienstposten, Einsatzverfahren und nicht zuletzt die zeitliche Abstimmung zwischen Beschaffung und Ausbildung. Wenn Freuding fordert, bei der Neustrukturierung „an Kampfkraft und an Einsatzwert“ zu gewinnen, beschreibt er damit ein Zielbild, das über reine Stückzahlen hinausgeht. Ein System kann modern sein, aber sein Einsatzwert steigt erst, wenn es mit passenden Doktrinen, Schnittstellen und Trainingsstandards zusammenspielt. Genau hier spielt die sogenannte MLOps-Analogie aus der Software-Welt hinein: Wie in der KI-Entwicklung ein Modell erst mit Monitoring, Feedback-Schleifen und operativen Workflows nutzbar wird, braucht auch die militärische Technik eine laufende Rückkopplung zwischen Einsatzanforderungen und Ausbildungs- bzw. Betriebsprozessen.

Mit Blick auf den Markt zeigt sich zudem, dass Verteidigungsfähigkeiten zunehmend als Software- und Netzwerkproblem auftreten. Selbst wenn eine Drohne „Hardware“ ist, hängt ihr Nutzen stark davon ab, wie Daten verarbeitet, Systeme integriert und Abläufe in Kommunikationsketten umgesetzt werden. Dadurch entsteht ein Wettbewerb um nicht nur Leistungswerte, sondern vor allem Nutzbarkeit: Wie schnell lässt sich ein System integrieren, wie gut lassen sich Bedienkompetenzen standardisieren, wie schnell können neue Funktionen eingespielt und trainiert werden? Freuding stellt diese Nutzbarkeit in den Mittelpunkt, indem er die Weiterbildung als zweiten Turbo beschreibt. Für Technologieanbieter heißt das, dass Dokumentation, Schnittstellen, Schulungskonzepte und Support-Mechanismen ebenso Teil der „Lieferung“ werden wie das Gerät selbst.

Offen bleibt in seiner Darstellung vor allem der konkrete Zeitplan, den er für den Umbau und die Kapazitätserhöhung erwartet. Dennoch lässt sich aus seiner Logik ein klares Organisationsmuster ableiten: Wer „Höchstgeschwindigkeit“ fordert, muss zugleich Freiräume für Parallelisierung schaffen – also Ausbildung und Bereitstellung nicht erst am Ende eines Projekts bündeln, sondern frühzeitig starten. Das betrifft beispielsweise die Frage, wie Basiskurse rollierend eingeführt werden können, wie Trainingsplattformen verfügbar sind und wie Rückmeldungen aus Übungen in nachgelagerte Anpassungen einfließen. Für den Zeitraum zwischen Ankündigung und wirksamem Einsatz ist die Fähigkeit entscheidend, die Differenz zwischen Planungsstand und Einsatzstand zu verkleinern.

Für die nächsten Schritte in der Bundeswehr bedeutet der Appell damit vor allem eines: weniger Warten auf „Fertigmeldungen“, mehr iterative Bereitschaft. Wenn Freuding zudem betont, dass Deutschland durch frühzeitige Stärke abschrecken will, verschiebt sich die Messgröße von Projektmeilensteinen hin zu tatsächlicher Fähigkeit – also wie schnell Einheiten handlungsfähig werden, in Aufklärung, Wirkungsketten und Unterstützung. In einer technologisch geprägten Verteidigungslage wird diese Handlungsfähigkeit immer stärker davon abhängen, ob sich neue Systeme mit trainierbaren Routinen und verständlichen Bedienwegen verbinden lassen. Der Hinweis auf den Drohnen-Basiskurs signalisiert, dass genau an dieser Stelle die nächsten Hebel gesetzt werden sollen.

Gleichzeitig bleibt für Entscheiderinnen und Entscheider eine anspruchsvolle Balance: Tempo erhöhen, ohne Qualität in sicherheitskritischen Abläufen zu opfern. Der Schlüssel liegt in standardisierten Trainings, klaren Rollen im Betrieb und einer durchgehenden Kette von der Beschaffung bis zum Alltag in der Einheit. Die Forderung des Heerinspekteurs macht damit deutlich, dass moderne Verteidigungsfähigkeit nicht allein aus Technik entsteht, sondern aus dem Zusammenspiel von Technik, Ausbildung und Einsatzpraxis – und dieses Zusammenspiel soll nach seiner Einschätzung schneller entstehen als bisher.


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