ST NEOTS / LONDON (IT BOLTWISE) – Der britische Telekomkonzern BT rechnet durch das Recycling alter Kupferkabel mit einem deutlich höheren Erlöspotenzial. Hintergrund ist der stark gestiegene Kupferpreis, während der Konzern sein Netz schrittweise auf Glasfaser umstellt. Für Openreach läuft das Programm bereits auf die Rückgewinnung von tausenden Tonnen Kupfer hinaus. Gleichzeitig sorgt die hohe Materialnachfrage aus KI-Rechenzentren und der Energiewende für einen strukturell festen Markt.

BT baut sein altes Kupfernetz ab und dreht damit einen Teil der Infrastrukturverwertung in Richtung Rohstoffhandel: Das Recycling von Altkabeln kann nach Angaben aus dem laufenden Programm in Summe einen Wert von mehr als zwei Milliarden Pfund erreichen. Ausschlaggebend ist nicht die Menge an Altmaterial allein, sondern die Preisentwicklung bei Kupfer, die sich zuletzt spürbar vom historisch eher gedämpften Niveau entfernt hat. Parallel entsteht beim Netzumbau durch Openreach zusätzlicher „Input“: Wenn Kupferleitungen ausgedient haben, werden größere Mengen Kabelmaterial frei, das sich technisch und vertraglich in verwertbare Fraktionen zurückführen lässt.
Im vergangenen Geschäftsjahr bis Ende März holte BT knapp 10.000 Tonnen Kupfer aus dem eigenen Netz zurück. Das entspricht einer Steigerung um 63 Prozent gegenüber dem Vorjahr und liegt laut den Programmdaten fast dreimal so hoch wie im Geschäftsjahr 2024. Seit dem Start des Programms im Jahr 2023 summiert sich die Rückgewinnung auf 22.347 Tonnen. Für die Quartals-Logik im Konzern ist dabei besonders relevant, dass die Einnahmen aus dem Recycling nicht vollständig in festgeschnürte Abnahmeverträge überführt sind: Ein Teil des zurückgewonnenen Kupfers kann demnach auch am freien Markt verkauft werden, wodurch BT bei steigenden Metallpreisen tendenziell stärker profitiert.
Openreach arbeitet dafür mit dem britischen Recyclingunternehmen EMR zusammen und hat für zusätzliche Mengen bereits Vorauszahlungen erhalten. Genannt werden 99 Millionen Pfund als Vorschuss für weitere Kupfermengen sowie 105 Millionen Pfund, die im Jahr 2024 bereits geflossen sein sollen. Gleichzeitig skizziert Openreach eine Größenordnung, die in den 2030er-Jahren aus dem Abbau alter Leitungen entstehen könnte: insgesamt bis zu 200.000 Tonnen Kupfer aus dem alten Netz. In dieser Größenordnung verschiebt sich das Thema von „Nebenverdienst“ hin zu einem strukturellen Werthebel, zumal vor zwei Jahren der mögliche Gegenwert noch auf rund 1,5 Milliarden Pfund geschätzt wurde und bei heutigen Kupferpreisen nun ein Mehrwert oberhalb von zwei Milliarden Pfund als realistisch gilt.
Der Grund für den Kupfer-Run liegt weniger im Telekomkontext als in der Energie- und Rechenzentrumsrealität. Kupfer wird in Stromleitungen, Elektroanlagen, Rechenzentren und Windkraftanlagen eingesetzt; besonders der Ausbau von KI-Infrastruktur erhöht dabei den Bedarf. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass die weltweite Kupfernachfrage bis 2040 im Szenario der bereits beschlossenen politischen Maßnahmen um rund 30 Prozent gegenüber dem heutigen Stand steigt. Auch S&P Global nennt einen Zuwachs in der Größenordnung von 28 Millionen Tonnen 2025 auf 42 Millionen Tonnen 2040; ohne einen deutlichen Ausbau der Förderung könnte bis 2040 zusätzlich eine jährliche Lücke von rund 10 Millionen Tonnen entstehen. Genau in solchen Angebots-/Nachfrageszenarien reagieren Rohstoffmärkte oft schnell, was erklärt, warum Netzinvestitionen und Materialrückgewinnung zeitlich zusammenfallen.
So attraktiv Kupfer als Erlösbaustein auch wirkt, so deutlich zeigen sich die Schattenseiten. Weil das Metall hohe Preise erzielt, zieht es Diebstahl zunehmend an: In Großbritannien wurden Kupferkabel aus Telefonnetzen, Eisenbahnstrecken und sogar Windparks gestohlen. Allein im englischen St Neots kam es innerhalb eines Monats zweimal zu Vorfällen, bei denen fast 1,6 Kilometer unterirdisch verlegte Kabel beschädigt wurden. Openreach setzt deshalb unter anderem auf einen synthetischen DNA- und UV-Marker, den man auf Händen und Kleidung übertragen kann, damit die Polizei gestohlenes Kupfer besser den Tätern zuordnen kann; zugleich bleibt die praktische Grenze, dass bereits unterirdisch verlegte Kabel damit nicht nachträglich markiert werden können.
Für Anleger entsteht daraus ein zweigeteiltes Bild: Zum einen ist Kupfer ein „Zukunftsmarkt“ für Elektrifizierung, zum anderen bleibt die Preisentwicklung volatil, obwohl die strukturelle Nachfrageerwartung positiv ist. Wer auf steigende Kupferpreise setzt, kann dies über Kupfer-ETCs tun, die die Kursentwicklung des Kupfers direkt oder über Terminkontrakte abbilden, allerdings mit entsprechendem Preisrisiko. Alternativ bieten Kupferproduzenten-Aktien eine zweite Hebelmechanik: Höhere Verkaufspreise können bei gleichbleibenden Kosten die Margen verbessern, dafür treten Unternehmensrisiken wie Minenrisiko, Kostenentwicklung, Genehmigungen oder politische Rahmenbedingungen in den Förderländern stärker in den Vordergrund. Eine breitere Diversifikation liefern Fonds, die entweder Rohstoffe oder den Bergbausektor breiter abbilden, wodurch das Einzelrisiko sinkt.
Unter dem Strich zeigt der BT/Openreach-Fall, wie eng Infrastruktur-Transformation, Rohstoffpreise und KI-Getriebene Nachfrage inzwischen miteinander verwoben sind. Für Telekom- und Infrastrukturbetreiber wird das Recycling alter Leitungen damit auch zu einer strategischen Frage: Nicht nur, wie schnell Glasfaser ausgerollt wird, sondern auch, wie gut sich Materialien in verwertbare Wertströme überführen lassen. Für die nächsten Quartale bleibt dabei entscheidend, ob der Kupfermarkt seine Aufwärtsdynamik behält und wie stark die Rückgewinnungsmengen programmatisch skalieren. Gleichzeitig macht das Thema Diebstahlschutz deutlich, dass Erlöspotenziale ohne robuste Sicherheits- und Nachverfolgungsmechanismen schnell in operative Kosten kippen können.
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