LONDON (IT BOLTWISE) – Der Heeresinspekteur Christian Freuding verlangt deutlich mehr Tempo beim Ausbau der Bundeswehr. Er verknüpft die Forderung nach Höchstgeschwindigkeit mit der Kernidee glaubwürdiger Abschreckung. Dafür fordert er zusätzlich zu Gerät und Personal auch eine sofortige, praxisnahe Ausbildung für den Einsatzwert – vom Drohnenbetrieb bis zur Kampfkraft. Aus seiner Sicht kann Verwaltungsgeschwindigkeit den Fähigkeitsaufbau nicht ersetzen.

Heeresinspekteur Freuding fordert Tempo beim Bundeswehr-Ausbau
Heeresinspekteur Freuding fordert Tempo beim Bundeswehr-Ausbau (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Appell von Generalleutnant Christian Freuding ist weniger eine neue Strategie als eine harte Terminkorrektur. Wenn die Bundeswehr ihre Abschreckungsfähigkeit stärken soll, dann müsse der Fähigkeitenaufbau schneller und spürbarer werden, argumentiert der Heeresinspekteur. Im Kern geht es dabei um ein klassisches Spannungsfeld: Politik und Verwaltung planen häufig in langen Zyklen, während Bedrohungen und Gegenmaßnahmen in der Praxis nicht warten. Freuding macht daraus eine klare Erwartung an die Umsetzung – nicht nur mehr Einsatzbereitschaft im Haushalt, sondern auch schnellere Befähigung auf dem Boden.

Seine Aussage „Abschreckung funktioniert nur, wenn sie glaubwürdig ist“ lässt sich technisch und organisatorisch übersetzen: Abschreckung ist kein reines Signal nach außen, sondern entsteht aus nachprüfbarer Wirkungskette – Verfügbarkeit von Personal, einsatzfähigem Gerät und einer Ausbildung, die diese Geräte im Ernstfall zuverlässig beherrschbar macht. Glaubwürdigkeit heißt damit auch, dass der Weg vom Beschaffungsauftrag bis zum operationellen Nutzen nicht zu lang werden darf. Das betrifft zum Beispiel die organisatorische Einbindung neuer Systeme in bestehende Ausbildungs- und Einsatzprozesse: Wer ein System beschafft, muss gleichzeitig sicherstellen, dass es im Alltag der Truppe trainiert, gewartet und in taktische Abläufe integriert wird. Genau hier setzt Freudings Dringlichkeit an, weil Zeitverzug die Wirkungskette reißt.

Freuding benennt als Leitbild außerdem den „Einsatzwert“ statt bloßer Modernität. Besonders deutlich wird das in seinem Wunsch, dass jeder Soldat Drohnen bedienen können soll – nicht als Spielerei, sondern als Teil der Überlebensfähigkeit im Gefecht. Technisch betrachtet ist das ein Beispiel für Fähigkeiten, die nicht einfach „mitlaufen“, nur weil Geräte vorhanden sind. Drohnensysteme verlangen typische Kompetenzen entlang des gesamten Lebenszyklus: sichere Start- und Landeverfahren, Funk- und Datenlink-Handling, Lageeinschätzung aus Sensorbildern, sowie das Umschalten zwischen Aufklärungsmodus und operativen Szenarien. Auch die Grenzen müssen trainiert werden, etwa bei Reichweite, Störanfälligkeit oder Datenqualität. Wenn das gelingt, steigt der Nutzen pro Soldat, weil weniger Spezialisten gebraucht werden und das System schneller in lokale Entscheidungen eingebunden wird.

Der Heeresinspekteur stellt daneben eine zweite Forderung in den Vordergrund: Umstrukturierung solle Kampfkraft verbessern, nicht vor allem Verwaltungspersonal ausbauen. Damit verschiebt sich der Fokus in Richtung eines oft unterschätzten Engpasses: der operativen Kapazität. In der Praxis entstehen Verzögerungen nicht nur durch Genehmigungsprozesse, sondern auch durch Schnittstellen zwischen Beschaffung, Ausbildung, Logistik und Einsatzplanung. Ein „schneller“ Ausbau bedeutet deshalb nicht nur, schneller zu bestellen, sondern auch schneller zu skalieren: Trainingskapazitäten müssen mitwachsen, Wartungs- und Ersatzteilketten müssen funktionieren, und Kommandostrukturen brauchen klare Verantwortlichkeiten. Genau deshalb spricht Freuding von Höchstgeschwindigkeit als Test, ob Berlin die Konsequenzen aus früheren Verzögerungen ernst nimmt.

Bemerkenswert ist auch die finanzielle Logik, die er in den Mittelpunkt stellt. Jede Verzögerung koste den Steuerzahler doppelt: zunächst durch höhere Ausgaben, später durch verlorene Abschreckung. Diese Doppelwirkung lässt sich in Planungsrealität wiederfinden, etwa wenn ein ursprünglicher Fähigkeitsbedarf in die Zukunft geschoben wird und damit Folgekosten steigen – etwa durch längere Nutzung alter Systeme, schnellere Wertverluste bei veralteter Technik oder ineffiziente Nachsteuerungen, weil sich Rahmenbedingungen zwischenzeitlich ändern. Gleichzeitig hat ein Fähigkeitsaufbau ohne zeitlichen Bezug einen zweiten Preis: Er kommt nicht in dem Moment, in dem er politisch und militärisch Wirkung entfalten soll. Der Satz ist politisch zugespitzt, aber die Mechanik dahinter ist nachvollziehbar.

Im Hintergrund steht zudem ein europäischer Trend, der auch außerhalb des konkreten Beispiels sichtbar ist: Verteidigungsfähigkeit wird zunehmend als „System aus Menschen und Prozessen“ verstanden, nicht nur als Lagerbestand an Plattformen. Staaten und Streitkräfte reagieren damit auf den Unterschied zwischen technologischer Beschaffung und einsatzbereiter Fähigkeit. Dort, wo andere Länder früh stärker auf Trainings- und Kompetenzaufbau setzten, verkürzt sich der Weg zur tatsächlichen Nutzung häufig durch standardisierte Ausbildungswege, klare Kompetenzprofile und konsequente Integration in Übungen. Freuding greift diesen Gedanken auf, indem er Kompetenz über Quoten stellt: Wenn Ausbildung und Zuweisungslogik nicht sauber geplant sind, entsteht kein Mehrwert – dann stehen Soldaten vor Gerät, das sie nicht im gewünschten taktischen Kontext bedienen können.

Für Unternehmen und Dienstleister, die im Verteidigungs- und Sicherheitsumfeld arbeiten, steckt in Freudings Forderung ein konkreter Auftrag zur Prozessfähigkeit: Lieferketten, Test- und Abnahmeabläufe sowie Trainings- und Supportkonzepte müssen so gestaltet werden, dass aus einem Projekt nicht nur ein Vertrag wird, sondern ein schneller Betrieb. Gleichzeitig wird damit der politische Hebel sichtbar, der in vielen Debatten untergeht: Bürokratische Hemmnisse sind kein Nebenthema, sondern ein zentraler Kosten- und Tempofaktor. Die kommenden Entscheidungen werden sich daran messen lassen müssen, ob aus „Tempo“ ein belastbarer Umsetzungsmodus wird – mit messbaren Übergaben von Beschaffung zu Ausbildung, von Ausbildung zu Einsatzbereitschaft und von Einsatz zu Rückkopplung. Freudings Botschaft zielt letztlich auf eine neue Priorisierung: Verteidigung ist in seiner Darstellung keine Verhandlungssache, sondern eine Fähigkeit, die sich nur durch konsequentes, schnelles Handeln aufbauen lässt.

Wie schnell dieser Wandel gelingt, wird sich daran zeigen, ob die Bundeswehr die Lücke zwischen Planung und Nutzung schließt, ohne die Ausbildung zu verkürzen oder die Einsatzintegration zu vernachlässigen. Freuding fordert dafür Höchstgeschwindigkeit – und damit auch die Bereitschaft, Verantwortung über die klassischen Ressortgrenzen hinweg zu übernehmen. Denn im Gegensatz zu einem Schreibtischprojekt lässt sich glaubwürdige Abschreckung nicht auf später verschieben. Sie entsteht, wenn Zeitpläne, Kompetenzaufbau und Gerätedisposition zusammenpassen.


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