LONDON (IT BOLTWISE) – Das US Department of Veterans Affairs erhöht das Vertragslimit für die Oracle-Modernisierung seines elektronischen Patientenakten-Systems auf rund 27 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig wird ein Gesamtbudget von etwa 48 Milliarden US-Dollar bis 2031 genannt, das über reine Entwicklung hinaus auch Betrieb und Pflege umfasst. Im Kongress blieb aber unklar, warum sich der zusätzliche Bedarf gegenüber dem ursprünglichen Ceiling von etwa 10 Milliarden so stark erhöht. Unabhängig davon plant VA weitere Rollout-Wellen bis 2031, während Aufsichtsgremien weiterhin Lücken bei Kosten- und Zeitplan-Dokumentation kritisieren.

Das US Department of Veterans Affairs (VA) hebt das Vertragslimit für die Modernisierung seines elektronischen Gesundheitsdatensystems deutlich an: Statt eines ursprünglichen Deckels von ungefähr 10 Milliarden US-Dollar wird das Maximum des Oracle-Vertrags nun auf rund 27 Milliarden US-Dollar beziffert. Im Kern geht es nicht um bereits ausgegebene Mittel, sondern um den maximalen Wert, bis zu dem einzelne Leistungsabrufe innerhalb des Kontraktrahmens beauftragt werden können. Der Schritt fällt zeitlich in eine Phase, in der der Kongress die Frage nach der Kostenentwicklung besonders kritisch begleitet und bei der Oversight-Verantwortung auf Transparenz pocht.
Technisch und organisatorisch hängt die Höhe des Deckels eng mit der Art der Vertragsabwicklung zusammen: Laut VA läuft der Vertrag auf Time-and-Materials-Basis. Das bedeutet, dass nicht von Beginn an eine feste Endsumme für alle Leistungen garantiert ist, sondern Arbeitspakete nach Aufwand verhandelt und dann innerhalb des Limits finanziell gebunden werden. Der neue Rahmen umfasst nach Angaben aus dem Anhörungsumfeld mehr als nur das elektronische Health-Record-System. Dazu zählen Software und Lizenzen, Hosting sowie Managed Services, außerdem Training, Tests, Datenmigration, Change Management und Deployment Support. Für die Rechnungs- und Controlling-Praxis ist das relevant, weil Kostenabweichungen nicht zwingend als „Überraschung“ wirken, wenn sie sich in nachgelagerten Projektphasen fortschreiben.
Politisch und wirtschaftlich entlädt sich diese Logik jedoch an einem Vergleichspunkt, der im Verfahren mehrfach aufgegriffen wurde: Das Ceiling liegt deutlich über dem, was VA zuvor für den Deal mit Cerner in 2018 vereinbart hatte. Cerner wurde später von Oracle übernommen, und damit verschob sich der operative Vertragspartner, während die Erwartungen an Kostenstabilität und Planbarkeit gleichsam im Raum blieben. VA Deputy Secretary Paul Lawrence verwies darauf, dass die Abteilung für die Fertigstellung des Deployments bis 2031 eine Kostenschätzung erarbeitet, Oracle um ein entsprechendes Angebot gebeten und anschließend die Verhandlungen über die Akquisitionsteams laufen ließ. Gleichzeitig blieb in der Anhörung unbeantwortet, wie genau sich das Angebot des Unternehmens auf etwa 17 Milliarden US-Dollar Mehrbedarf „summiert“, welche Teile daraus VA konkret verhandelt oder abgeschöpft hat und welcher technische oder administrative Trigger die zusätzliche Größenordnung ausgelöst haben soll.
Damit wird auch der von VA genannte Gesamtbetrag von rund 48 Milliarden US-Dollar bis 2031 ein Streitpunkt, weil er den Eindruck erwecken kann, die Kostenargumentation sei bereits abschließend. Lawrence sagte in diesem Kontext, dass VA für die Fertigstellung rund 37 Milliarden US-Dollar veranschlage und zusätzlich ungefähr 11 Milliarden US-Dollar für Sustainment erwartet. Die genaue Einordnung dieses Werts blieb jedoch verwickelt: Auf Nachfrage räumte Lawrence ein, dass die Zahl nicht als unabhängig im Sinne einer getrennten Neuschätzung zu verstehen sei, sondern in der Kommunikation offenbar anders als zunächst dargestellt. Parallel dazu kritisierte das Government Accountability Office (GAO), dass VA noch kein aktualisiertes Kostenszenario und keine detaillierte Zeitplan-Dokumentation geliefert habe, die GAO in die Lage versetze, die Terminplanung gegen „leading practices“ zu prüfen. Auch bei den 18 Empfehlungen rund um die EHR-Modernisierung heißt es, VA habe bis August nur vier vollständig umgesetzt.
Während Aufsicht und Budgetplanung an Genauigkeit drehen, steht die operative Frage im Raum, ob die zusätzliche Investition bereits messbar bessere Versorgung bringt. VA verwies in der Anhörung auf den Stand der Rollouts: Bis 2026 seien 11 Standorte angebunden, Cleveland und Anchorage sollen im Oktober live gehen. Für 2027 seien 26 weitere Site-Deployments geplant, und VA erwarte, die Deployment-Wellen bis 2031 fortzusetzen. Lawrence führte außerdem „return to normal“-Messgrößen an, um die Erholung nach der Implementierung zu bewerten, darunter Kennzahlen zur Notaufnahme-Frequenz, zu ambulanten Besuchen, zu Operationen und zur stationären Versorgung. Zudem erklärte er, Trouble Tickets würden mit jeder nachfolgenden Deployment-Runde weniger, und am Beispiel Indiana sei am 12. Tag mehr als 75% der Ticketmeldungen geschlossen und von den Endnutzern bestätigt worden.
Gleichzeitig wurden im Anhörungskontext konkrete Berichte genannt, die Zweifel an der Wirksamkeit dieser Metriken wecken. So sprach ein Abgeordneter von Berichten, wonach etwa 300 dermatologische Patientinnen und Patienten in einer VA-Einrichtung nach der Umstellung durch Oracle ihre Überweisungen verloren hätten, inklusive Fälle mit Krebsvorgeschichte. VA Chief Medical Officer Dr. Adam Evans ging darauf nicht mit einer direkten Erklärung ein, sondern bat darum, die Informationen bereitzustellen, damit die Abteilung die Vorfälle untersuchen könne. Auch beim Thema Training schilderten Abgeordnete ein Qualitätsproblem: VA-Mitarbeitende hätten zwar bestätigt, die erforderliche Schulung absolviert zu haben, aber nicht mit ausreichender Sicherheit arbeiten zu können; zudem hätten neue Beschäftigte teils zwei bis vier Wochen lang keine Dokumentation der Versorgung nachweisen können. Lawrence verteidigte die Trainingsanforderungen, räumte aber ein, dass VA weiterhin Anpassungen aufgrund von Rückmeldungen aus den jüngsten Deployments vornimmt.
Aus Sicht der Umsetzungs- und Lieferkettenlogik bleibt damit vor allem die Governance offen: Wie werden Zusagen aus früheren Projektphasen verhandlungswirksam, wenn sich Kosten und Projektkomplexität verschieben? Im Anhörungsumfeld wurde zudem auf eine frühere Aussage des Oracle-Health-CEOs Mike Sicilia verwiesen, wonach das Unternehmen bereit gewesen sei, Kostenüberschreitungen im Zusammenhang mit dem VA-Vorhaben mitzutragen. Lawrence sagte, er kenne die Aussage, könne aber nicht erklären, wie sie in die aktuellen Vertragsverhandlungen eingeflossen sei. Als Gegenmaßnahme blieb auch deshalb der Ruf nach stärkerer unternehmensseitiger Rechenschaft bestehen, wobei Oracle nicht selbst zur Verfügung stand. Für die Praxis in Deutschland lassen sich daraus vor allem zwei Lehren ableiten: Erstens müssen Kosten- und Zeitplanannahmen so dokumentiert sein, dass Aufsicht und Fachabteilungen sie gegeneinander prüfen können; zweitens sollten Wirkungskennzahlen (z. B. Patientensicherheit, klinische Prozessfähigkeit) frühzeitig als belastbare Kriterien fest in das Test- und Rollout-Design integriert werden.
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