BERGHEIM/TURNOW-PREILACK/BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Angriffen auf das Stromnetz in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen rückt der Schutz kritischer Infrastruktur stärker in den Fokus. Hans-Walter Borries warnt vor einer Bedrohungslage, die er als hybrid und „vorkriegsführend“ beschreibt. Unternehmen stehen nach seinen Worten vor der Frage, ob sie deutlich mehr in technische Schutzmaßnahmen investieren müssen. Politik und Verbände fordern zugleich klarere Regeln dazu, wer bei Bereichen wie Drohnenabwehr handeln darf und welche Qualifikationen sowie Haftungen dafür gelten.

Die Debatte um den Schutz des Stromnetzes bekommt nach Vorfällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen eine neue Dringlichkeit. Der Vize-Vorsitzende des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen, Hans-Walter Borries, ordnet die Lage dabei nicht als klassischen Cyberangriff ein, sondern als Muster, das er als hybrid und „vorkriegsführend“ beschreibt. In diesem Verständnis reicht es nicht mehr, einzelne Sicherheitslücken zu schließen; gefragt sind auch klare Verantwortlichkeiten, die zwischen Energieunternehmen, Landesbehörden und Bund sauber trennen.
Borries formulierte zugleich einen wirtschaftlichen Engpass. Er sagte, die technischen Schutzmöglichkeiten seien grundsätzlich vorhanden, rechne aber mit einer „Vervier- bis Versechsfachung der Kosten“ für den Ausbau entsprechender Sicherheitsmaßnahmen. Genau dieser Kostenblock sei in vielen Unternehmen schwer zu tragen, insbesondere wenn der Aufbau nicht nur präventive Systeme betrifft, sondern auch Betriebs- und Reaktionsfähigkeit. Für IT- und Security-Verantwortliche bedeutet das: Sicherheitskonzepte müssen sich stärker an Bedrohungsszenarien messen lassen, die über reine IT-Resilienz hinausgehen und auch physische Wirkketten in Betracht ziehen.
In der politischen Diskussion kommt zusätzlich die Frage hinzu, wer überhaupt handeln darf, wenn es um hochsensible Sicherheitsaufgaben geht. Nordrhein-Westfalens Innenminister Reul stellte die Grundsatzfrage, ob Betreiber von kritischer Infrastruktur etwa Videoüberwachung und Drohnenabwehr einsetzen dürfen. Solche Maßnahmen liegen an der Schnittstelle zwischen privater Sicherheit und hoheitlichen Befugnissen: Videoüberwachung kann zwar zur Gefahrenabwehr beitragen, berührt aber zugleich Datenschutz- und Zweckbindungsfragen. Drohnenabwehr geht darüber hinaus, weil sie in der Praxis schnell in Bereiche hineinreicht, die eine besondere rechtliche Grundlage und klare Einsatzgrenzen erfordern.
Brandenburgs SPD-Innenpolitiker Erik Stohn widersprach dieser „Hardware-allein“-Logik und verwies auf gesetzliche Lücken. Er machte deutlich, dass Drohnenabwehr derzeit eine „absolut hoheitliche Aufgabe“ sei, zugeordnet für die Bundespolizei, die Landespolizei oder in bestimmten Fällen auch die Bundeswehr. Daraus folgt seiner Argumentation nach, dass Private nicht einfach ohne Rahmenbedingungen agieren können. Für Betreiber heißt das: Selbst wenn Technik wie Sensorik, Flugüberwachung oder Abschirmmechanismen vorhanden ist, entscheidet am Ende nicht nur der Machbarkeitsgrad, sondern der rechtssichere Einsatz.
Stohn brachte dabei drei Kernpunkte ins Spiel, die in der Praxis über den Alltag von Infrastrukturbetreibern entscheiden. Zunächst müsse geklärt werden, wer in welcher Lage handeln darf. Danach stellt sich die Frage nach der Qualifikation: Welche Ausbildung oder Erfahrung wird vorausgesetzt, damit ein Einsatz nicht nur technisch, sondern auch verantwortungsvoll erfolgt? Ebenfalls zu adressieren seien Haftungsfragen, also wer im Schadensfall verantwortlich ist und wie die Zuordnung im Zusammenspiel zwischen Betreiber und Behörden funktioniert. Damit wird aus einer Sicherheitsdebatte schnell ein Governance-Thema, bei dem Prozessdesign, Dokumentation und Verantwortungsmatrix genauso wichtig sind wie Erkennung und Reaktion.
Auch für die technische Architektur kritischer Infrastrukturen verschiebt sich damit der Schwerpunkt. Unternehmen müssen Schutzmaßnahmen so planen, dass sie im Ernstfall nicht „ins Leere“ laufen, etwa weil Befugnisse fehlen oder Schnittstellen zu Behörden nicht abgestimmt sind. In modernen Sicherheitskonzepten heißt das typischerweise: Ereigniserkennung, Eskalationspfade und Kommunikationswege werden enger gekoppelt, während gleichzeitig die operativen Limits von Systemen klar definiert bleiben. In der Diskussion um Videoüberwachung und Drohnenabwehr zeigt sich diese Logik besonders deutlich, denn hier hängt die Wirkung nicht nur von Sensorqualität ab, sondern auch davon, ob und wie Ergebnisse rechtssicher an zuständige Stellen übermittelt werden.
Unterm Strich treffen in den kommenden Monaten zwei Entwicklungen aufeinander: die steigende Komplexität hybrider Bedrohungslagen und der Bedarf nach verbindlichen rechtlichen Regeln für den Schutz aus einer Hand. Wenn Borries eine Vervier- bis Versechsfachung der Kosten erwartet, dann ist das weniger eine reine Budgetfrage als eine Planungsfrage für Jahrzehnte laufende Infrastrukturzyklen. Zugleich wird klar, dass Schutzkonzepte ohne abgestimmte Haftung, klar benannte Zuständigkeiten und definierte Qualifikationsanforderungen nicht belastbar skalieren. Betreiber, Politik und Verbände werden sich daher nicht nur über Technik streiten, sondern auch über die Spielregeln, unter denen Technik überhaupt operieren darf.
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