LONDON (IT BOLTWISE) – Die Schweizer Bundeskanzlei treibt einen Open-Source-Arbeitsplatz für die Bundesverwaltung an. Nach einer Machbarkeitsstudie namens „PoC BOSS“ soll der Rollout schrittweise starten und bis Ende 2027 tausende Arbeitsplätze abdecken. In einem Pilot mit 172 Mitarbeitenden zeigte sich die Lösung grundsätzlich geeignet – bei großen Videokonferenzen wurden jedoch Kapazitätsgrenzen sichtbar. Die erste Umsetzungsphase kostet laut Angaben der Regierung 9 Mio. Franken.

Schweizer Bundesverwaltung startet Open-Source-Arbeitsplatz bis 2027
Schweizer Bundesverwaltung startet Open-Source-Arbeitsplatz bis 2027 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Schweizer Bundesverwaltung wechselt nicht von heute auf morgen ihre komplette Office- und Produktivitätskette, sondern setzt auf einen geplanten, schrittweisen Rollout hin zu einer unabhängigen, quelloffenen Arbeitsumgebung. Auslöser ist ein Programm, das die Bundeskanzlei nach einer erfolgreichen Machbarkeitsstudie auf den Weg gebracht hat: „PoC BOSS“. Damit soll geprüft worden sein, ob sich eine Open-Source-Alternative zur gängigen Bürosoftware-Suite in den realen Anforderungen des Behördenalltags praktikabel betreiben lässt – inklusive der Frage, wie stabil das Ganze im Tagesgeschäft bleibt und wo die Grenzen liegen.

Zentral für die Entscheidung war laut den Angaben der Regierung eine Testphase mit 172 Mitarbeitenden. Diese konnten die angestrebte Lösung im Projektkontext erproben; als Software nennt der Bericht „Opendesk“. Ziel war dabei nicht nur ein technischer Probelauf, sondern eine Bewertung unter Bedingungen, wie sie im Verwaltungsbetrieb tatsächlich vorkommen: Dokumente bearbeiten, Kommunikation führen, Workflows im Alltag abwickeln und gleichzeitig die Anforderungen an Performance und Verlässlichkeit erfüllen. Genau an dieser Stelle zeigt sich der Charakter solcher Umstellungen: Selbst wenn die Basisfunktionen wie Textverarbeitung, Tabellen und Präsentationen „grundsätzlich geeignet“ sind, entscheidet die Detailarbeit darüber, ob ein System wirklich in Produktion gehen kann.

Die Studie identifizierte dabei konkrete technische Grenzen. Besonders deutlich wird der Engpass bei „großen Videokonferenzen“: Laut Bundesrat stieß die Open-Source-Lösung bei solchen Sessions an Kapazitätsgrenzen. Für die weitere Entwicklung und die Implementierung bedeutet das vor allem, dass Performance-Themen nicht erst im Betrieb auftreten dürfen, wenn bereits viele Nutzer umgestellt sind. Stattdessen müssen Skalierungspfade und Server-Ressourcen früh geplant werden, etwa durch gezieltes Kapazitätsmanagement, eine saubere Abstimmung der Komponenten und einen technischen Nachschärfungsprozess, der die identifizierten Schwachstellen adressiert, bevor die Nutzerzahlen weiter steigen.

Der Zeitplan sieht ebenfalls eine pragmatische Steuerung vor. Die Bundeskanzlei hatte bereits am 2. September 2026 über den offiziellen Start informiert, danach soll die Umsetzung in den kommenden Monaten sukzessive erfolgen. Bis Ende 2027 sollen dem Bericht zufolge 3.000 Bundesangestellte mit dem neuen System arbeiten. Diese Größenordnung ist aus IT-Sicht interessant: Sie ist groß genug, um praktische Betriebsrisiken zu erkennen, aber noch überschaubar genug, um in mehreren Iterationen nachzujustieren. Gleichzeitig ist der Schritt politisch wie organisatorisch als Maßnahme zur Stärkung der digitalen Souveränität beschrieben – mit dem Ziel, Abhängigkeiten von einzelnen Software-Herstellern zu reduzieren und die Kontrolle über die eingesetzte Infrastruktur zu erhöhen.

Finanziell nennt der Bericht für die erste Phase Kosten in Höhe von 9 Mio. Franken. Dabei ist wichtig, wie solche Programme typischerweise zusammengesetzt sind: Es geht nicht nur um Lizenzen oder reine Softwarekosten, sondern um Strukturen, Integrationsarbeit und den Aufbau der nötigen Betriebsfähigkeit. Die Regierung verweist im Kontext des Wechsels zudem auf Einsparungen bei Lizenzkosten. Gleichzeitig betont der Bericht, der Wechsel zu quelloffenen Systemen solle als Ergänzung und Alternative zur bestehenden Infrastruktur verstanden werden. Das ist ein entscheidender Punkt, weil Verwaltungen ihre IT-Landschaft selten als „Big Bang“ umstellen; statt dessen entsteht eine schrittweise Koexistenzphase, in der Schnittstellen, Identitäten, Dateiformate und Kommunikationswege stabil bleiben müssen.

Für IT-Verantwortliche in Behörden, aber auch für Unternehmen mit stark regulierten oder prozessgetriebenen Umgebungen ist die Nachricht vor allem deshalb relevant, weil sie zeigt, wie man Open-Source im großen Maßstab ernsthaft abprüft. Die Integration in eine „komplexe IT-Landschaft“ wird als maßgeblicher Faktor für den weiteren Verlauf hervorgehoben. Genau dort entscheidet sich der Projekterfolg: Nicht jede Funktion muss identisch sein, aber die Betriebsqualität, die Nutzerakzeptanz und die Skalierbarkeit müssen zusammenpassen. Wenn Videokonferenzen ein Engpass sind, wird die Architekturfrage plötzlich zentral – etwa welche Komponenten für Meeting-Workloads bereitstehen, wie Lastspitzen abgefedert werden und ob die Lösung für den tatsächlichen Nutzerbetrieb ausgelegt ist.

Die politische Stoßrichtung auf Unabhängigkeit trifft damit auf eine technische Realitätsprüfung. Es bleibt zwar abzuwarten, wie schnell die nächsten Integrationsschritte die identifizierten Kapazitätsgrenzen bei großen Konferenzen schließen, aber der Ansatz ist grundsätzlich nachvollziehbar: Erst Machbarkeit und Feldtests, dann Rollout in kontrollierten Stufen, flankiert von einem Budgetrahmen für den Aufbau. Für die Branche ist das auch ein Signal, dass Open-Source-Projekte in klassischen Unternehmens- und Behördumgebungen nicht nur als „Experiment“ gelten, sondern als ernsthafte Option in Betracht gezogen werden – solange die Leistungsanforderungen in Spitzenlasten nachweislich erfüllt werden.

Gleichzeitig zeigt die Meldung, dass der Weg zu mehr Souveränität selten ohne Integrationsaufwand führt. Auch bei geringeren Lizenzkosten entstehen Aufwände etwa in der Systemanpassung, im Betrieb und in der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Wer den Umstieg plant, sollte daher ähnlich vorgehen wie die Bundesverwaltung: klare Testkriterien für reale Workloads, harte Evaluationspunkte bei Performance und eine Rollout-Logik, die Rückkopplungsschleifen einplant. Dann wird aus einer politischen Zielsetzung ein belastbares Betriebsmodell, das die Vorteile quelloffener Software praktisch nutzbar macht.


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