LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Bitkom fehlen in Deutschland nur noch 79.000 IT-Fachkräfte, nachdem es 2023 noch 149.000 unbesetzte Stellen gab. In vielen Unternehmen greift KI bereits in den Alltag ein: 35 Prozent ersetzen freie IT-Positionen, wenn sie Stellen abbauen oder damit rechnen. Gleichzeitig klagen 97 Prozent der Unternehmen über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Rollen. Die Studie zeigt zudem konkrete Hürden wie fehlende Softskills und mangelnde Deutschkenntnisse sowie wachsende KI-Nutzung bei Routineaufgaben.

Der deutsche IT-Arbeitsmarkt entspannt sich spürbar, aber nicht im Sinne einer „Entwarnung“: Bitkom beziffert die Lücke bei IT-Fachkräften aktuell mit 79.000 unbesetzten Stellen. Im Vergleich dazu lag die Zahl laut dem Verband 2023 noch bei 149.000, während sie 2025 bei 109.000 lag. Für Unternehmen heißt das: Weniger Vakanzen, aber weiterhin ein spürbares Matching-Problem, weil nicht einfach „irgendwer mit Erfahrung“ in die Rollen passt. Gerade in Teams, die stark auf aktuelle Technologiestacks angewiesen sind, bleibt die Besetzung häufig zäh.
Die entscheidende Verschiebung betrifft jedoch die Arbeit selbst. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst ordnet die Entwicklung so ein, dass KI Aufgaben übernehmen kann, die zuvor überwiegend von Entwicklerinnen und Entwicklern erledigt wurden. In der Praxis zeigt sich das nach Angaben der Umfrage dort, wo Firmen entweder bereits Stellen abgebaut haben oder fest damit rechnen: 35 Prozent geben an, freie IT-Stellen durch KI zu ersetzen. Auch wenn die Zahl offener Positionen sinkt, verschiebt sich damit die Nachfrage im Unternehmen von Köpfen für einzelne Routinen hin zu Rollen, die KI-gestützte Workflows planen, integrieren und kontrollieren.
Der Bericht macht zudem klar, dass der Stellenabbau nicht alle IT-Fachbereiche gleichmäßig trifft. 47 Prozent der Unternehmen, die Stellen streichen, nennen erfahrene IT-Fachkräfte als betroffene Gruppe; 30 Prozent sehen Führungskräfte im IT-Bereich betroffen und 25 Prozent Berufseinsteiger. Diese Kombination ist technisch relevant, weil sie typische Wissenspfade berührt: Seniorität ist oft nötig, um produktionsnahe Systeme zu stabilisieren, Datenpipelines zu härten oder Sicherheits- und Qualitätsthemen in den Entwicklungsprozess zu verankern. Wenn dagegen Erfahrungsaufbau und Einstieg gleichzeitig schrumpfen, kann die mittelfristige Geschwindigkeit sinken – selbst wenn einzelne Aufgaben durch KI schneller werden.
Damit die KI-Ersetzung überhaupt funktioniert, braucht es allerdings saubere Erwartungen an Ergebnisse und Fähigkeiten. Bitkom zufolge haben 97 Prozent der Unternehmen Schwierigkeiten, IT-Stellen zu besetzen. Besonders häufig scheitert die Passung an den Kenntnissen „neuester Technologien“: Bei 33 Prozent erfüllen Bewerber die Anforderungen nicht in dem Umfang, den die Firmen brauchen. Ebenfalls 31 Prozent berichten, dass praktisch keine Bewerbungen auf ihre offenen Stellen eingehen. Weitere Hürden sind fehlende Deutschkenntnisse (47 Prozent), eine zu geringe fachliche Qualifikation (43 Prozent) sowie fehlende Softskills (32 Prozent) – also genau jene Faktoren, die für Projektkoordination, Anforderungsanalyse und Betrieb entscheidend sind, aber im Lebenslauf oft schwerer nachzuweisen sind.
Auch bei der KI-Nutzung liefert die Umfrage konkrete Anwendungsbilder statt reiner Visionen. Für die Automatisierung von Routineaufgaben in Datenanalyse und Auswertung setzen 9 Prozent der Unternehmen KI bereits ein, 27 Prozent überlegen einen Einsatz. Bei Softwaretests und Fehleranalysen liegt der aktuelle Einsatz ebenfalls bei 9 Prozent; 16 Prozent sind in der Planungsphase. Das Muster passt zu typischen Einstiegspfaden in der Praxis: Erst werden klar abgegrenzte Tätigkeiten automatisiert, etwa das Strukturieren von Messdaten, das Vorbereiten von Testfällen oder das Einordnen von Log-Auszügen. Erst danach wird aus „Assistenz“ eine durchgängigere Prozesskette.
Spannend ist dabei die Erwartungshaltung zum Umfang der Substitution. 38 Prozent rechnen damit, dass KI einzelne IT-Berufe und Berufsbilder weitestgehend ersetzt. Diese Prognose darf man nicht als „One-way-Trade“ verstehen. In der Regel verschiebt sich die Wertschöpfung: Wo bisher manuelle Tätigkeiten dominierten, entsteht mehr Bedarf an Modell- und Prompt-Design, an Evaluationsmethoden sowie an Governance, damit KI-Ergebnisse nachvollziehbar und zuverlässig bleiben. Damit steigt zwar nicht automatisch die Zahl offener Stellen, aber die Profilbreite verändert sich – von reiner Implementierung hin zu Validierung, Integration und Verantwortlichkeit.
Für die nächsten Schritte in Unternehmen ergibt sich daraus ein klarer Handlungsdruck in drei Bereichen. Erstens müssen HR und Fachbereiche die Stellenausschreibungen so formulieren, dass reale Kompetenzlücken sichtbar werden, statt nur „neueste Technologien“ als pauschales Kriterium zu nennen. Zweitens sollten KI-Initiativen nicht isoliert laufen: Wer KI für Tests und Fehleranalyse einsetzen will, braucht Messpunkte für Qualität, außerdem saubere Datenflüsse und eine Fehlerkultur, die auch KI-Vorschläge kritisch prüft. Drittens schließlich wird das Thema Softskills zu einem strategischen Engpass: Wenn 32 Prozent der Unternehmen genau hier eine Lücke sehen, entscheidet die Teamfähigkeit künftig oft darüber, ob KI-Assists tatsächlich Produktivitätsgewinne bringen oder nur zusätzliche Iterationen auslösen.
Die Datengrundlage liefert Bitkom über Bitkom Research im Auftrag des Verbands: Befragt wurden 853 beziehungsweise 602 Unternehmen mit mindestens drei Beschäftigten in Deutschland, telefonisch zwischen KW 18 und KW 25 2026. Bitkom stellt die Ergebnisse als repräsentativ dar. Für IT-Entscheider ist die Kernaussage damit weniger die konkrete Zahl von 79.000 freien Fachkräften, sondern die Richtung: KI reduziert nicht nur Teilaufgaben, sie beeinflusst bereits jetzt die Personalplanung. Gleichzeitig bleibt die Besetzung vieler Rollen schwer, weil fachliche Tiefe, Sprachkompetenz und Teamfähigkeit nicht einfach durch Automatisierung ersetzt werden.
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