HAMBURG/BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Digitalminister Karsten Wildberger sieht Künstliche Intelligenz als Hebel für höhere Wachstumsraten in der deutschen Wirtschaft. Entscheidend sei, dass Menschen und Unternehmen KI so einsetzen, dass daraus messbare Wertschöpfung entsteht. Er warnt zugleich davor, die Technologie durch zu strenge Regeln auszubremsen. Im Kontext möglicher KI-bedingter Umbrüche am Arbeitsmarkt plädiert er für Unterstützung in Übergangsphasen und für staatliche Modelle statt Untätigkeit.

Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) knüpft die wirtschaftliche Wirkung von Künstlicher Intelligenz nicht an einzelne Leuchtturmprojekte, sondern an die Fähigkeit von Unternehmen und Beschäftigten, KI in den Alltag zu integrieren. In seinem Interview betont er, dass sich „eine enorme Wertschöpfung“ ergeben könne, sobald Anwender die Technologie richtig einsetzen. Diese Perspektive zielt weniger auf ein abstraktes Versprechen, sondern auf die betriebliche Umsetzbarkeit: KI wird dann relevant, wenn sie Prozesse beschleunigt, Produktzyklen verkürzt und Entscheidungen mit besseren Daten unterstützt.
Im Kern seiner Argumentation steht ein wettbewerbsgetriebener Zeitfaktor. Wildberger stellt darauf ab, dass sich im globalen Wettbewerb „sehr schnell diejenigen durchsetzen“ werden, die wirtschaftlich effizienter arbeiten und „schneller neue Produkte anbieten“. Genau hier liegt der technische Haken für deutsche Unternehmen: Der Nutzen von KI entsteht selten allein aus dem Modell selbst, sondern aus der Kette aus Datenaufbereitung, Einbindung in bestehende Systeme, Messbarkeit der Ergebnisse und kontinuierlicher Verbesserung. Wer diese Pipeline aufbaut, kann Iterationen schneller durchführen und neue Funktionen schneller in den Markt bringen.
Für die gesellschaftliche Debatte über mögliche Umwälzungen am Arbeitsmarkt setzt Wildberger ebenfalls auf konkretes Übergangsdesign statt auf reine Verhandlung über das „Ob“. Er räumt ein, dass bestimmte Berufsgruppen unter Druck geraten und in Übergangsphasen landen könnten. Seine Kernaussage dazu lautet: „In diesen Phasen darf man sie nicht alleinlassen. Hier könnte der Staat mit einem neuen Modell helfen. Damit das funktionieren kann, brauchen wir das Wachstum, das durch KI entstehen kann.“ Damit koppelt er die Beschäftigungsfrage direkt an die Fähigkeit, KI-Nutzen in Wachstum zu übersetzen.
Technisch bedeutet das: Arbeitsmarktfolgen entstehen vor allem dort, wo bestehende Routinen automatisierbar werden, ohne dass neue Tätigkeitsprofile parallel aufgebaut werden. Wildberger antwortet darauf mit einem Governance-Ansatz, der Wachstum als Voraussetzung versteht. Praktisch würde das heißen, dass Qualifizierung, Umschichtung von Rollen und neue Einsatzfelder (etwa in KI-gestützten Prozessen, Qualitätssicherung, Betrieb oder Kundeninteraktion) zeitlich nicht hinterherhinken dürfen. Für Unternehmen liegt der Hebel dann bei der Personalstrategie: Wer KI einführt, muss auch die Organisation so umbauen, dass die neuen Kompetenzen schnell verfügbar sind.
Als Vergleich zieht Wildberger die chinesische Wirtschaft heran. Er verweist darauf, dass diese in den vergangenen zehn Jahren jährlich um mehr als fünf Prozent gewachsen sei, und stellt die Frage, wie sich ein ähnliches Tempo durch KI erreichen ließe. Seine Formulierung bleibt dabei programmatisch: „Wenn wir das gut machen mit der KI, dann schaffen wir auch bei uns ähnliche Wachstumsraten.“ Die Aussage ist zugleich eine Markt- und Umsetzungsbehauptung: KI wird in dieser Sicht nicht als Kostenfaktor behandelt, sondern als Produktivitätsmotor, der in einem wettbewerbsintensiven Umfeld skaliert.
Gleichzeitig warnt Wildberger vor einer Überregulierung. Er befürchtet, dass Unternehmen „die KI und ihre Nutzung“ nicht zu stark reglementieren sollten, weil gesetzliche Regeln die Einführung und Weiterentwicklung ausbremsen könnten. Seine Position bringt er klar auf den Punkt: „Und mit den Instrumenten der Vergangenheit kommen wir da leider nicht weiter.“ Dahinter steht ein Konzept von Regulierungsdesign, das Innovation nicht durch starre Vorlagen lähmt, sondern Rahmen schafft. Außerdem adressiert er die Rolle von Arbeitgebern und Arbeitsverträgen: Unternehmen müssten flexibler einstellen und sich auch von Beschäftigten trennen können.
Für die deutsche Praxis heißt das: Regulatorische Leitplanken sollten vor allem dort ansetzen, wo Risiken konkret werden, etwa bei Datenqualität, Transparenz von Entscheidungen oder der Robustheit von KI in kritischen Abläufen. Der politische Anspruch, nicht „mit den Instrumenten der Vergangenheit“ zu arbeiten, lässt sich als Forderung lesen, bestehende Gesetze auf moderne KI-Workflows anzupassen. Für IT- und Fachabteilungen ist das eine wichtige Planungsgröße, weil sie Entscheidungen über Architektur, Governance-Prozesse und Betrieb von KI-Systemen nicht nur technisch, sondern auch zeitlich treffen müssen. Wenn Unternehmen neue Modelle schneller testen und produktiv nehmen können, wächst die Chance, dass der von Wildberger beschriebene Zusammenhang zwischen KI, Wachstumsdruck und Produktneuerung tatsächlich greift.
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