LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie in Psychoneuroendocrinology zeigt, dass akuter Stress das Sozialverhalten nicht pauschal umkrempelt. Die Probanden trafen in spielbasierten Entscheidungen mehr vertrauensvolle und teilende Entscheidungen gegenüber Peers. Gleichzeitig bestraften sie Mitglieder einer Jury, die den Stress mit verursacht hatte, häufiger. Entscheidend ist damit offenbar die soziale Rolle der jeweiligen Interaktionspartnerin bzw. des Interaktionspartners.

Akuter Stress klingt in der Alltagssprache nach einem Schalter, der „entweder“ Kooperation oder „entweder“ Abwehr einschaltet. Die Forschung, die in Psychoneuroendocrinology veröffentlicht wurde, kommt zu einem deutlich differenzierteren Bild: Unter Druck können Menschen gleichzeitig kooperieren und defensiver werden – aber nicht gegenüber allen Personen gleich. Was sich ändert, ist die soziale Rolle der Interaktionspartnerin oder des Interaktionspartners, also ob die Person als möglicher Verbündeter wahrgenommen wird oder als Auslöser des Stressszenarios.
Die Arbeit greift damit zwei klassische Erklärungsmodelle auf, die in der Vergangenheit teils widersprüchliche Befunde geliefert hatten. Das „tend-and-befriend“-Modell beschreibt, dass Stress eher dazu führt, soziale Nähe zu suchen und mit potenziellen Unterstützerinnen und Unterstützern zu kooperieren. Das „fight-or-flight“-Modell dagegen sieht in Bedrohung einen Impuls zu Rückzug, Aggression oder zur Absicherung eigener Ressourcen. Der neue Ansatz setzt nicht auf einen Alles-oder-Nichts-Effekt von Stress, sondern auf die Frage, warum Studien zu beiden Mustern kommen konnten.
Ausgangspunkt der Untersuchung von Laura Oswald von der University of Freiburg war die Vermutung, dass der gleiche gestresste Mensch je nach Rolle der anderen Person unterschiedliche Strategien fährt. Die Forschenden erwarteten dabei: Gegenüber einer „normalen“ Peer-Person, die nicht in die Stressauslösung eingebunden war, sollte das kooperative Verhalten wahrscheinlicher sein. Gegenüber einer Evaluatorin bzw. einem Evaluator, die den Stress mitverursacht hat, sollte das Verhalten stärker auf Verteidigung oder Ressourcen-Schutz ausgerichtet sein. Der Kernbeitrag liegt damit weniger in der Frage, ob Stress messbar wirkt, sondern wie sich Stress in konkreten Interaktionssituationen verteilt.
Damit das belastbar wird, nutzten die Forschenden einen klaren Stress-Provokationsrahmen: 121 gesunde junge Erwachsene nahmen teil, 62 davon waren Frauen; das Durchschnittsalter lag bei 23,64 Jahren. Zuerst absolvierten die Teilnehmenden den Trier Social Stress Test for Groups. Nach fünf Minuten Vorbereitung hielten sie einen 12-minütigen Vortrag und bearbeiteten anschließend eine achtminütige mentale Rechenaufgabe vor einer Jury, die in einem standardisierten Setting in weißen Kitteln auftrat und keine ermutigenden Rückmeldungen gab. Wie stark der Stress tatsächlich anstieg, prüften die Forschenden über Speichelproben, Herzratenaufzeichnungen und subjektive Stressratings.
Im Anschluss folgten vier etablierte Entscheidungsaufgaben, die echtes Geld betrafen: In Spielen zu Vertrauen, Vertrauenswürdigkeit, Teilen und Bestrafung trafen die Probanden Entscheidungen gegenüber (1) einer Peer-Person ohne Stressanbindung, (2) einer Peer-Person, die in die Befragung/Interaktion eingebunden war, und (3) einem Jury-Mitglied, das im Stresssetting selbst Teil der Situation gewesen war. Die Daten zeigten einen deutlichen Stresshintergrund: Cortisol, Herzfrequenz und wahrgenommener Stress stiegen während des Experiments spürbar an. In den Verhaltensdaten zeigte sich dann das Muster, dass Peers häufiger „kooperativ“ behandelt wurden: Die Teilnehmenden wählten im Mittel 2,52 vertrauensbezogene Entscheidungen gegenüber Peers, aber 2,02 gegenüber Jury-Mitgliedern. Auch bei Vertrauenswürdigkeit (3,06 vs. 2,40) und beim Teilen (2,83 vs. 2,27) lag die Peer-Ausrichtung vorn. Umgekehrt wurde Bestrafung häufiger gegenüber Jury-Mitgliedern eingesetzt, im Schnitt 0,74 gegenüber 0,54; alle Unterschiede waren statistisch signifikant.
Wichtig ist zudem, dass das Muster nicht einfach „vom Ausmaß des Stresspeaks“ abhing. Zwar stiegen die Stressmarker insgesamt, doch zwischen Männern und Frauen zeigte sich kein signifikanter Unterschied im Verhalten. Ebenso ließ sich aus der individuellen Größe der Cortisol-, Herzraten- oder Stressantwort nicht zuverlässig vorhersagen, wie stark sich die Entscheidungen zwischen Peer und Jury auseinanderentwickelten. Genau das stützt die Interpretation, dass nicht nur Stress als solcher wirkt, sondern die soziale Rolle der Interaktionspartnerin den Ausschlag gibt: Kooperation mit einer Peer-Person kann die Chance auf reziproke Hilfe erhöhen, während das Zurückhalten von Kooperation gegenüber einer Evaluatorin bzw. einem Evaluator Ressourcen schützen und dabei helfen kann, ein Gefühl von Kontrolle wiederherzustellen.
Gleichzeitig bleibt die Studie in zwei Punkten methodisch begrenzt. Weil alle Teilnehmenden zuerst den Stressablauf durchliefen, kann die Untersuchung nicht direkt beantworten, ob Stress generell die Kooperationsbereitschaft erhöht, die Kooperationsbereitschaft gegenüber Jury-Mitgliedern reduziert oder beides zugleich verändert. Außerdem kam die Reihenfolge ins Spiel: Peers wurden zuerst behandelt, Jury-Mitglieder danach, was mögliche Order- und Vergleichseffekte erklären könnte. Für die weitere Forschung schlagen die Autorinnen und Autoren daher Studien mit nicht gestresster Kontrollgruppe, freundlicheren Evaluator-Varianten und realistischeren Interaktionssettings vor.
Über die Psychologie hinaus ist das auch für Organisationen und Teams interessant, weil es eine technische Einordnung von Stress nahelegt: In Kommunikations- und Verhandlungssituationen bestimmt die Beziehungskategorisierung, wie sich „Druck“ in Verhalten übersetzt. Für Unternehmen bedeutet das, dass Stress-Management nicht nur als Frage der individuellen Stressreduktion gedacht werden sollte, sondern auch als Gestaltung der Interaktionsrollen – etwa in Feedback- und Bewertungsprozessen, in denen bestimmte Rollenwechsel (Peer vs. „Evaluator“) das kooperative Verhalten stärker prägen könnten als der gemessene Stressanstieg allein. Das passt außerdem zu dem Grundmuster, das das Papier als „dual response“ zusammenfasst: tend-and-befriend Richtung Peer, fight-or-flight Richtung Stressor, je nachdem, wer in der Situation als Verbündete Person oder als Auslöser wahrgenommen wird.
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