LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie in der Fachzeitschrift Science untersucht, ob Psilocybin vor Chemotherapien eine periphere Neuropathie verhindern kann. Die Forschung lief zunächst an Mäusen und zeigte Schutz über sechs Chemotherapie-Sitzungen hinweg. Zudem wurde in der Studie berichtet, dass Psilocybin als Pille weder Tumorwachstum noch Immunreaktionen messbar beeinflusste. Noch in diesem Monat starten am MD Anderson Cancer Center erste klinische Studien mit Patientinnen und Patienten im Placebo-Design.

Psilocybin soll Chemotherapie-Schäden an Nerven verhindern: Start von Humanstudien
Psilocybin soll Chemotherapie-Schäden an Nerven verhindern: Start von Humanstudien (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Chemotherapie Tumorzellen bekämpft, nimmt sie dabei häufig auch Nerven im peripheren System ins Visier. Die Folge ist eine Chemotherapie-bedingte periphere Neuropathie, die in der vorliegenden Untersuchung als ein Problem für etwa zwei Drittel der Patientinnen und Patienten beschrieben wird. Betroffene klagen über brennende Schmerzen, Kribbeln und Taubheit in Händen und Füßen – und genau diese Belastung entscheidet in der Praxis mit darüber, ob Behandlungen reduziert oder sogar abgebrochen werden. Für viele ist das Leid nicht nur ein “Nebenbefund” während der Therapie, sondern zieht sich teils über Jahre nach Abschluss der Behandlung.

Die neue Arbeit aus dem Umfeld des MD Anderson Cancer Center knüpft an eine sehr konkrete Fragestellung an: Könnte Psilocybin, der Wirkstoff aus bestimmten Pilzarten, das Nervensystem vor der Toxizität der Chemotherapeutika abschirmen? In den Experimenten erhielten Labor-Mäuse zwei Dosen Psilocybin kurz vor der Gabe gängiger Krebsmedikamente. Laut Studienbericht zeigten die Tiere über sechs aufeinanderfolgende Chemotherapie-Sitzungen keine Anzeichen für Neuropathie. Der Schutz hielt außerdem bis zu acht Monate an – also über eine relevante Beobachtungsphase hinweg – und wurde dabei mit einem Schwerpunkt auf sensorischen Endigungen beschrieben, die für Berührung, Schmerz, Temperatur und Druck zuständig sind.

Technisch interessant ist, wie die Forschenden den Mechanismus verknüpfen: Sie setzten auf fortgeschrittenes Imaging, um nachzuvollziehen, dass Psilocybin die “mikroskopischen” Nervenendungen weniger stark schädigt. Gleichzeitig blieb die Funktionsfähigkeit von Mitochondrien erhalten – in der Studie als “Kraftwerke der Zelle” eingeordnet. Das ist deshalb bedeutsam, weil lange Fortsätze peripherer Nerven auf eine kontinuierliche Energiebereitstellung angewiesen sind; fällt die Energieversorgung weg oder wird sie durch Zellstress beeinträchtigt, leidet die Signalübertragung. In der Darstellung der Autoren gilt zudem: Die Schutzwirkung betraf nicht nur das klassische halluzinogene Psilocybin, sondern auch verwandte Substanzen ohne ausgeprägte psychedelische Wirkung. Damit rückt ein therapeutischer Nutzen in den Fokus, der nicht zwingend von der gewünschten Wahrnehmungsveränderung abhängt.

Aus translationaler Sicht versucht die Studie, die klassische Lücke zwischen Wirksamkeit in Tiermodellen und klinischer Relevanz zu überbrücken. Zwar liefern Mäuse naturgemäß keine Garantie für Menschen, dennoch begründeten die Forschenden ihre Zuversicht mit Ähnlichkeiten biologischer Mechanismen zwischen beiden Spezies. Wichtig ist außerdem, dass Psilocybin in den beschriebenen Versuchen als Pille gegeben wurde und weder Tumorwachstum noch Immunreaktionen erkennbar beeinflusste. Gerade dieser Punkt ist in onkologischen Studien zentral, weil jede zusätzliche Substanz das fein austarierte Gleichgewicht aus Anti-Tumor-Wirkung und systemischer Immunlage verändern kann. Zudem wird explizit darauf hingewiesen, dass unklar bleibt, ob Psilocybin bestehende Neuropathie-Symptome bei bereits betroffenen Patientinnen und Patienten lindern oder zurückdrehen kann – die Wirkung bezieht sich aktuell vor allem auf die präventive Gabe “kurz vor” den Krebstherapien.

Im nächsten Schritt wechselt das Programm in die klinische Phase: Noch in diesem Monat sollen am MD Anderson Cancer Center Studien mit Patientinnen und Patienten starten, die eine Bandbreite von Krebserkrankungen abdecken. Nach Studienplanung bekommen dabei einzelne Teilnehmende Psilocybin, andere hingegen ein Placebo. Für die Design-Frage ist das relevant, weil periphere Neuropathie sowohl in ihrer Intensität als auch im zeitlichen Verlauf stark variiert. Ein Placebo-Arm hilft daher, Erwartungseffekte zu kontrollieren und Nebenwirkungen getrennt zu bewerten. Parallel nennen die Autoren auch bereits existierende, anekdotische Erfahrungen aus Fällen, in denen Patientinnen und Patienten im Rahmen früherer Zugänge Psilocybin vor Chemotherapie erhalten hatten, als unterstützendes Indiz für den möglichen Nutzen.

Auch außerhalb der Krebsmedizin ist das Signal bemerkenswert: Das Feld der psychedelischen Medizin wird bislang überwiegend mit psychischen Indikationen in Verbindung gebracht. Psilocybin gilt in mehreren Berichten als vielversprechend bei Depression, Angststörungen und belastenden Situationen am Lebensende. Gleichzeitig bleibt der Wirkstoff auf Bundesebene in den USA weiterhin illegal, während einzelne Bundesstaaten regulierte Programme zulassen. In dem Zusammenhang wird etwa beschrieben, dass Oregon und Colorado Psilocybin über lizenzierte Anbieter ermöglichen und ein weiteres Programm in New Mexico später im Jahr starten soll. Für die Praxis zählt zudem, dass Psilocybin in einem überwachten Setting als relativ sicher gilt; als Referenz wird ein Review zu einem Programm mit fast 350 beobachteten Personen genannt, das wenige schwerwiegende Nebenereignisse berichtet. Da eine Psilocybin-Sitzung typischerweise sechs bis acht Stunden dauert und Betreuung durch zwei “Facilitatoren” vorgesehen ist, rückt damit auch der Organisations- und Versorgungsaspekt in den Vordergrund.

Für die Industrie und die klinische Landschaft kann eine bestätigte präventive Wirkung auf Chemotherapie-Neuropathie weitreichende Effekte haben. Wenn sich der Nutzen nicht nur reproduzieren lässt, sondern auch in relevanten Endpunkten wie Schmerzscore, Taubheit und Therapie-Compliance abbildet, würden Onkologie-Teams ein zusätzliches Werkzeug erhalten, um Dosisreduktionen und vorzeitige Abbrüche zu vermeiden. Daneben eröffnet sich ein Forschungsfenster für verwandte neurologische Belastungen: Ein nicht an der Studie beteiligter Forscher von einer Universität in Australien wird mit der Hoffnung zitiert, dass protective Effekte an Händen und Füßen möglicherweise auch auf andere neuro-behaviorale Zustände übertragbar sein könnten. Ob das tragfähig ist, hängt jedoch strikt von weiteren Studien ab – und genau dort setzen die nächsten Monate an, in denen das MD Anderson-Programm als zentraler Testfall dienen dürfte.

Die persönliche Dimension macht zusätzlich klar, warum das Thema in der Patientensicht so viel Gewicht hat. Eine namentlich genannte Person, die während der Behandlung eines Stadium-4-Gebärmutterkörperkrebses Neuropathie entwickelte, beschreibt taube und schmerzhafte Empfindungen in Fingern, Händen und Beinen als “oft excruciating” und betont, dass es sich nicht um eine Störung handelt, die man einfach ignorieren kann. Sie berichtet zudem, dass sie an frühen Experimenten am MD Anderson teilgenommen hat und dass die Behandlungen ihre Neuropathie verringert hätten. Solche individuellen Verläufe sind kein Ersatz für kontrollierte Studien, geben aber eine klare Richtung vor: Nicht nur “Schmerz weniger”, sondern “Therapie besser durchhalten” und nach Möglichkeit Lebensqualität auch nach Ende der Krebstherapie sichern.


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