HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Publikation der BBE Handelsberatung nimmt die Idee einer Markthalle in Hamburg systematisch auseinander. Die Analyse ordnet die historische Entwicklung der Marktversorgung in der Hansestadt ein und vergleicht sechs potenzielle Standorte nach Frequenz- und Umfeldkriterien. Entscheidend seien dabei nicht nur Architektur und Gestaltung, sondern auch ein verlässlicher Alltagsbetrieb, ein kuratierter Nutzungsmix sowie ein tragfähiges Betreibermodell. Als nächste Schritte empfiehlt die Studie eine vertiefte Machbarkeits- und Standortanalyse mit Wirtschaftlichkeits- und Wettbewerbsprüfung.

Die Markthalle als urbane Idee wirkt in vielen europäischen Städten selbstverständlich – in Hamburg war sie historisch jedoch nie das dominierende Versorgungsmodell. Genau diese Ausgangslage greift eine aktuelle Potenzialanalyse der BBE Handelsberatung auf, die im Rahmen des Heuer Immobilien Dialog Hamburg vorgestellt wurde. Oliver Ohm, Regionalleiter Nord bei der Beratung, ordnet die Entwicklung der Marktversorgung in der Stadt dabei als Zusammenspiel von offenen Märkten, Hafenlogistik und Großmarktstrukturen ein. Daraus leitet die Studie die Logik ab, eine Markthalle nicht als 1:1-Übernahme klassischer Hallenformate zu denken, sondern als Neuinterpretation, die Frischehandel, Gastronomie, Regionalität und Quartiersentwicklung zusammenbindet.
Für die Standortfrage liefert die Analyse anschließend eine vergleichende Betrachtung, die vor allem auf Nutzbarkeit im Alltag zielt. Untersucht wurden sechs mögliche Lagen, darunter Karstadt Osterstraße und Kampnagel Jarrestraße. In der Bewertung schneiden diese Standorte laut Studie beim fußläufigen Einwohnerpotenzial besonders gut ab. Der Bahnhof Altona wird dagegen weniger wegen eines „klassischen Marktumfelds“ hervorgehoben, sondern aufgrund seiner zentralen Lage und der exzellenten ÖPNV-Anbindung: Damit steht ein Frequenzpotenzial im Vordergrund, das ein transitnahes Konzept stützen kann. Der Fleischgroßmarkt Sternschanze punktet ebenfalls durch einen historischen Bezug und vorhandene Parkmöglichkeiten, erreicht nach den Angaben der Publikation aber die geringste fußläufige Einwohnerdichte – ein Hinweis darauf, dass Erreichbarkeit und Zielgruppenmix je Lage unterschiedlich funktionieren.
Auch wenn die Studie mehrere Orte gegeneinander abwägt, zieht sie zugleich eine Grenze zwischen „breiten Formaten“ und spezialisierten Nischen. Für spezialisiertes oder stadtteilbezogenes Publikum könnten demnach etwa Gruner & Jahr sowie Bergedorf passendere Rahmenbedingungen bieten. Diese Differenzierung ist für die Umsetzung besonders relevant, weil eine Markthalle wirtschaftlich nicht ausschließlich über Reichweite funktioniert, sondern über das Zusammenspiel aus Warenangebot, Verweildauer und Wiederkehr. Genau hier setzt der zweite Teil der Veröffentlichung an: Timm Jehne, Head of Real Estate Consulting bei der BBE Handelsberatung, betont, dass Markthallen-Erfolg aus mehreren Faktoren entsteht, die sich gegenseitig stabilisieren.
Die Studie verweist dabei auf Referenzen, die die Bandbreite des Formats zeigen – von der Markthal Rotterdam über die Torvehallerne in Kopenhagen bis zur Hobenkök im Hamburger Oberhafen. Allerdings wird aus diesen Beispielen kein „Architektur-Primat“ abgeleitet. Stattdessen macht die Publikation deutlich, dass eine zuverlässige Alltagsfrequenz, ein klar definierter und kuratierter Nutzungsmix, eine passende Flächen- und Kostenstruktur sowie ein professionelles Betreibermodell zusammenwirken müssen. Wirtschaftlich tragfähig soll eine Markthalle vor allem dann werden, wenn sich Frische, Gastronomie, regionale Produkte, Spezialitäten und Aufenthaltsqualität zu einem eigenständigen Erlebnis verdichten – also zu mehr als einem reinen Einkaufskanal.
Dass Hamburg ein Resonanzumfeld für solche Formate besitzt, stützt die Analyse mit vorhandenen Vorbildern der Marktkultur. Genannt werden unter anderem die Hobenkök im Oberhafen, die Rindermarkthalle St. Pauli, der Isemarkt und der Fischmarkt. Die Publikation argumentiert damit, dass Nachfrage und Akzeptanz bereits existieren und die Markthallenidee nicht im luftleeren Raum steht. Ergänzend positioniert die Handelskammer Hamburg die Umsetzung eines Markthallenkonzepts als Handlungsziel, um die Innenstadt zu stärken und gemischte Nutzungen zu fördern – ein Punkt, der auch für Projektentwickler wichtig ist, weil er das Vorhaben mit größeren Stadtentwicklungszielen verknüpft.
Konkreter wird die Richtung der nächsten Schritte: Die Publikation empfiehlt eine vertiefte Machbarkeits- und Standortanalyse, die neben einer Wirtschaftlichkeitsberechnung auch eine Wettbewerbsanalyse sowie eine konkrete Konzeptentwicklung umfassen sollte. Dazu gehören die Prüfung der tatsächlichen Einzugsgebiete, der erwarteten Besucher- und Umsatzpotenziale, die Ableitung von Anforderungen an die jeweilige Immobilie sowie die Bewertung potenzieller Betreiber- und Finanzierungsmodelle. Für Unternehmen und Projektpartner heißt das im Kern: Bevor eine Markthalle geplant oder finanziert wird, muss das Zusammenspiel aus Standort, Frequenzlogik und Betreibermodell messbar gemacht werden – und zwar so, dass sich Annahmen später gegen reale Daten (Mieterstruktur, Laufwege, Betriebszeiten, Nachfrage) nachsteuern lassen.
Damit wird die Idee einer Markthalle in Hamburg vor allem zu einer Frage der Umsetzungsgüte. Die Historie der Versorgung liefert zwar den kulturellen Rahmen, doch über die Tragfähigkeit entscheidet die Detailplanung: von der kuratierten Sortimentstiefe über die Gastronomie-Rollen bis hin zur Flächenstruktur, die sowohl Handel als auch Verweilen ermöglicht. Wer das Vorhaben in der Praxis angeht, sollte diese Wechselwirkung von „Erlebnis“ und „Betrieb“ als zusammenhängendes System betrachten. Genau darin sieht die Studie die zentrale Voraussetzung, um das Format vom Konzeptpapier in einen belastbaren Alltag zu überführen.
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