WILDAU / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Hauptstadtregion wächst die Startup-Dynamik, doch der größte Engpass liegt nach Ansicht von ILB-Vorstand Ulrich Scheppan weniger in der Gründung als in der Wachstums- und Scale-up-Phase. Für technologieintensive Projekte nennt er lange Entwicklungszyklen, regulatorische Hürden und den Bedarf an geduldigem Kapital. Deep-Tech braucht zudem mehr als Finanzierung: Zugang zu Forschung, spezialisierte Netzwerke und Erfahrung aus der Unternehmenspraxis. Als Hebel nennt Scheppan außerdem bessere Transferpfade aus der Wissenschaft sowie mehr internationale Talente im Land.

Brandenburgs Startup-Szene im Fokus: ILB-Vorstand sieht Lücke bei Growth und Deep-Tech
Brandenburgs Startup-Szene im Fokus: ILB-Vorstand sieht Lücke bei Growth und Deep-Tech (Foto: IT BOLTWISE)
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Brandenburgs Startup-Ökosystem wirkt auf den ersten Blick bereits robust, allerdings verschiebt sich die Diskussion zunehmend von der Frage „Wie viele Gründungen entstehen?“ hin zu „Wie gelingt der Sprung vom ersten Produkt in skalierbares Wachstum?“. Ulrich Scheppan, Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB), ordnet die Lage so ein, dass das Land aktuell über eine deutlich stärkere Innovationsbasis verfüge, als es viele außerhalb der Region wahrnehmen. Brandenburg sei gemeinsam mit Sachsen das gründungsstärkste ostdeutsche Bundesland; Potsdam zählt dabei sogar zu den gründungsstärksten Städten Deutschlands. Parallel dazu beschleunigen forschungsintensive Branchen wie Energietechnik, Gesundheitswirtschaft, Mikroelektronik oder Mobilität.

Wenn Innovation als Prozess verstanden wird, müssen Gründungszahlen zwangsläufig über kurzlebige Wellen hinauswachsen. Scheppan verweist deshalb auf das Ziel, nicht nur neue Unternehmen hervorzubringen, sondern auch zusätzliche Wertschöpfung, qualifizierte Arbeitsplätze und technologische Souveränität. Genau hier sieht er eine doppelte Chance: Die Voraussetzungen seien in Brandenburg „selten besser als heute“ – unter anderem wegen einer noch immer wachsenden Bevölkerung, einer starken Wissenschaftslandschaft und der Nähe zur Hauptstadtregion. Dazu kommen die Effekte des Strukturwandels in der Lausitz, der neue Forschungs- und Innovationsleuchttürme entstehen lässt und damit Infrastruktur für Ideen sowie Unternehmensansiedlungen liefert.

Finanzierung spielt dabei zwar eine wichtige Rolle, ist nach seiner Einschätzung aber nicht der Engpass für jede junge Firma. „In der Summe“ könne Brandenburg nicht feststellen, dass Finanzierung grundsätzlich das Wachstum hemmt. Entscheidend ist vielmehr die Zusammensetzung der Hürden: Viele Startups hätten Baustellen eher bei regulatorischen Anforderungen, beim Fachkräftemangel oder beim Zugang zu internationalen Märkten. Besonders schwierig werde es dagegen bei technologieintensiven Vorhaben mit langen Entwicklungszyklen, weil bis zu den ersten Umsätzen oft Jahre vergehen. Für solche Phasen brauchen Unternehmen Investoren mit Geduld und Risikobereitschaft – und genau dort setzt eine Förderbankrolle an, die privates Kapital ergänzt statt ersetzt.

Beim Größenproblem der Finanzierung benennt Scheppan eine klare Priorität: Die größte Herausforderung liege inzwischen weniger in der Gründung als in der Wachstums- und Scale-up-Phase. Für frühe Stadien gebe es in Deutschland bereits ein relativ gut ausgebautes Förder- und Finanzierungsangebot, lokal wie bundesweit. Knackpunkt werden dagegen Projekte, bei denen zweistellige Millionenbeträge erforderlich sind, um international zu expandieren, Produktionskapazitäten aufzubauen oder neue Märkte zu erschließen. In dieser Phase sieht er häufig die Abhängigkeit von internationalen Investoren; deshalb arbeiten er und das Wirtschaftsministerium des Landes daran, das lokale Ökosystem gezielt zu stärken. Ein sichtbares Signal seien auch die Start-up-Zentren, die im vergangenen Jahr gegründet wurden und sich zwar besonders auf die Seed-Phase konzentrieren, dort aber früh wichtige Impulse setzen können.

Besondere Aufmerksamkeit fordert Scheppan außerdem für Deep-Tech. Solche Firmen lösen oft hochkomplexe technologische Probleme – etwa bei neuen Batterietechnologien, Medizintechnik, biotechnologischen Verfahren oder Quantentechnologien. Für Investoren ist die Kernschwierigkeit, dass zwischen Forschungserfolg und Markterfolg mehrere Jahre liegen können: Es müssen Patente aufgebaut, regulatorische Hürden überwunden und erhebliche Summen investiert werden, bevor überhaupt erste Produkte verkauft werden. Daraus leitet er ab, dass Deep-Tech mehr als Kapital braucht: Zugang zu Forschungseinrichtungen, spezialisierte Netzwerke, unternehmerische Erfahrung und Investoren mit einem langen Atem. Deshalb seien Wissenschaftsstandorte in Potsdam, Wildau, Cottbus und Luckenwalde für Brandenburg besonders relevant; sie machen Kooperationen konkret und verkürzen Wege vom Labor in die Umsetzung.

In der Praxis beschreibt Scheppan die Förderbank als „Brückenbauer“. Die ILB könne dort unterstützen, wo der Markt allein noch nicht trägt – etwa über Zuschüsse, zinsgünstige Darlehen oder Beteiligungskapital. Gleichzeitig betont er, dass öffentliche Förderung privates Kapital mobilisieren und hebeln soll. Der langfristige Maßstab für Skalierung liege weiterhin beim Markt und bei privaten Investoren: Business Angels, Venture-Capital-Fonds und strategische Investoren müssten den Wachstumssprung finanzieren. Um mehr davon ins Land zu holen, sieht er Kapitalfolgen an gute Geschäftsideen geknüpft; nötig seien deshalb mehr Sichtbarkeit des Standorts, Investitionen in die Forschungslandschaft und Formate, die junge Menschen zum innovativen Denken und Gründen ermutigen. Als quantitativen Hinweis nennt Scheppan, dass die ILB im vergangenen Jahr Innovations- und Forschungsvorhaben mit 107 Millionen Euro unterstützt habe – ein Rekord für sein Haus. Daneben nennt er die Veranstaltungsreihe FUSION als Plattform, die Gründerinnen und Gründer, Wissenschaft, Mittelstand, Investoren und öffentliche Förderung zusammenführt; solche Schnittstellen seien laut ihm gerade für ein Standortökosystem wie Brandenburg entscheidend.

Für den Transfer in die Breite und die nächsten Jahre macht er drei Hebel aus: Erstens müsse der Transfer von Forschung in unternehmerische Anwendungen weiter verbessert werden; Brandenburg habe zwar starke Hochschulen und Forschungseinrichtungen, hier lägen aber noch Potenziale. Zweitens brauche es mehr Wachstumskapital für die Skalierungsphase. Drittens gelte es, mehr internationale Talente anzuziehen und auch zu halten, weil Technologieunternehmen dort besonders erfolgreich wachsen, wo innovative Ideen, Kapital und Fachkräfte zusammenkommen. Dass die Voraussetzungen dafür vorhanden seien, begründet er unter anderem mit kontinuierlichem Bevölkerungswachstum in Brandenburg, einer Verdopplung der Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung sowie einer dynamischen Entwicklung wichtiger Zukunftsbranchen. In Summe setzt Scheppan damit stärker auf Zusammenarbeit als auf Wettbewerb innerhalb der Metropolregion Berlin-Brandenburg: Berlin liefere Dichte an Startups, Investoren, internationalen Talenten und Managementkompetenz, Brandenburg steuere unter anderem verfügbare Flächen, industrielle Infrastruktur, Nähe zu Produktionsstandorten sowie vergleichsweise günstigere Kosten und einen hohen Anteil erneuerbarer Energien im Stromnetz bei.

Welche Kontakte sich Gründerinnen und Gründer in diesem Umfeld besonders bewusst suchen sollten, beantwortet Scheppan relativ konkret. Er nennt erstens junge, gründungswillige Menschen aus Hochschulen und setzt sie in Beziehung zu erfahrenen Mittelständlern, weil dort ein Austausch besonders produktiv sein könne. Zweitens empfiehlt er die gezielte Vernetzung von Deep-Tech-Startups mit Business Angels und Venture-Capital-Investoren, denn neue Technologien benötigen früh Zugang zu Kapital und Erfahrung. Drittens hält er das Zusammenbringen von Forschenden, Unternehmen und öffentlichen Förderinstitutionen für zentral, weil Innovation in Netzwerken entstehe. Genau dafür adressiert die FUSION in Wildau als Treffpunkt für das Brandenburger Startup-Ökosystem unterschiedliche Gruppen hinweg und schafft einen Raum für Austausch über die Grenzen einzelner Akteurscluster. Ziel ist dabei, dass aus wissenschaftlichen Ideen schneller unternehmerische Umsetzung wird – und dass aus passenden Partnern am Ende nicht nur Projekte, sondern wachstumsfähige Unternehmen werden.


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