FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut KfW Research erwarten 30 Prozent der deutschen Mittelständler mit Auslandsumsätzen sinkende grenzüberschreitende Erlöse in den kommenden drei Jahren. Besonders betroffen ist das Verarbeitende Gewerbe, das einen großen Teil der Mittelstands-Auslandsumsätze erwirtschaftet und seine Exportmärkte zugleich stärker diversifiziert. Gleichzeitig steigt der Anteil der Unternehmen, die eine (teilweise) Verlagerung ihrer Tätigkeiten ins Ausland planen, von 4 Prozent in den vergangenen fünf Jahren auf 12 Prozent für die nächsten fünf Jahre. Die Studie fordert vor allem bessere Standortbedingungen, um Deindustrialisierung entgegenzuwirken.

KfW Research: Mittelstand verlagert wegen China- und Geopolitikdruck verstärkt ins Ausland
KfW Research: Mittelstand verlagert wegen China- und Geopolitikdruck verstärkt ins Ausland (Foto: IT BOLTWISE)
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Für den deutschen Mittelstand wird die internationale Aufstellung zunehmend zur Standortfrage, nicht nur zur Wachstumsstrategie. Eine neue Studie von KfW Research zum Auslandsgeschäft zeigt: 30 Prozent der Mittelständler mit Auslandsumsätzen rechnen in den kommenden drei Jahren mit rückläufigen grenzüberschreitenden Erlösen. Davon gehen 6 Prozent sogar von einem starken Rückgang aus, während knapp ein Viertel der auslandsaktiven Firmen Wachstum erwartet und 47 Prozent keine Änderungen sehen. Im Hintergrund stehen geopolitische Krisen und Konflikte, handelspolitische Unsicherheiten sowie steigender Konkurrenzdruck aus China, wie die Untersuchung konkret benennt.

Auch die Verteilung innerhalb des Mittelstands ist aufschlussreich. Im Verarbeitenden Gewerbe, das laut Studie rund 43 Prozent der gesamten mittelständischen Auslandsumsätze erwirtschaftet, entsteht spürbarer Anpassungsdruck. Das schlägt sich zunächst in der operativen Planung nieder: In den vergangenen fünf Jahren haben knapp 16 Prozent der auslandsaktiven Unternehmen neue Exportmärkte erschlossen oder neue Kunden im Ausland gewonnen; 7 Prozent planen das für die nächsten Jahre. Parallel dazu setzt sich eine strategische Gewichtsverschiebung durch: Etwa doppelt so viele wollen stärker auf den EU-Binnenmarkt ausrichten. Diese Kombination ist technisch und organisatorisch anspruchsvoll, weil sie Marketing- und Vertriebsprozesse, aber auch Zulieferketten- und Service-Modelle an neue regionale Rahmenbedingungen koppelt.

Besonders aufmerksamkeitsstark ist die zweite Ebene der Anpassung: nicht nur neue Märkte, sondern die Prüfung von Produktions- und Standortentscheidungen. In den vergangenen fünf Jahren plant erst ein kleiner Teil der Auslandsaktiven eine (teilweise) Verlagerung ins Ausland; in der Studie werden dafür 4 Prozent genannt. Für die kommenden fünf Jahre geben dagegen 12 Prozent an, eine solche Verlagerung voranzutreiben, im Verarbeitenden Gewerbe sogar 29 Prozent. Entscheidend ist dabei nicht, dass alle Unternehmen ihre Pläne tatsächlich umsetzen, sondern dass die Richtung der Optionen spürbar nach oben geht. Bei der Annahme, dass nur jedes zweite Unternehmen den Plan realisiert, entspräche das dennoch einem möglichen Anteil von rund 7 Prozent der mittelständischen Industriebetriebe, die innerhalb der nächsten fünf Jahre einen Teil ihrer Produktion ins Ausland verlagern könnten.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht verschiebt sich damit das Risikoprofil: Auslandsgeschäft ist nicht mehr nur Umsatz, sondern wird zu einer Brücke zwischen Marktzugang und industrieller Wertschöpfung. KfW Research verweist zugleich auf die betriebliche Realität der vergangenen Jahre. Insgesamt waren 2024 etwa 21 Prozent der knapp 3,9 Millionen Mittelständler im Ausland aktiv; im Verarbeitenden Gewerbe sind es mit rund 46 Prozent deutlich mehr. Für das Jahr 2024 nennt die Studie Auslandsumsätze des Mittelstands in Höhe von 699 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2023 ist das zwar eine Seitwärtsbewegung, aber inflationsbereinigt sanken die Umsätze um 2,9 Prozent. Darüber hinaus berichtet die Befragung, dass ein Drittel der auslandsaktiven Unternehmen 2025 gegenüber dem Vorjahr erneut rückläufige Auslandsumsätze verzeichnete; ein gutes Fünftel konnte dagegen steigende Auslandsumsätze feststellen.

Die zeitliche Einordnung wirkt dabei wie ein Blick in eine Vorzeichenphase. Die Befragung für die vorliegende Ergebnisse fand im Januar 2026 statt – ausdrücklich noch vor Beginn des Kriegs im Iran. Seitdem dürften sich die Einschätzungen aus Sicht der Studie zumindest in eine ungünstige Richtung weiterentwickelt haben. Für Entscheider in Industrie und Handel ist das deshalb relevant, weil die Studie nicht nur Zustandsbeschreibung liefert, sondern eine Planungslogik abbildet: Unternehmen bauen Diversifikationspfade auf, prüfen EU-nahe Absatzkanäle intensiver und erhöhen parallel die Sensitivität gegenüber Risikoereignissen entlang der Wertschöpfung. Im Kern geht es um die Frage, wie schnell Firmen von „mehr Export“ zu „andere Produktionsarchitektur“ wechseln, sobald Kosten, Lieferketten und Absatzchancen gleichzeitig unter Druck geraten.

Die KfW ordnet die Entwicklung auch politisch ein und betont den Handlungsbedarf für den Standort Deutschland. Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, sagt laut Quelle, die Politik solle alle verfügbaren Gestaltungsmöglichkeiten nutzen, um einer Deindustrialisierung entgegenzuwirken. Als wichtigste Stellschraube nennt er die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Konkrete Stichworte sind Bürokratieabbau, eine Senkung der Energie- und Arbeitskosten sowie eine Reduktion von Steuern und Abgaben. Daneben sei ein gezielter Einsatz von handels- und industriepolitischen Instrumenten nötig, um Unternehmen vor Benachteiligungen im internationalen Handel zu schützen. Auch wenn Politikmaßnahmen nicht automatisch Produktionsverlagerungen verhindern, adressieren diese Punkte genau jene Parameter, die in der Praxis Investitionsrechnungen und Standortvergleiche steuern.

Für die Unternehmenspraxis lässt sich aus den Zahlen eine klare Prioritätenfolge ableiten: Erstens lohnt die konsequente Markt- und Kundenstrategie, weil sie kurzfristig die Absatzseite stabilisieren kann – hier zeigt die Studie bereits Aktivität durch neue Exportmärkte und einen stärkeren Fokus auf den EU-Binnenmarkt. Zweitens werden Kosten- und Risikoannahmen in der Projektarbeit wichtiger als zuvor, weil steigende Unsicherheit aus mehreren Richtungen gleichzeitig wirkt. Drittens sollte das Risikomanagement für Wertschöpfungsketten eng mit der internationalen Go-to-Market-Strategie verzahnt werden, um „Plan B“ für Auslandsproduktion nicht nur als Notfall, sondern als sauber dokumentierte Option zu behandeln. Die KfW verweist zudem auf die Datenbasis: Grundlage sind die jüngste Befragungswelle des KfW-Mittelstandspanels (10. Februar 2025 bis 20. Juni 2025) sowie eine Sonderbefragung zum Auslandsgeschäft (12. Januar 2026 bis 21. Januar 2026). Damit ist die Studie zwar nicht tagesaktuell, liefert aber eine belastbare Momentaufnahme darüber, wie mittelständische Industrieunternehmen ihren internationalen Kurs drehen – und warum der nächste Schritt für viele bereits in der Produktionsplanung sichtbar wird.


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