BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens Energy-Chef Christian Bruch warnt vor großen wirtschaftlichen Risiken, falls die AfD in Sachsen-Anhalt Regierungsverantwortung übernimmt. Im Zentrum stehen fehlende internationale Fachkräfte, weniger Vertrauen für Investoren und eine politisch weniger stabile Planungssicherheit. Top-Ökonomen wie Monika Schnitzer und das IW erwarten zudem, dass eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung ohne Zuzug besonders stark zu Engpässen führt. Die Debatte rückt damit die Schnittstelle aus Energiepolitik, Arbeitsmarkt und Investitionsklima ins Licht.

Die aktuelle Diskussion um einen möglichen AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt bekommt in der Industrie jetzt deutlich spürbaren Gegenwind. In Berlin warnen Wirtschaftsvertreter und Ökonomen davor, dass sich das Investitions- und Arbeitsmarktklima in kurzer Zeit spürbar verschlechtern könnte. Anlass ist die Sorge, dass eine veränderte Zuwanderungs- und Standortpolitik Fachkräfte aus dem Ausland sowie internationale Investoren weniger anziehen würde. Genau dort sieht auch der DAX-Konzern Siemens Energy einen wunden Punkt, weil das Unternehmen für Wachstum und Projekte auf exportorientierte Märkte und eine verlässliche Personalplanung angewiesen bleibt.
Besonders konkret wird die Debatte bei der Frage, wie stark sich die Attraktivität für ausländische Fachkräfte verändern könnte. Monika Schnitzer, Vorsitzende einer wirtschaftswissenschaftlichen Beratergruppe, verknüpft die erwarteten Folgen direkt mit dem Wahlprogramm und sagt, Sachsen-Anhalt würde als Standort für Fachkräfte und Unternehmen deutlich an Attraktivität verlieren. Auch Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft bringt das Thema auf den Punkt: Wer um ausländische Fachkräfte konkurriert, dürfe keine Partei stark machen, die offen die Ausweisung fordert. Im Hintergrund steht zudem die demografische Rechnung, die Hüther für Sachsen-Anhalt aufmacht: Ohne Zuwanderung sinke die Erwerbsbevölkerung nach seinen Prognosen bis 2045 um etwa ein Viertel, wodurch auf jeden Erwerbsfähigen rechnerisch mehr als ein Mensch entfällt, der nicht arbeitet.
Siemens Energy führt die Sorge aus Unternehmenssicht weiter, indem der Vorstandschef Christian Bruch das AfD-Programm als belastend für den Wirtschaftsstandort einordnet. Er betont gegenüber einer deutschen Nachrichtenagentur, dass das Programm in Teilen demokratische Strukturen angreife und hält das für „absolut kritisch“. Bruch stellt dabei die operative Abhängigkeit des Unternehmens heraus: Siemens Energy und die eigenen Arbeitsplätze hängen daran, dass das Unternehmen exportiert, dass internationale Fachkräfte nach Deutschland kommen und dass ausländische Investoren darauf vertrauen können, politischer Stabilität nicht ausgesetzt zu sein. Diese Kette ist in globalen Industriesektoren entscheidend, weil Projekte in der Regel mit langen Vorlaufzeiten, komplexen Liefer- und Qualifikationsplänen sowie kapitalintensiven Entscheidungen arbeiten.
Bruch verknüpft seine Kritik außerdem mit einer Einschätzung zur politischen Kommunikation. Er bedauere, dass es der Politik bisher nicht gelungen sei, Kompromisse zu finden, in denen sich der Großteil der Bevölkerung wiederfinde, und beschreibt die Lage als kritisch. Gleichzeitig stellt er der AfD eine „dramatisch falsche Botschaft“ aus dem Blickwinkel der Standortentwicklung entgegen: Nicht Veränderungstiefe, sondern Nostalgie habe bei der Vision eines Rückkehrpfads nach früheren Erfolgsbildern Vorrang. In seiner Argumentation unterschätzen Menschen dabei die Geschwindigkeit, mit der sich andere Länder tatsächlich weiterentwickeln. Für einen Konzern wie Siemens Energy ist das relevant, weil Investoren und Recruiting-Teams in der Regel weniger auf Schlagworte reagieren als auf konsistente, langfristig belastbare Signale.
Auch energiepolitische Leitlinien werden in diesem Zusammenhang zum Prüfstein. Bruch ordnet Debatten über eine Rückkehr zur Nukleartechnologie in Deutschland als nicht sinnvoll ein, insbesondere in einem energiepolitisch eng vernetzten Europa, in dem bereits Kernkraftwerke in Nachbarländern existierten oder gebaut würden. Seine zentrale Aussage dabei lautet: Die Art, wie die Aussagen im Programm gelesen werden können, passe nicht zu einem kohärenten Energiemodell für die Standortrealität. Solche Fragen wirken nicht nur in der Energiepolitik, sondern schlagen direkt in die industriepolitische Planung durch, etwa über Genehmigungs- und Investitionshorizonte, über Lieferketten und über den Bedarf an technischen Qualifikationen. Wenn sich diese Parameter verschieben, wird die Rekrutierung von Fachkräften häufig noch schwieriger, weil Zeitpläne auseinanderlaufen.
Der Druck auf Unternehmen entsteht zudem nicht im luftleeren Raum. Schnitzer verweist darauf, dass in Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren viele Arbeitskräfte in Rente gehen werden und ohne Zuzug von außen bald Fachkräfte fehlen könnten; gleichzeitig würden Investitionen ohne ausreichende Personalbasis ausbleiben. Dass solche Warnungen nicht isoliert auftreten, zeigen auch weitere Stellungnahmen aus der Wirtschaft. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sagte etwa, populistische Parteien gäben vor, einfache Antworten zu liefern, propagierten aber Konzepte, die den Grundlagen des Erfolgs widersprächen: Offenheit, Vielfalt, ein starkes Europa, verlässliche Institutionen und internationale Zusammenarbeit. Bahlsen-Chef Alexander Kühn grenzt sich in diesem Kontext ebenfalls ab und nennt als Bedarf Fachkräfte, offenen Handel in Europa sowie stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Für Unternehmen ergibt sich aus der Debatte eine klare Management-Frage: Wie robust sind Standort- und Personalstrategien gegen politische Unsicherheit? International agierende Industrieunternehmen müssen bei HR und Beschaffung typischerweise Szenarien durchspielen, die von Einstellungs- und Genehmigungsrisiken bis zu verändertem Investor-Confidence-Set reichen. Kommt es tatsächlich zu einer Regierungsbildung, verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit, dass politische Stabilität und Rekrutierungspolitik als verlässliche Faktoren wahrgenommen werden. Siemens Energy positioniert sich dabei erkennbar nicht nur als „Betroffener“, sondern als Stakeholder, der die ökonomische Logik hinter Fachkräften und Investitionsbereitschaft öffentlich zusammenführt. Die kommenden Wochen dürften daher weniger eine reine Wahlberichterstattung auslösen als vielmehr eine Neubewertung der Standortannahmen bei Recruiting, Kapitaleinsatz und Energie-Planung.
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