LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Online-Studie mit 411 Erwachsenen zeigt Zusammenhänge zwischen den Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen und bestimmten Strategien im Umgang mit Albträumen. Am deutlichsten ist der Befund, dass Menschen mit höherer Extraversion Albträume eher mit anderen besprechen. Andere erwartete Muster, etwa ein stärkeres Vermeiden bei hoher Neurotizität, treten in den Haupttests nicht klar zutage. Die Daten beruhen allerdings auf Selbstauskünften zu einem Zeitpunkt und erlauben keine kausalen Schlüsse.

Wie Big Five Persönlichkeit beim Umgang mit Albträumen wirkt
Wie Big Five Persönlichkeit beim Umgang mit Albträumen wirkt (Foto: IT BOLTWISE)
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Albträume sind für viele Menschen zwar selten ein Dauerzustand, aber sie können die Lebensqualität spürbar bremsen: Wer im Schlaf in der REM-Phase (Rapid Eye Movement) von einem besonders bedrohlichen Traum überrascht wird, wacht oft mit anhaltender Angst auf, selbst wenn das Bewusstsein bereits voll da ist. Genau an dieser Schnittstelle setzt die neue Untersuchung an, die untersucht, ob die „Big Five“ zwar nicht die Inhalte von Träumen bestimmt, aber möglicherweise beeinflusst, wie Menschen mit den Nachwirkungen umgehen. Im Kern geht es um den Umgang mit nächtlichem Stress: Welche Strategien werden gewählt, wenn das Erleben eines Albtraums als belastend bleibt?

Für die Einordnung lohnt ein Blick auf die medizinische Realität: Während Albträume mit intensiver Beeinträchtigung oder ausgeprägter Belastung diagnostisch in Richtung „Nightmare Disorder“ gehen können, werden häufige Albträume im Alltag nach wie vor selten gezielt behandelt. Stattdessen entwickeln Betroffene pragmatische Routinen, etwa indem sie Situationen meiden, die als Auslöser gelten, oder indem sie mit anderen über das Erlebte sprechen. Die Big Five als psychologisches Modell bildet dafür einen plausiblen Rahmen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus beschreiben relativ stabile Unterschiede, wie Menschen Gefühle verarbeiten, mit Unsicherheit umgehen und Stress regulieren.

Die Studie von Julia Wiesenthal und Michael Schredl von der Universität Heidelberg arbeitet genau diese Brücke aus: Die Forschenden wollten wissen, ob Persönlichkeitsunterschiede die Auswahl konkreter Albtraum-Strategien mitprägen. Methodisch basiert das Ergebnis auf einer Online-Befragung mit 411 Erwachsenen. Der Teilnehmerkreis war überwiegend aus Studierenden der Psychologie rekrutiert, das Durchschnittsalter lag bei 28 Jahren. Erfasst wurden standardisierte Fragebögen zu den Big-Five-Merkmalen, zur Häufigkeit von Albträumen sowie zu dem Ausmaß an Belastung, das durch die Träume entsteht; zusätzlich gaben die Teilnehmenden Auskunft über „Luzides Träumen“, also darüber, ob man im Traum selbst bewusst wird, dass man träumt.

Ein zentraler Baustein der Auswertung war eine Liste von acht spezifischen Bewältigungsansätzen. Neben eher naheliegenden Verhaltensoptionen wie „mit jemandem sprechen“, „Trigger vermeiden“ und „professionelle Hilfe suchen“ waren auch Informationssuche sowie der Einsatz von Medikamenten im Fragebogen. Daneben standen kognitive oder verhaltensnahe Techniken, die im therapeutischen Umfeld bereits diskutiert werden: Beispielsweise das gezielte Herbeiführen luzider Träume und die Imagery Rehearsal Therapy, kurz IRT. Bei der IRT wird das belastende Traumereignis im Wachzustand schriftlich festgehalten und anschließend so umgeschrieben, dass ein positiver Ausgang die Szene beendet. Genau solche Ansätze machen deutlich, dass Albtraum-Bewältigung nicht nur „Eskalation vermeiden“ sein muss, sondern auch aktive Neu-Kontextualisierung.

Vor Beginn der Analyse formulierten die Forschenden drei Hauptannahmen: Hohe Offenheit sollte mit stärkerer Informationssuche über Albträume einhergehen. Hohe Extraversion erwartete man im Zusammenhang mit dem Reden über Albträume. Hohe Neurotizität wiederum sollte mit eher ausweichenden Strategien verbunden sein, also dem Meiden möglicher Trigger. Von diesen drei Erwartungen bestätigt sich letztlich nur eine klar im Hauptsignal: Extraversion korreliert positiv damit, Albträume mit anderen zu besprechen. Weder zeigt sich bei hoher Offenheit eine Tendenz, die eigenen Albträume systematisch zu recherchieren, noch ist die vermeidende Reaktion bei hoher Neurotizität im Sinne der Hauptprognose besonders ausgeprägt.

Interessant wird es bei den sekundären Zusammenhängen, die über explorative Analysen sichtbar wurden. So berichten Teilnehmende mit höheren Neurotizismus-Werten „etwas häufiger“ den Wunsch nach professioneller Unterstützung. Offenheit hängt dagegen stärker an Selbst-Interventionsformen: Wer höher offen ist, greift eher zur selbst angewandten Imagery Rehearsal Therapy und dokumentiert die Träume häufiger über Aufschreiben oder Zeichnen. Bei Verträglichkeit zeigt sich ein leicht anderes Muster: Diese Personen bevorzugen eher das Gespräch mit Freunden oder Familie und greifen gleichzeitig seltener zu luziden Techniken, um die Albträume zu kontrollieren. Übergreifend über alle Persönlichkeitsprofile hinweg bleibt „über Albträume sprechen“ die am häufigsten genutzte Strategie; als besonders hilfreich wird das Gespräch über den Traum ebenfalls am stärksten bewertet.

Auch das Bild der „zweiten Linie“ passt zur Logik von Trigger- und Erwartungsmanagement: Vermeiden möglicher Auslöser liegt bei der Häufigkeit der Anwendung auf Rang zwei. Weit seltener werden hingegen Techniken wie das Trainieren luzider Träume, die systematische Informationssuche oder das gezielte Umschreiben des Traum-Endes genutzt. Auffällig ist zudem die seltene Inanspruchnahme medizinischer oder therapeutischer Hilfe in der Stichprobe: „Professionelle Hilfe“ wird von nur wenigen Teilnehmenden tatsächlich konsultiert, diese bewerteten den Ansatz jedoch in der kleinen Gruppe als sehr hilfreich. Medikamente werden demgegenüber als die am wenigsten genutzte Option genannt; zugleich bewertet niemand diese Methode als „sehr hilfreich“.

Die Studie betrachtet außerdem demografische Unterschiede in der wahrgenommenen Wirksamkeit. Frauen finden demnach das Besprechen der Albträume im Schnitt hilfreicher als Männer, während Männer luzides Träumen als wirksamer bewerten. Mit dem Alter sinkt tendenziell die subjektive Hilfsbewertung: Ältere Teilnehmende halten sowohl das Gespräch über Albträume als auch das Umschreiben des Traumendes für weniger hilfreich. Genau hier wird zugleich die Grenze der Aussagekraft deutlich: Die Daten stammen aus Selbstauskünften zu einem Zeitpunkt. Das Design kann keine Ursache-Wirkung-Zusammenhänge belegen, sondern zeigt statistische Verknüpfungen. Zudem besteht die Möglichkeit von Antwortverzerrungen, etwa durch „Availability“-Effekte: Wer eine Strategie ohnehin oft nutzt, bewertet sie möglicherweise auch deshalb als wirksamer.

Für die Forschung und die Praxis folgt daraus ein klarer nächster Schritt. Die Teilnehmenden waren überwiegend Psychologie-Studierende, womit die Übertragbarkeit auf die breite Bevölkerung begrenzt sein kann. Außerdem wurde nicht über Zeiträume hinweg verfolgt, ob die genannten Strategien die Häufigkeit von Albträumen tatsächlich senken, sondern ausschließlich die wahrgenommene hilfreiche Wirkung erfasst. Eine bessere Evidenzlage erfordert daher längsschnittliche Designs, in denen man Personen über Wochen oder Monate begleitet und die subjektive Strategie-Nutzung mit objektiveren Veränderungen der Albtraumhäufigkeit koppelt. Auch wäre es sinnvoll, die Wirkung bestimmter Techniken gezielt in Gruppen zu testen, einschließlich Menschen, die medizinisch als „Nightmare Disorder“ betroffen sind, damit sich Beratung und Therapie nicht nur auf Plausibilitätsannahmen stützen. Die Ergebnisse sind damit vor allem ein erster Hinweis darauf, wie stark Persönlichkeit das Bewältigungsrepertoire beim Thema nächtliche Angst strukturiert.

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in dem Artikel Nightmare Coping Strategies and Their Association With Big Five Personality Traits im Journal of Sleep Research, verfasst von Julia Wiesenthal und Michael Schredl.


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