LONDON (IT BOLTWISE) – In der Krypto-Debatte sorgt Benjamin Cowen für Widerspruch: Bitcoin folge nicht automatisch der Geldmenge M2. Stattdessen nennt er globale Netto-Liquidität als entscheidende Größe, die auch die Bilanzen mehrerer Zentralbanken zusammenfasst. Trotz steigender M2-Werte habe Bitcoin in den Jahren 2014, 2018 und 2022 deutlich nachgegeben. Erst wenn Zentralbanken wieder expandieren, könnte sich das Muster für eine Outperformance erneut drehen.

Die Erwartung klingt so eingängig wie sie an Märkten oft auch funktioniert: Wenn die Geldmenge steigt, müsste Bitcoin mitlaufen. Genau dieses Narrativ greift jedoch laut dem Krypto-Analysten Benjamin Cowen zu kurz. In seiner Argumentation steht nicht die einzelne Teilgröße „M2“, sondern die umfassendere Frage im Mittelpunkt, wie viel Liquidität dem Finanzsystem insgesamt tatsächlich zur Verfügung steht. M2 misst dabei zwar Barmittel und kurzfristig verfügbare Einlagen, aber Cowen zeigt in seinem Modell, warum eine steigende M2-Zahl nicht automatisch in steigende Kurse von Bitcoin übersetzt wird.
Für seine These betrachtet Cowen eine Kennzahl, die er als globale Netto-Liquidität beschreibt. Der Mechanismus dahinter ist technisch recht klar: Er kombiniert die Bilanzen mehrerer großer Zentralbanken – unter anderem der Federal Reserve, der Europäischen Zentralbank sowie der Zentralbanken in Japan, China und dem Vereinigten Königreich – und zieht dann Geld ab, das in der US-„reverse repo facility“ geparkt ist. Zusätzlich berücksichtigt Cowen das U.S. „Treasury General Account“, also die Liquiditätspositionen im Staatshaushalt, bevor er das Ergebnis als globale Netto-Liquidität in Relation setzt. Dass diese Größe laut seiner Darstellung aktuell bei rund 25 Billionen US-Dollar liegt, erklärt für ihn, warum Bitcoin in einer Phase schwächerer Gesamtdynamik gegenüber Aktien unter Druck geraten ist.
Interessant ist dabei weniger die Existenz einer Alternativkennzahl, sondern die historische Abgrenzung. Cowen verweist auf Zeiträume, in denen M2 zwar Rekordstände erreichte – unter anderem 2014, 2018 und 2022 –, Bitcoin aber dennoch kräftige Rückschläge verkraften musste. Das Ziel der Argumentation ist nicht, M2 grundsätzlich abzuwerten, sondern die Kopplung „M2 hoch = Bitcoin hoch“ als zu mechanisch zu entlarven. Sein Modell führt stattdessen vor Augen, dass es am Ende die Netto-Liquiditätslage ist, die den Markt mit „echter“ Handlungsmasse versorgt – also jene Liquidität, die nicht nur in statistischen Aggregaten existiert, sondern tatsächlich im System zirkulieren kann.
Auch der Blick auf den Marktzyklus folgt einem Muster: Cowen zieht als nächstgelegendes Parallelbeispiel das Jahr 2019 heran. Damals seien M2 und die Aktienmärkte zwar weiter gestiegen – die Börsen erreichten sogar Allzeithochs –, doch Bitcoin habe trotzdem nachgegeben, weil die globale Netto-Liquidität aus seiner Sicht nicht ausreichend zulegte. Erst die Pandemie habe Zentralbanken gezwungen, massiv reale Liquidität bereitzustellen. Für den aktuellen Zyklus leitet Cowen daraus ab, dass die „Wucht“ der Liquiditätsimpulse ausbleibt, während gleichzeitig die Stärke besonders großer Technologie- und KI-getriebener Aktienwerte den S&P 500 stützt. In diesem Setup entsteht für Bitcoin ein ungünstiger Effekt: Aktien steigen, ohne dass die Nettonachfrage nach riskanten Assets im Krypto-Segment in gleicher Intensität durch Liquidität „angefeuert“ wird.
Benjamin Cowen bringt den Kern seiner Sicht in einer direkt überlieferten Aussage auf den Punkt: „The reason why Bitcoin has been stuck in traffic on Struggle Street for the last five years is because net liquidity remains low.“ In seinem Bild wird deutlich, dass es für ihn nicht primär um Ankerpunkte wie einzelne Regulierungs- oder Schlagzeilenrisiken geht, sondern um die makroökonomische „Antriebsleistung“ des Systems. Besonders auffällig: Er ordnet die aktuellen Rückgänge als vergleichsweise flach ein. Während frühere Bärenmärkte nach seiner Darstellung oft Rücksetzer von 75% bis 85% beinhalteten, sei das aktuelle Drawdown-Niveau deutlich milder ausgefallen. Seine Schlussfolgerung: Der Markt sei eher aufgrund mangelnder spekulativer Überhitzung „aus dem Tritt“ geraten, nicht weil ein Liquiditätsüberschuss eine echte Blasenbildung ausgelöst hätte.
Für Unternehmen und Investoren liegt die praktische Bedeutung dieser Diskussion vor allem in der Methodik. Wer Krypto-Bewegungen nur über klassische Geldmengenaggregate erklärt, läuft Gefahr, Timing-Fehler zu machen – gerade dann, wenn Aktien durch interne Faktoren wie Bewertungsverschiebungen oder Mega-Cap-Dynamik tragen, während die globale Netto-Liquidität nicht mitzieht. Cowens Signal ist damit gleichzeitig nüchtern und handlungsorientiert: Der nächste Zyklus für eine potenzielle Outperformance von Bitcoin hängt aus seiner Sicht daran, dass Zentralbanken einen konkreten Anlass finden, ihre Bilanzen erneut auszuweiten. Solange dieser Auslöser fehlt, bleibt Bitcoin in seinem Modell langfristig in einer Art „Nachlauf“ gegenüber dem Aktienmarkt – mit dem Ergebnis, dass M2 allein als Frühindikator zu kurz greifen kann.
Technisch betrachtet ist die Aussage vor allem eine Frage der Aggregation: Liquidität wirkt nicht nur über den Geldmengen-Komponentenindex, sondern über bilanzielle Ströme zwischen Zentralbank und Geldmarktmechanismen. Die Einbeziehung der reverse repo facility und des Treasury General Account macht das Modell dabei granularer als eine „eine Zahl“-Story. Marktseitig verschiebt das die Aufmerksamkeit von kurzfristigen Schlagzeilen hin zu den Bilanzsignalen der Notenbanken und zu dem, was am Ende tatsächlich als Netto-Liquidität im System verfügbar ist. Genau diese Unterscheidung dürfte erklären, warum Bitcoin in Phasen steigender M2-Zahlen zeitweise die Rolle des „Spätreakteurs“ übernimmt.
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