BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Immer mehr deutsche Mittelständler aus der Industrie planen eine Auslandsverlagerung. Laut KfW-Internationalisierungsbericht sind bei den im Ausland aktiven Unternehmen bereits 8 Prozent in den vergangenen fünf Jahren vorangegangen; weitere 29 Prozent wollen in den kommenden Jahren nachziehen. Gleichzeitig schwindet die Erwartungssicherheit bei Umsatz und Exporten: 30 Prozent rechnen in den nächsten vier Jahren mit sinkenden Erlösen. Im EU-Binnenmarkt sehen viele Firmen dagegen den wahrscheinlichsten Wachstumshebel.

KfW: Immer mehr Mittelständler verlagern Produktion ins Ausland
KfW: Immer mehr Mittelständler verlagern Produktion ins Ausland (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um die Industrie in Deutschland bekommt einen neuen Schwerpunkt: Nicht nur Großkonzerne, sondern zunehmend auch Mittelständler verlagern Teile der Produktion ins Ausland. Der KfW-Internationalisierungsbericht, basierend auf Antworten von 1700 Unternehmen (Umfrage im Januar, davon rund 600 im Ausland aktiv), zeichnet ein Bild, das vor allem bei Industrieunternehmen deutlich wird. Nahezu jeder dritte Mittelständler aus der Industrie plant demnach für die kommenden fünf Jahre eine Verlagerung ins Ausland – ein Tempo, das die bisherigen Muster aus der Vergangenheit überlagern könnte.

Im Detail zeigt sich die Dynamik weniger als plötzlicher Kurswechsel, sondern als schrittweises Fortschreiben bestehender Internationalisierungsstrategien. Unter den bereits im Ausland aktiven Mittelständlern haben 8 Prozent in den vergangenen fünf Jahren Teile ihrer Produktion verlegt. Weitere 29 Prozent planen dies für die kommenden fünf Jahre. Chefvolkswirt Dirk Schumacher formuliert das als Warnsignal: „Wenn auch nur die Hälfte dieser Unternehmen ihre Pläne realisiert, würden wir zukünftig eine deutlich stärkere Verlagerung sehen als in der Vergangenheit. Dies ist ganz klar ein Warnzeichen“.

Dass die Verlagerung nicht nur ein Kosten- und Effizienzthema ist, sondern auch an Standortattraktivität gekoppelt bleibt, wird im Bericht direkt adressiert. Schumacher verweist darauf, dass „der Standort an Attraktivität verloren hat“. Damit schließt sich ein Kreis zu den Industrietrends der letzten Jahre: Viele Firmen hatten schon zuvor den Produktionsmix Richtung Osteuropa oder andere Weltregionen erweitert. Neu ist weniger die Richtung, sondern die Breite, mit der sich diese Schritte nun über mehrere Unternehmensgrößenordnungen hinweg auszudehnen scheinen.

Für die industriepolitische Bewertung ist zudem entscheidend, wie geopolitische und handelspolitische Faktoren in die Geschäftsmodelle hineinwirken. Im Bericht wird die Konkurrenzsituation in China besonders hervorgehoben: Chinas aggressive Wirtschaftspolitik sorge für Druck auf deutsche Anbieter. Zusätzlich erschwert ein Abschottungskurs der US-Regierung das Exportgeschäft, unter anderem wegen steigender Handelsbarrieren. Schumacher betont, dass deutsche Mittelständler zwar bereits zuvor global aufgestellt waren, aber damit auch „härter getroffen“ würden als Unternehmen in Ländern mit weniger internationaler Verzahnung; zugleich wachse der globale Handel für sie nicht mehr in gleicher Weise mit.

Die Folgen lassen sich auch an den Exportumsätzen ablesen. Laut Bericht stagnieren die Auslandsumsätze des Mittelstands seit 2022. Das Wachstum kommt vor allem aus dem europäischen Markt; dort sehen die Unternehmen ihre größten Chancen. Knapp ein Fünftel der Unternehmen (19 Prozent) will Exporte stärker auf den EU-Binnenmarkt ausrichten oder hat dies bereits getan, in Industrieunternehmen sind es sogar 24 Prozent. Bemerkenswert ist dabei, wie diese Entscheidung die gesamte Wertschöpfung berührt: Wer stärker im EU-Raum wachsen will, muss Lieferketten, Absatzlogistik und Produktanforderungen so aufeinander abstimmen, dass sich Verlagerungsentscheidungen nicht nur geografisch, sondern auch organisatorisch rentieren.

Gleichzeitig ist die Lage nicht durchgehend negativ, zumindest kurzfristig. Schumacher widerspricht der Interpretation, eine Verbesserung der Exportstimmung sei ein Beleg dafür, dass sich die strukturellen Probleme erledigt hätten. Im August ist der Ifo-Index der Exporterwartungen auf den höchsten Stand seit Anfang 2022 gestiegen; die Ausfuhren im zweiten Quartal seien überraschend stark gewesen und hätten das Wirtschaftswachstum gestützt. Als mögliche Auslöser nennt er ausdrücklich den KI-Boom in den USA oder einen fiskalischen Impuls in Deutschland – also Effekte, die kurzfristig Nachfrage stützen, aber nicht automatisch die mittel- und langfristigen Faktoren ausblenden.

Für Entscheider im Mittelstand bedeutet das: Das Risiko einer weiteren Verlagerungswelle entsteht nicht nur aus dem Blick auf einzelne Kostenblöcke, sondern aus dem Zusammenspiel von Demografie, Energiekosten, Wettbewerb aus China und den US-Zöllen. In der Umfrage geben 30 Prozent der im Ausland aktiven Firmen an, sie rechneten in den kommenden vier Jahren mit sinkenden Umsätzen, 24 Prozent erwarten dagegen Zuwächse. Genau diese Spanne ist für die Planung relevant, weil sie Investitionshorizonte beeinflusst: Produktionsstandorte lassen sich nicht von heute auf morgen umziehen, wohl aber Produktionsfenster, Lieferverträge, Test- und Ramp-up-Strategien. Deshalb dürften viele Unternehmen parallel an einer vernetzteren Aussteuerung arbeiten, etwa durch KI-gestützte Prognosen für Nachfrage, Kapazitätsplanung und Qualitätsdaten – nicht als Ersatz für Standortpolitik, aber als Mittel, Unsicherheiten in der Steuerung zu reduzieren.

Unterm Strich liefert der Bericht eine klare Botschaft an die industrielle Wertschöpfung: Internationalisierung bleibt für den Mittelstand ein Muss, doch die Frage verschiebt sich von „ob“ auf „wie und wie schnell“. Die EU-Binnenmarkt-Fokussierung wirkt wie ein Stabilitätsanker, während die Verlagerungspläne im Hintergrund eine strukturelle Herausforderung für Arbeitsplätze und regionale Cluster signalisieren. Wenn sich die angekündigten Schritte auch nur teilweise realisieren, dürfte sich der Wettbewerb in Wertschöpfungstiefe verschärfen. Für Unternehmen heißt das, Verlagerungen nicht als isolierte Standortentscheidung zu behandeln, sondern als Teil einer Gesamtstrategie aus Absatz, Lieferkette, Investitionsschutz und datenbasierter Steuerung.


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