LONDON (IT BOLTWISE) – Changpeng Zhao (CZ) erwartet, dass Bitcoin im nächsten Marktzyklus Gold in der Gesamtbewertung überholen könnte. Er setzt den aktuellen Abstand auf ein Vielfaches von „nur“ etwa zehnfach. Als Hauptbedingung nennt er, dass Staaten Bitcoin weiterhin als Reservewert behandeln und damit über Jahre hinweg umschichten. Gleichzeitig sieht er als größtes Risiko, dass ein anderes Krypto-Asset Bitcoin zuvor überholt.

Die Debatte um Bitcoin als Reservewert bekommt durch die Aussagen von Changpeng Zhao (CZ) neuen Schwung. In einem Fireside-Chat auf dem Format „Bitcoin Asia“ ordnete er die Frage nicht als technisches Rennen zwischen Netzwerken ein, sondern als logistische und institutionelle Aufgabe: Gold sei nicht deshalb überlegen, weil das Metall „besser“ wäre, sondern weil Staaten bereits über Jahrzehnte hinweg Verwahrung, Bewertung und Reservelogik darum herum aufgebaut hätten. Genau diese Lücke – vom „In den Büchern stehen“ bis zur belastbaren Reservefähigkeit – sei der entscheidende Hebel, um Bitcoin mittelfristig größer erscheinen zu lassen als Gold.
Seine Kernaussage: Der Abstand zwischen Bitcoin und Gold gemessen in der Gesamtmarktbewertung sei derzeit nicht unüberwindbar. CZ beziffert die Lücke auf grob das Zehnfache. Entscheidend ist dabei das Timing: Er geht davon aus, dass sich ein solcher Gap-Closing nicht innerhalb weniger Wochen erledigt, sondern innerhalb eines Marktzyklus und typischerweise erst dann sichtbar wird, wenn Nationen Reserven spürbar in Richtung Bitcoin umschichten. Diese Umschichtung sei nach seiner Darstellung für große Volkswirtschaften ein Prozess, der sich über Jahre erstreckt – nicht nur wegen politischer Entscheidungen, sondern auch wegen operativer Umsetzung bei Verwahrung, Liquiditätsannahmen und internen Bewertungsregeln.
Technisch-ökonomisch lässt sich seine Rechnung an einem konkreten Benchmark festmachen. Der Marktwert von Bitcoin liege laut der zugrunde gelegten Größenordnung bei etwa 1,6 Billionen US-Dollar. Aus einem zehnfachen Gap würde sich als Ziel grob ein Goldwert von rund 16 Billionen US-Dollar ableiten. Diese Zahl liegt nahe an einer Schätzung des World Gold Council für „investierbares Gold“ in Höhe von etwa 14 Billionen US-Dollar. Investierbares Gold umfasst dabei ausdrücklich mehr als nur Zentralbankbestände: Neben Barren und Münzen zählen auch Gold-ETFs, Reserven der Notenbanken sowie OTC-Holdings dazu. Wenn Bitcoin diesen investierbaren Goldwert „erreicht“, landet er in der von CZ abgeleiteten Größenordnung bei etwa 697.000 US-Dollar pro Coin – unter der Annahme einer zirkulierenden Menge von rund 20,08 Millionen BTC.
Warum diese Rechnung trotzdem angreifbar ist, liegt im nächsten Schritt: Gold hat nicht nur einen „investierbaren“ Teil, sondern auch einen großen nicht-finanziellen Bestand. Das Gesamtvolumen des oberirdisch verfügbaren Goldstocks – inklusive Schmuck sowie industrieller Nutzung – wird im World Gold Council-Kontext mit rund 31 Billionen US-Dollar angegeben. Nimmt man genau diese größere Basis als Vergleich, verschiebt sich der Zielkorridor für Bitcoin in Richtung 1,54 Millionen US-Dollar pro Coin. Damit wird deutlich, wie stark die Debatte davon abhängt, welchen Goldbegriff man in eine Portfolio-Logik übersetzt: „Reservewert für Staaten“ kann sich am investierbaren Bestand orientieren, während eine breiter gefasste Betrachtung auch den physischen Gesamtstock einbezieht.
Dass es alternative Paritätsrechnungen gibt, zeigt auch ein weiterer öffentlich diskutierter Ansatz: Der mexikanische Milliardär Ricardo Salinas Pliego soll eine ähnliche Gold-Parität genannt haben, allerdings mit anderen Annahmen zur Angebots- bzw. Vergleichsgröße. Seine Zielmarke lag der Darstellung zufolge bei etwa 1,86 Millionen US-Dollar. Das unterstreicht einen Punkt, der in der Praxis für Unternehmen und Treasury-Teams oft wichtiger ist als die Schlagzeile: Vergleiche zwischen Anlageklassen sind immer ein Modellproblem. Bei Bitcoin wirkt die feste Obergrenze von 21 Millionen als hartes Fundament, während der Goldstock kontinuierlich wächst – laut World Gold Council typischerweise im Bereich von 1% bis 2% pro Jahr. Gleichzeitig nähert sich Bitcoins Emissionspfad der Spitze an, weil die Ausgabe über die Zeit abnimmt. Genau dieser Kontrast kann in Szenarien den Eindruck verstärken, Bitcoin „müsse“ bei Parität zwangsläufig höher bewertet werden – aber nur, wenn die politische und institutionelle Allokationsannahme stimmt.
Der strategische Teil liegt deshalb weniger in den Formeln, sondern im Verhalten von Staaten und Finanzinstitutionen. Sowohl die Paritätsannahmen als auch CZs Zeitplan setzen voraus, dass „souveräne Wallets“ Bitcoin bevorzugt behandeln, statt parallel weiter stark in Gold zu investieren. An diesem Punkt wird auch der Marktpolitische Kontext greifbar: In den USA diskutieren Gesetzgeber über eine Strategic Bitcoin Reserve, also über die Idee, BTC als Reservewert zu halten. Zeitgleich bauen Notenbanken ihre physischen Goldbestände weiter aus, und zwar in der Darstellung mit einer Geschwindigkeit, die als Rekordniveau beschrieben wird. Für die Marktstruktur bedeutet das: Bitcoin konkurriert nicht nur gegen Gold als Asset, sondern gegen etablierte Prozesse – und jede Veränderung darin wirkt zunächst langsam, dafür aber umso nachhaltiger, sobald sie einmal institutionalisiert ist.
Daneben benennt CZ einen Faktor, der in der Krypto-Welt typischerweise unterschätzt wird: das Risiko, dass ein rivalisierendes digitales Asset Bitcoin im selben Zeitfenster „zuerst“ überholen könnte. Er hält dieses Szenario derzeit zwar für unwahrscheinlich, aber es verweist auf eine zweite Dimension der Reservefrage. Wenn Regierungen und Institutionen beginnen, digitale Reserven aufzubauen, spielt nicht nur die absolute Bewertung eine Rolle, sondern auch Liquidität, Handelsplätze, regulatorische Klarheit, Robustheit im Krisenfall und die wahrgenommene Langlebigkeit des Netzwerks. Für die nächsten Marktphasen heißt das: Der Wettlauf entscheidet sich möglicherweise weniger in einzelnen Preisimpulsen, sondern in der Frage, welches Asset als „Reservefähig“ wahrgenommen wird – und wer in den institutionellen Bewertungsmodellen früh genug integriert wird.
Für Unternehmen und Entscheider ergibt sich daraus eine praktische Schlussfolgerung: Wer Bitcoin in einem strategischen Kontext beobachtet, sollte nicht nur auf kurzfristige Kursbewegungen schauen, sondern auf Signale der institutionellen Integration. Dazu gehören die Ausgestaltung von Verwahrungsketten, die Übersetzbarkeit in interne Bewertungs- und Risikomodelle sowie die Fähigkeit, Volatilität in Portfoliokontexte zu „übersetzen“. Selbst wenn CZs konkrete Preisziele in der Öffentlichkeit dominieren, ist die wesentliche Aussage eher ein Prozessbild: Gold ist heute stark, weil Reservesysteme dafür bereits funktionieren; Bitcoin könnte folgen, sobald Reservefähigkeit nicht mehr als Sonderfall, sondern als Standard behandelt wird. Bis dahin bleibt der Markt von Annahmen geprägt – und genau dort können sich Szenarien schnell drehen.
Am Ende steht eine Balance aus Mathematik und Institutionen. Paritätsrechnungen zeigen, welche Größenordnung bei bestimmten Golddefinitionen nötig wäre – investierbares Gold versus oberirdischer Gesamtstock. Der wichtigste Hebel liegt jedoch in der konkreten Allokationspraxis: Wenn Reserven tatsächlich sukzessive umgebaut werden, kann Bitcoin in einem späteren Marktzyklus rechnerisch „durchziehen“. Wenn sich Staaten dagegen weiterhin primär auf Gold verlassen oder wenn ein anderes Krypto-Asset die Reserve-Story zuerst schärft, verschiebt sich der Zeithorizont. Die nächsten politischen und marktwirtschaftlichen Signale werden deshalb nicht nur für Krypto-Trader relevant sein, sondern auch für alle, die institutionelle Kapitalflüsse strategisch planen.
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