MONTE CARLO / LONDON (IT BOLTWISE) – Hannover Rück rechnet für die Vertragserneuerungsrunde im Schadenrückversicherungsgeschäft zum 1. Januar 2027 überwiegend mit stabilen Konditionen und leicht sinkenden Preisen. Der Rückversicherer will dabei mindestens stabile Kapazitäten bereitstellen, sofern die Preise auskömmlich sind. Im Fokus der Nachfrage stehen laut Konzernangaben Cyberdeckungen, strukturierte Rückversicherungen sowie Naturkatastrophendeckungen. Auch Swiss Re verweist auf KI-Infrastruktur als zusätzliches Wachstumsthema, unter anderem wegen steigender Investitionen in Rechenzentren.

Die Rückversicherungsbranche schaut zum Jahreswechsel besonders auf die Preis- und Kapazitätslogik der Schadenrückversicherung, weil sich dort Erwartungen der Versicherer direkt in Erneuerungsverhandlungen übersetzen. Hannover Rück hat im Rahmen seines jährlichen Rückversicherungstreffens in Monte Carlo dabei eine relativ klare Richtung vorgegeben: Für die Vertragserneuerungsrunde zum 1. Januar 2027 erwartet der Konzern überwiegend stabile Konditionen, gleichzeitig aber leicht sinkende Preise. Damit adressiert er genau die Spannung, die sich aus den vergangenen Jahren ergibt, in denen Inflation, Großschäden und die Normalisierung von Risikomodellen die Marktpreise zeitweise stark beeinflusst haben.
Operativ betont Hannover Rück zudem den Kapazitätsrahmen. Der Konzern will „mindestens stabile Rückversicherungskapazitäten“ bereitstellen – allerdings geknüpft an die Bedingung, dass auskömmliche Preise erzielbar sind. Das ist weniger ein kosmetisches Signal als eine Steuerungsgröße für das Underwriting: Rückversicherungskapazität ist nicht nur „verfügbar“ oder „nicht verfügbar“, sondern hängt an Risikoappetit, Kapitalbindung und der erwarteten Schadenhäufigkeit im jeweiligen Segment. Im gleichen Atemzug stellt das Unternehmen die eigene Strategie in den Vordergrund: Man wachse dort, wo Preise und Risiken im Einklang stehen, und verzichte auf Geschäft, das die Profitabilitätsanforderungen nicht erfüllt.
Für den Markt bedeutet das, dass die Preisentwicklung zwar leicht nach unten zeigt, aber nicht in eine reine „Entspannung ohne Bedingungen“ kippt. Hoch sei laut Hannover Rück die Nachfrage weiterhin in Bereichen wie Cyberdeckungen, strukturierte Rückversicherung sowie Naturkatastrophendeckungen. Gerade strukturierte Lösungen und Cyber-Sparten sind in der Schadenrückversicherung häufig stärker an Modellannahmen und an die Verteilung von Verlusten über die Zeit gekoppelt. Wenn Preise sinken, müssen Underwriting-Teams parallel prüfen, ob sich Annahmen zu Exponierung, Kumulrisiken und Abwicklungsdynamik verbessern oder zumindest nicht verschlechtern. So erklärt sich auch, warum das Unternehmen die Erneuerungsrunde an auskömmliche Preise knüpft: Preis und Modellgüte müssen zusammenpassen, sonst wird die Kapazitätslogik schnell wieder restriktiver.
Zusätzlichen Treiber liefert der Blick auf Naturkatastrophen. Swiss Re sieht das Risiko aus diesem Themenfeld als wichtigen Wachstumsmotor für die Nachfrage nach Rückversicherung. In einer Mitteilung wird dabei konkret vorgerechnet, dass sich die versicherten Schäden aus Naturkatastrophen pro Jahr um 5 bis 7 Prozent erhöhen. Diese Zahl wirkt in doppelter Hinsicht auf Vertragsverhandlungen: Erstens beeinflusst sie die Erwartungswerte in den Underwriting-Kalkulationen; zweitens erhöht sie den Druck auf die Zeichnungspraxis, weil mehr Kapital für Spikes in seltenen, aber sehr teuren Ereignissen vorgehalten werden muss. Wo Schäden überproportional steigen, verschiebt sich typischerweise auch die Grenzziehung zwischen „noch tragbar“ und „nicht mehr zu diesen Preisen“.
Der zweite Hebel ist die veränderte Risikolandschaft, die in der Rückversicherung häufig stärker als in der Primärversicherung über Korrelationen spürbar wird. Swiss Re verweist darauf, dass sich Risiken stärker miteinander vernetzen und damit der Bedarf nach Absicherung wächst. In der Praxis bedeutet das: Kumulrisiken lassen sich weniger eindeutig in einzelne Schadenszenarien trennen, etwa wenn Wetterextreme, Cyberangriffe und Lieferkettenstörungen gegenseitig verstärken. Für Rückversicherer führt das zu höherem Bedarf an Daten, granulareren Exponierungsprofilen und robusteren Simulationen, damit die Risikokurve in verschiedenen Stressszenarien nicht „zu flach“ modelliert wird.
Daneben rückt KI-Infrastruktur als wachstumsrelevantes Thema in den Fokus. Swiss Re sieht hier ein hohes Potenzial und verknüpft die Entwicklung mit dem Investitionsschub in Rechenzentren: Bis 2030 werden insgesamt über 6 Billionen US-Dollar für Rechenzentren erwartet. Aus dieser Investitionswelle leitet der Konzern ein weltweites Prämienpotenzial im Versicherungsmarkt bis Ende des Jahrzehnts von 91 Milliarden Dollar ab. Wenn etwa 40 Prozent der US-amerikanischen Rechenzentrumskapazitäten in Gebieten mit beträchtlichem bis sehr hohem Tornadorisiko liegen, steigt nicht nur der Versicherungsumfang, sondern auch die Bedeutung von Risikoanpassungen in der Rückversicherung: Versicherung gegen Sach- und Betriebsunterbrechung, aber auch Schutzkonzepte für komplexe IT-Ökosysteme müssen mit regionalen Gefahrenprofilen sauber zusammenspielen.
Für Unternehmensanwender und IT-Verantwortliche lässt sich daraus ein praktischer Schluss ziehen: Rückversicherungsannahmen wirken zunehmend auf Versicherungsbedingungen durch, die später im Vertrag für Endkunden sichtbar werden. Wenn Hannover Rück für den 1. Januar 2027 überwiegend stabile Konditionen erwartet, heißt das zwar nicht, dass sich Prämien oder Selbstbehalte für alle Sparten gleichmäßig ändern – aber es deutet auf eine Marktlogik hin, die nicht nur auf „Preisrallyes“ setzt, sondern auf Kapazitätsdisziplin. Gleichzeitig wird die technische Tiefe wichtiger: KI-Services hängen von Rechenzentrumsbetrieb und Resilienz ab, und genau in dieser Schnittstelle treffen Cyber-, Naturgefahren- und Infrastruktur-Risiken aufeinander. Wer strategisch plant, sollte daher sowohl den Underwriting-Fokus der Rückversicherer als auch die regionale Exponierung seiner digitalen Infrastruktur im Blick behalten.
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