MONTE CARLO / LONDON (IT BOLTWISE) – Swiss Re warnt, dass Waldbrände weltweit zum am stärksten wachsenden Wetterrisiko werden. In Europa seien die versicherten Schäden in den vergangenen Jahrzehnten laut Angaben des Unternehmens um etwa 8 bis 11 Prozent pro Jahr gestiegen. Der Rückversicherer koppelt diese Entwicklung an die wachsende Zahl von Menschen und Vermögenswerten in brandgefährdeten Regionen. Gleichzeitig sieht Swiss Re durch den Bau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz zusätzlichen Bedarf an Rückversicherung.

Swiss Re hat seine jährliche Branchenrunde in Monte Carlo genutzt, um das Risiko von Waldbränden neu zu kalibrieren. Das Unternehmen ordnet das Thema als weltweit am stärksten wachsendes Wetterrisiko ein. Der Kern der Aussage ist nicht nur die steigende Häufigkeit von Bränden, sondern die Kombination aus klimabedingter Intensität und veränderter Standortwahl: Immer mehr Wohnraum und Vermögenswerte liegen in Gebieten, die für Waldbrände anfällig sind. Damit verschiebt sich das Schadenprofil für die Versicherungswirtschaft von einem eher zyklischen Problem hin zu einem strukturellen Treiber.
Für Europa nennt Swiss Re konkrete Wachstumsraten: In den vergangenen Jahrzehnten seien versicherte Schäden durch Waldbrände um geschätzt 8 bis 11 Prozent pro Jahr gestiegen. Diese Zahl verdeutlicht, wie stark sich Mittel- und Langfristtrends auf die Preissetzung auswirken, weil Rückversicherer nicht nur Einzelschäden bewerten, sondern Erwartungswerte über viele Jahre. Untermauert wird die Dringlichkeit durch den Hinweis auf die Anfang 2025 verheerenden Brände in Kalifornien: Berechnungen des größten Rückversicherers Munich Re zufolge entstanden dort volkswirtschaftliche Schäden von etwa 54 Milliarden US-Dollar, davon trug die Versicherungsbranche rund 40 Milliarden US-Dollar. Für die Branche war das die teuerste Katastrophe dieser Art in der Geschichte.
Auch die aktuelle Lage in Europa spielt in den Risikoausblick hinein. Laut Bericht brachen zuletzt Feuer nahe Bordeaux, Marseille und Madrid aus; betroffen war zudem Sizilien. Entscheidend für den versicherten Impact sei dabei der geographische Zuschnitt gewesen: Da es dort vor allem in ländlichen Regionen brannte, hielten sich die versicherten Schäden in Grenzen. Gleichzeitig zeigt die Aufzählung, wie schnell sich Brandrisiken in verschiedene Teilmärkte verlagern können – und wie eng Rückversicherungsprogramme an regionale Deckungslücken gekoppelt bleiben. Für Erstversicherer und Makler ist damit die Frage zentral, wie die Erneuerung zum Jahreswechsel diesmal ausfällt, also welche Preis- und Vertragsparameter die steigende Schadenentwicklung einpreisen.
Im Hintergrund läuft diese Bewertung im klassischen Rückversicherungs-Takt: Wieder trifft sich die Branche in Monaco mit Erstversicherern wie Allianz und Generali sowie Maklern, um Preise und Konditionen für die Vertragserneuerung zu diskutieren. Auffällig ist dabei die Gleichzeitigkeit zweier Signale. Einerseits gab es vor wenigen Jahren immensen Prämienanstiege. Andererseits werde der Rückversicherungsschutz im Schaden- und Unfallgeschäft für Erstversicherer seit Anfang 2025 wieder billiger. Ratingagenturen sehen zudem, dass sich dieser Trend bis 2027 fortsetzen könnte – also ein Umfeld, in dem Kapazität und Nachfrage wieder stärker aufeinander abgestimmt werden.
Technisch und strategisch bekommt die Preis- und Risikodiskussion bei Swiss Re jedoch einen zusätzlichen Beschleuniger: den Bau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Der Rückversicherer erwartet eine stärkere Nachfrage nach Rückversicherungsschutz, weil große IT-Standorte neue Konzentrations- und Betriebsrisiken mitbringen – etwa durch Stromversorgung, Infrastrukturkomplexität und die Frage, wie schnell kritische Systeme nach einem Ereignis wieder hochfahren. Swiss Re rechnet damit, dass die kumulierten Investitionen in Rechenzentren bis 2030 mehr als 6 Billionen US-Dollar betragen. Aus diesen Projektionen leitet das Unternehmen ab, dass die Versicherungsprämien aus diesem Bereich bis Ende des Jahrzehnts auf 91 Milliarden US-Dollar steigen könnten.
Besonders relevant für die Rückversicherungsseite ist in diesem Zusammenhang die Modellierung von Naturgefahren an Standorten der IT-Infrastruktur. Swiss Re nennt konkret: Etwa 40 Prozent der US-amerikanischen Rechenzentrumskapazitäten sollen sich in Gebieten mit beträchtlichem bis sehr hohem Tornadorisiko befinden. Für die Underwriting-Praxis bedeutet das, dass Schadenszenarien stärker nach Standortclusterung bewertet werden müssen und dass Vertragsstrukturen – etwa Selbstbehalte, Sublimits und Exzedenten – noch genauer auf den Hazard-Mix abgestimmt werden. In der Marktwirkung spiegelt sich das auch in den kurzfristigen Kursbewegungen: Für die Anteilsscheine von Swiss Re ging es im Schweizer Handel zeitweise um 1,33 Prozent nach unten auf 140,95 Franken.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein zweigeteilter Handlungsdruck: Einerseits werden Waldbrand- und andere Wetterrisiken durch die Wachstumsraten und die Katastrophendichte real in den Preisstrukturen sichtbar. Andererseits entstehen neue, hochkonzentrierte Risiken rund um KI-Workloads und die physischen Anlagen, die sie tragen. Die nächsten Erneuerungsrunden werden deshalb vermutlich weniger als reine Nachbesserung nach Großschäden ablaufen, sondern als Anpassung an ein breiteres Risiko-Portfolio. Gleichzeitig bleibt die Marktlage nicht komplett düster: Wenn Rückversicherung seit Anfang 2025 wieder günstiger wird und sich der Trend bis 2027 fortsetzen soll, dann kann die Branche Spielräume nutzen – muss sie aber in Risikoprämien und Vertragsdesigns auch tatsächlich in Richtung neue Infrastrukturtechnologien übersetzen.
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