HAVERHILL / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei Brüder aus Haverhill haben das Startup „Really Real Co.“ gegründet und bauen ihre Proteinriegel aktuell noch handgemacht in Eigenproduktion. Ziel ist es, Zutaten zu verwenden, die sie als „kein Junk“ bezeichnen, und damit eine bewusstere Alternative zu gängigen Industrieprodukten zu schaffen. Als nächsten großen Schritt wollen sie die Fertigung aus dem Home-Setup in eine Fabrik verlagern, für die sie in Colorado mit einem Hersteller über ein geringeres Mindestbestellvolumen sprechen. Parallel arbeiten sie an Packaging und Logo sowie an der Haltbarkeit und Skalierbarkeit der Rezeptur durch einen engagierten Food Scientist.

Startup „Really Real Co.“: Proteinriegel ohne „Junk“ in Richtung Fabrikproduktion
Startup „Really Real Co.“: Proteinriegel ohne „Junk“ in Richtung Fabrikproduktion (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Ankündigung wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Startup-Story aus dem Lebensmittelbereich: zwei Brüder, ein neues Produkt, ein erklärtes Qualitätsversprechen. Doch im Kern geht es bei „Really Real Co.“ um etwas, das viele junge Konsumgüterhersteller erst später in den Griff bekommen – die technische Kette von Rezeptur bis Fabriklinie. Jake und Brent Nicolosi, lebenslange Athleten und ehemalige College-Wrestler, wollen Proteinriegel bauen, die sie bewusst ohne „junk“-artige Billigzutaten verstanden wissen. Sie formulieren ihre Leitidee dabei relativ direkt: Verbraucher sollen nicht einfach nur „Protein“ bekommen, sondern ein Produkt, das nach ihrer Definition gesünder und sauberer zusammengesetzt ist.

Damit das nicht nur ein Marketing-Slogan bleibt, ist der aktuelle Herstellungsmodus entscheidend. Laut Angaben fertigen die Brüder jede einzelne Riegelcharge noch per Hand und versuchen damit, genug Verkäufe zu generieren, um sich ein Produktionsumfeld leisten zu können. Diese Phase ist für die Produktentwicklung technisch oft die am stärksten „handwerklich geprägte“ – Rezepturen werden ausprobiert, Texturen und Konsistenz müssen bei realen Produktionszyklen stimmen, und gleichzeitig entstehen Daten darüber, wie sich ein Produkt bei Lagerung verhält. Genau hier setzt der zweite Hebel an: Really Real hat dafür nach eigenen Angaben vor rund zwei Monaten einen Food Scientist eingestellt, der die Qualität verbessern, die Rezeptur haltbar machen und das Ganze „für die Fertigung skalieren“ soll.

Der Schritt von „handgemacht“ zu „industriell wiederholbar“ ist in der Praxis deutlich mehr als die Übergabe an eine fremde Küche. Bei Proteinriegeln geht es typischerweise um Parameter wie Feuchtebindung, Fett-/Zucker-Interaktion, Stabilität von Aromen, mechanische Stabilität nach dem Verpacken und vor allem um Shelf-Life unter realistischen Bedingungen. Wenn ein Food Scientist die Rezeptur „manufacturing-ready“ macht, bedeutet das in der Regel, dass Mischreihenfolgen, Taktzeiten, Temperaturfenster und Prozessschritte so abgestimmt werden, dass sie auf einer Produktionsanlage reproduzierbar Ergebnisse liefern. Genau deshalb ist die Diskussion um den Produktionsstandort und das Mindestbestellvolumen (MOQ) so relevant: Wer kleinere Mengen wirtschaftlich starten kann, reduziert das Risiko teurer Fehlstarts in der Fabrikphase.

Für die nächste Ausbaustufe nennen die Brüder Colorado als potenziellen Produktionsstandort. Entscheidend ist dabei nicht nur die Nähe, sondern dass der angesprochene Hersteller offenbar niedrigere MOQ-Schwellen erlaubt. Wirtschaftlich betrachtet verschiebt das die Hürde: Statt große Mindestchargen abnehmen zu müssen, kann Really Real am Anfang eher mit kleineren Losgrößen testen, wie die skalierten Riegel im Markt ankommen – und wie stabil sie über Zeit bleiben. Nach dieser Logik planen sie, die Produktionsaufnahme offenbar zwischen Dezember und Januar zu starten. Dass der Zeitplan an die Verfügbarkeit eines Herstellers und an die technische Fertigstellung der Rezeptur gekoppelt ist, ist für viele Food-Startups der Engpass, weil „gut“ im Testkessel nicht automatisch „gut“ auf der Anlage bedeutet.

Auch das Branding ist nicht als Nebenkriegsschauplatz gedacht. Really Real hat nach eigenen Angaben eine Branding-Agentur engagiert, die Verpackungsdesign und ein neues Logo ausarbeitet. Aus Sicht der Markteinführung ist das sinnvoll, denn Proteinriegel stehen in der Regel im direkten Wettbewerb mit etablierten Marken, bei denen das Packaging bereits auf Wiedererkennbarkeit, Regalwirkung und klare Produktargumente optimiert ist. Wenn die Brüder gleichzeitig an der Haltbarkeit und Produktionsfähigkeit arbeiten, müssen sie die Markenkommunikation so ausrichten, dass sie die Qualitätsidee nicht überzieht: Das Produkt soll in der Praxis halten, was die Verpackung verspricht. Gerade bei „sauberen“ Zutatenversprechen steigt die Bedeutung von Konsistenz, weil Abweichungen in Textur oder Geschmack ansonsten schnell als Qualitätsbruch wahrgenommen werden.

Für den Markt bedeutet das: Really Real versucht offenbar, sich nicht über reine Nährwerte zu definieren, sondern über eine glaubwürdigere Zutatenphilosophie und die Fähigkeit, sie skalierbar zu machen. Viele Wettbewerber werben mit ähnlichen Claims, scheitern aber im Alltag häufig daran, dass die Herstellung auf hohem Volumen nicht dieselbe Qualitätsdichte liefert. Hier liegt der strategische Unterschied der Nicolosi-Brüder: Sie planen den Übergang in die Fabrikproduktion ausdrücklich als nächsten Schritt und koppeln ihn an den Prozess, den ein Food Scientist aufsetzt. Wenn das gelingt, könnte das Modell auch andere Startups inspirieren, die aktuell im Home-Production-Setup hängenbleiben: Statt nur die Nachfrage zu pushen, wird die technische Grundlage so früh wie möglich für Skalierung vorbereitet – inklusive Shelf-Life-Readiness.

Interessant ist zudem, wie stark die persönliche Motivation in den Produktplan einfließt. Brent Nicolosi spricht davon, die nächste Generation studentischer Athleten zu inspirieren, die eigene Leidenschaft „wirklich zu verfolgen“. Für Leserinnen und Leser aus der Tech- und Startup-Welt ist das zwar kein direkter Technologiebeitrag im engeren Sinne, aber es zeigt eine klare Produktidentität. In der Praxis kann eine solche Identität besonders dann funktionieren, wenn sie sich in nachvollziehbare Produktentscheidungen übersetzt – etwa in einer konsequenten Zutatenstrategie und in der Bereitschaft, die harte Skalierungsarbeit nicht zu umgehen. Wenn Really Real im Winter in die Produktion geht und die ersten skalierten Chargen im Handel ankommen, wird sich zeigen, ob das Versprechen „kein Junk“ auch unter industriellen Rahmenbedingungen stabil bleibt.


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