BERLIN/FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Verdi startet die Tarifverhandlungen für das private Bankengewerbe mit der Forderung nach 6 Prozent mehr Vergütung. Die Gewerkschaft will, dass die monatlichen Bezüge der Nachwuchskräfte um 300 Euro steigen. Verdi knüpft das auch an den Hinweis auf Kaufkraftverluste durch die wieder steigende Inflation. Zusätzlich sollen verbindliche Regeln für den Einsatz von KI in der Personalplanung und Qualifizierung sowie mehr Umwandlungstage in den Tarifvertrag.

In der Tarifrunde für das private Bankengewerbe setzt Verdi früh einen klaren Anker: Mit 6 Prozent mehr Geld fordert die Gewerkschaft eine spürbare Aufwertung der Einkommen. Hintergrund ist laut Verdi der Kaufkraftverlust, den Beschäftigte durch die wieder steigende Inflation erleiden. Besonders betont die Gewerkschaft dabei die Nachwuchskräfte: Deren Vergütung soll monatlich um 300 Euro steigen. Damit geht Verdi nicht nur in Richtung einer prozentualen Tabellenwirkung, sondern adressiert zugleich den Einstieg in den Beruf – ein Punkt, der in vielen Bankorganisationen auch für die Arbeitgeberattraktivität und die Fluktuationskosten relevant wird.
Die Dimension ist dabei nicht abstrakt: Rund 150.000 Beschäftigte zählt das private Bankengewerbe in der Darstellung der Gewerkschaft. Verdi argumentiert, diese Gruppe müsse angemessen am Erfolg der Unternehmen beteiligt werden. Diese Logik ist für Tarifparteien typisch, gewinnt in den Banken aber eine zusätzliche technische und organisatorische Komponente: Die Arbeitsinhalte verlagern sich seit Jahren in Richtung Digitalisierung, Automatisierung und stärkerer prozessualer Steuerung. Genau in diesem Umfeld wirkt eine Forderung nach höheren Entgelten auch als Signal, dass die geforderte Transformation nicht ausschließlich über zusätzliche Aufgaben und veränderte Rollen ausfinanziert werden darf.
Mit Blick auf die genaue Ausgestaltung der Verhandlungen nennt Verdi zwei weitere Themenfelder, die über die klassische Lohnfrage hinausreichen. Erstens fordert die Gewerkschaft eine Regelung zum Umgang mit kurzen Erkrankungen: Erkrankungen von bis zu drei Kalendertagen sollen grundsätzlich ohne Attest möglich sein, wie es bislang nach Darstellung von Verdi gehandhabt wurde. Zweitens will Verdi die Flexibilität bei der Vergütung erhöhen, indem Beschäftigte Bestandteile ihrer Gehälter in bis zu 20 zusätzliche freie Tage pro Jahr umwandeln können. Für Unternehmen bedeutet das weniger planbare Personalkapazitäten, aber auch eine potenziell bessere Mitarbeiterbindung, weil sich Urlaubs- und Freizeitplanung an individuelle Lebensphasen anpassen lässt. Gerade in kundenintensiven Bereichen können solche Regelungen den innerbetrieblichen Ressourcenabgleich erleichtern, wenn sie sauber in Schicht- oder Teampläne übersetzt werden.
Spannend an der aktuellen Position ist zudem der dritte Block: Verdi will den Einsatz von Künstlicher Intelligenz regeln. Dabei geht es nicht primär um eine pauschale Ablehnung, sondern um verbindliche Vereinbarungen, insbesondere zur Personalplanung und Qualifizierung. In der Praxis betrifft das vor allem die Frage, wie Unternehmen KI-Systeme in Arbeitsprozesse integrieren, ohne Qualifikationslücken entstehen zu lassen. Wenn KI etwa zur Unterstützung in der Sachbearbeitung, bei der Dokumentenprüfung oder in analytischen Workflows genutzt wird, verändert sich häufig der Skill-Mix: Routinetätigkeiten können anteilig automatisiert werden, während neue Anforderungen an Verständnis, Kontrolle und Datenkompetenz entstehen. Verdi adressiert genau diese Schnittstelle, indem Qualifizierungszusagen und Personalplanung vertraglich abgesichert werden sollen.
Technisch betrachtet hängt die Wirksamkeit solcher KI-Regeln stark davon ab, wie sie operationalisiert werden. Personalplanung ist dabei nicht nur eine Liste von Stellen, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der auf erwarteten Aufwänden, Trainingszyklen und möglichen Rollenwechseln basiert. Wenn Qualifizierung verbindlich werden soll, müssen Unternehmen diese Maßnahmen in Aufwand, Zeitraum und Zielkompetenzen übersetzen. Für KI-Modelle bedeutet das wiederum: Selbst wenn die Modelle „nur“ unterstützend eingesetzt werden, entscheidet die Ausgestaltung des Workflows – etwa welche Eingaben erlaubt sind, wie Ergebnisse geprüft werden und welche Dokumentation erforderlich ist – darüber, ob Mitarbeitende tatsächlich entlastet werden oder ob neue Kontroll- und Compliance-Aufgaben entstehen. Genau hier kann ein Tarifvertrag als Rahmen wirken, indem er Mindeststandards für Transparenz, Schulung und Verantwortlichkeiten festlegt.
Die zeitliche Einordnung bringt zusätzliche Spannung in die Tariflogik: Die Verhandlungen sollen an diesem Donnerstag, dem 8. Oktober, in Berlin beginnen. Für beide Seiten ist das ein Startsignal, das die weitere Dynamik bestimmt – denn kurze Zeitfenster erhöhen die Bedeutung von vorab abgestimmten Positionen. Verdi setzt mit der kombinierten Forderung aus 6 Prozent mehr Vergütung, 300 Euro für Nachwuchskräfte sowie Regelungen zu KI, Umwandlungstagen und Attestfreiheit innerhalb einer einzigen Verhandlungsagenda ein breites Paket. Arbeitgeber können darauf strategisch reagieren, indem sie etwa die finanziellen Effekte staffeln oder Pilotphasen für KI-Anwendungen vorschlagen. Ob und wie solche Angebote akzeptiert werden, entscheidet sich häufig daran, ob die technischen und organisatorischen Anforderungen der Gewerkschaft in messbare Zusagen übersetzt werden.
Für den Markt und die Branche ist das mehr als eine interne Arbeitsrechtsfrage. Private Banken stehen im Wettbewerb um Talente und stehen gleichzeitig unter Druck, Prozesse effizienter zu gestalten. Wenn die Tarifparteien KI in den Vertragstext heben, entsteht damit ein Präzedenzrahmen: Andere Arbeitgeber könnten sich an ähnlichen Prinzipien orientieren, um Reibungsverluste zu vermeiden. Umgekehrt müssen Beschäftigte damit rechnen, dass KI-gestützte Arbeitsmittel künftig stärker als Bestandteil der Arbeitsorganisation behandelt werden. Aus Unternehmenssicht heißt das: KI-Einführung wird bei Banken zunehmend auch ein Personal- und Qualifizierungsthema, nicht nur eine IT- oder Prozessentscheidung. Die nächsten Verhandlungsschritte werden zeigen, ob Verdi die KI-Regeln eng genug fasst, um im Alltag wirksam zu sein, und ob die Gegenseite ausreichende Budget- und Umsetzungswege bereitstellt.
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