LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Dokumentation über dm und Rossmann zeigt, wie stark sich Preise offenbar nach Filialstandort unterscheiden können. Gleichzeitig beschreibt sie Ladendesigns, die den Kundenfluss bremsen und die Laufwege verlängern. Am Beispiel identischer Artikel werden deutliche Unterschiede in den gezahlten Summen sichtbar. Besonders auffällig ist, wie Eigenmarken mit großen Preisvorteilen präsentiert werden, während Qualitätsaussagen aus Tests auf konkrete Produkte bezogen werden.

Drogeriemärkte unter Druck: Standortpreise, Eigenmarken und Ladenpsychologie bei dm und Rossmann
Drogeriemärkte unter Druck: Standortpreise, Eigenmarken und Ladenpsychologie bei dm und Rossmann (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in der Drogerie einkauft, rechnet meist mit einheitlichen Preisen: Rabatte ja, aber „dasselbe Produkt“ sollte doch überall ähnlich kosten. Genau an dieser Erwartung setzt die Untersuchung an, denn sie verweist auf ein System standortabhängiger Preisgestaltung. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass identische Produkte in verschiedenen Filialen derselben Kette unterschiedlich bepreist sein können. In der Recherche wird das anhand zweier Hamburger Filialen von Rossmann konkret gemacht: Für jeweils zehn Produkte zahlten die Reporter im Umfeld des Jungfernstiegs 21,12 Euro und an einem Standort am Stadtrand 21,84 Euro. Den Unterschied führt die Darstellung auf die lokale Wettbewerbslage zurück, die in der Nähe offenbar stärker ist als am Stadtrand. Auch dm soll die Logik so einordnen, dass die Konkurrenzsituation vor Ort die Preisgestaltung beeinflusst.

Technisch betrachtet ist das weniger „Magie“ als ein Zusammenspiel aus Preisregeln, Verfügbarkeitslogik und lokaler Wettbewerbsbeobachtung. Wenn ein Marktteilnehmer mehrere Filialen betreibt, kann er seine Preispunkte an regionale Kaufkraft, Frequenz und das Profil der umliegenden Wettbewerber anpassen. Gerade im Filialgeschäft wirken dabei schon kleine Cent-Beträge über sehr große Volumina stark: Die Dokumentation rechnet vor, dass sich bei Tageskundenzahlen von jeweils über zwei Millionen pro Kette selbst wenige Cent je Produkt auf hohe Beträge aufsummieren. Für Verbraucher ergibt sich daraus ein praktisches Problem, das im Alltag selten sichtbar wird: Man kann selbst bei gleicher Marke und identischer Produktbeschreibung nicht sicher sein, dass der Kassenzettel überall ähnlich ausfällt. Das verschiebt den Aufwand in Richtung „Vergleich in Echtzeit“, zum Beispiel über digitale Preisanzeigen oder den Blick auf Preisschilder im Markt.

Parallel zur Preislogik geht die Untersuchung auf die physische Gestaltung des Ladenlayouts ein. Im Fokus stehen sogenannte Bremszonen direkt am Eingang: Bei Rossmann soll die „Ideenwelt“ mit Aktionsware und Elektro-Gadgets den Kundenfluss zunächst abstoppen und damit die Einkaufsroutine verändern. Bei dm werden diese Funktionen laut Darstellung durch Schminkregale übernommen. Damit ist der Effekt nicht nur „mehr Ware sichtbar“, sondern die Lenkung des Verhaltens über mehrere Minuten hinweg. Emotionsforscher Markus Küppers wird im Zusammenhang mit einem Test genannt, bei dem eine Kundin in diesem Bereich die intensivsten positiven Gefühle gezeigt und den Markt rund vier Minuten lang verweilt haben soll. Solche Befunde zielen weniger auf „Überraschung“ als auf wiederholbare Mechaniken: Wer länger im Eingangsbereich bleibt, nimmt nachfolgend mehr Abzweigungen wahr und wird eher in Themenwelten „hineingezogen“.

Der nächste Schritt folgt dann über den Weg durch den Markt. Alltagsprodukte wie Toilettenpapier oder Putzmittel sollen bewusst weiter hinten platziert sein, wodurch Käufer gezwungen werden, den gesamten Markt zu durchqueren. Ergänzend werden Thementürme und Produktinseln mitten im Gang beschrieben, die den Weg zusätzlich bremsen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das ein klassisches Prinzip: Man verändert nicht nur die Kaufentscheidung am Regal, sondern auch den Entscheidungsprozess selbst, indem man die Kontaktpunkte erhöht. Marketingexperte Professor Sascha Raithel fasst diese Idee im Wortlaut der Doku so zusammen: „Die versuchen, die Märkte so zu gestalten, dass wir tatsächlich auch einfach mehr kaufen als wir brauchen.“ Genau in dieser Spannung liegt der Kern: Die Platzierung und das Tempo im Laden sind darauf ausgelegt, die „geplante“ Einkaufsliste in Richtung eines erweiterten Bedarfs zu verschieben. Für Unternehmen ist das eine Art kontrollierte Reibung im Raum – und zugleich ein Hebel, der in einem stationären Setup ohne App-Benachrichtigungen funktioniert.

Während Ladenpsychologie und Standortpreise den Ablauf beeinflussen, liefert die Untersuchung an einer anderen Stelle den wahrscheinlich überraschendsten Akzent: die Eigenmarken. Ein Warenkorb mit acht Markenprodukten soll 34,85 Euro gekostet haben, während die identischen Artikel als Eigenmarke bei dm nur 11,50 Euro und bei Rossmann 11,55 Euro kosten sollen. Die Darstellung spricht hier von einer Ersparnis von rund zwei Dritteln. Für viele Kundinnen und Kunden ist das ein starkes Argument, weil es nicht nur „ein bisschen günstiger“ wirkt, sondern strukturell andere Preiswelten zeigt. Die entscheidende Frage lautet dann: Ist „günstiger“ automatisch „schlechter“? Genau diese Annahme wird in der Doku relativiert, zumindest in Teilen der getesteten Produktkategorien.

So wird etwa bei Glasreinigern von Denkmit und Domol behauptet, dass sie laut einem Fensterreinigungsprofi ein exakt vergleichbares Ergebnis geliefert hätten wie das viermal teurere Markenprodukt von Ajax. Auch bei Vitalcremes kommt es zu einer klaren Gegenüberstellung: Wirkstoffexperte Leon von xskincare soll die Rossmann-Eigenmarke Isana als „die hochwertigste Form von allen dreien“ bewertet haben – trotz des Preisabstands. In der Darstellung wird die Isana-Creme mit 2,49 Euro aufgeführt, während eine Nivea-Creme fast 13 Euro kosten soll. Für Entscheider in Unternehmen, die Sortiment und Positionierung steuern, ist das ein Hinweis darauf, wie stark Eigenmarken in einer breiten Warenkategorie nicht nur über Preis, sondern auch über Wahrnehmung von Qualität konkurrieren. Gleichzeitig bleibt die Bewertung natürlich von Testdesign und konkreten Produktchargen abhängig; dennoch zeigt die Auswahl in der Untersuchung, dass Preisvorteile in der Praxis nicht zwingend mit Qualitätsverlusten im Alltag gleichgesetzt werden.

Aus Markt- und Branchenperspektive ist das Zusammenspiel aus Standortpreisen, Ladenarchitektur und Eigenmarken-Strategie bemerkenswert, weil es mehrere Ebenen der Kaufentscheidung gleichzeitig adressiert. Wer die Konkurrenz in der Umgebung einpreist, kann Margen steuern, während das Layout die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kunden das „Geplante“ überschreiten. Dazu kommt die kommunikative Ebene über Eigenmarken: Sie liefern eine klare, leicht nachvollziehbare Ersparnis, die sich an der Kasse sofort bestätigt. Für Verbraucher verschiebt sich damit der Nutzen von Transparenz in Richtung Vergleich – und für Unternehmen ergibt sich der strategische Druck, den eigenen Ansatz bei Preiswahrnehmung und Warenpräsentation sauber zu begründen. Die Dokumentation endet mit dem Hinweis, dass die vollständige Ausstrahlung im TV-Programm des Ersten erfolgt beziehungsweise in einer Mediathek abrufbar sein soll, wodurch das Thema eine breite Öffentlichkeit erreichen dürfte. Unabhängig davon, ob man die Mechaniken als „praktische Einkaufsführung“ oder als gezielte Kaufsteuerung interpretiert: Für den Handel ist klar, dass stationäre Regie in Zukunft noch stärker an Daten, Tests und psychologischen Wirkprinzipien ausgerichtet wird – und dass Verbraucher künftig weniger von Zufall ausgehen werden, wenn sie ihren Kassenzettel prüfen.


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