FULDA / LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Pitchtraining in Fulda feilen Halbfinalisten am Auftritt vor der Jury. Die Gründer von „Zisch IT“ setzen dabei auf Automatisierung in der Einsatzplanung und rechnen pro Standort mit rund 300 Stunden weniger Arbeitszeit pro Jahr. Auffällig ist die technische Grundsatzentscheidung: Der zentrale Planungsalgorithmus arbeitet bewusst ohne Künstliche Intelligenz. Parallel zeigt das Impro Theater Fulda, wie „Gesellschaftliche Wirkung“ auch mit messbarem Wachstum in Zahlen übersetzt wird.

Im Vorfeld des Hessischen Gründerpreises hat sich in Fulda eine Vorbereitungskultur etabliert, die weit über Lampenfieber hinausgeht. Beim Pitchtraining standen nicht nur Stichworte auf dem Programm, sondern konkrete Szenarien für den Jury-Auftritt. Statt „wir erklären dann mal“ ging es um Ausdruck, Aussprache und Pitch-Gestaltung – gemeinsam mit Experten und ehemaligen Preisträgern, also mit Leuten, die den Prozess aus eigener Erfahrung kennen. Für die lokale Startup-Szene ist das inzwischen ein fester Bestandteil der Vorbereitung, und in diesem Jahr kam eine zusätzliche Motivation hinzu: In Fulda soll der Titel nicht nur gewonnen, sondern auch verteidigt werden.
Dass Vorbereitung wirkt, zeigt sich im Rückblick auf das Vorjahr: Lea Baumbach konnte den Hessischen Gründerpreis in einer der vier Kategorien nach Fulda holen. Genau dieser Effekt wird beim Training in konkrete Mechaniken übersetzt – denn ein Pitch ist letztlich eine Übersetzungsleistung. Er muss erklären, warum ein Problem existiert, wie das eigene Produkt dieses Problem technisch und operativ löst und weshalb das Team die Umsetzung zuverlässig schafft. In Fulda wird dieses Dreieck offenbar besonders ernst genommen, weil das Training erneut von Gebhardt und Moritz unterstützt wird und die regionale Wirtschaftsförderung die jungen Unternehmen begleitend einbindet.
Technisch greift „Zisch IT“ ein Thema auf, das in vielen Firmen alltagsnah ist und doch oft chaotisch umgesetzt wird: die Einsatzplanung. Die Gründer Lennard Zink, Moritz Westermeyer und Benjamin Schwing räumen dabei zunächst mit dem naheliegenden Missverständnis auf, das ihr Produkt in eine Schublade für „ein weiteres HR-Tool“ pressen würde. Der Kern ist Automatisierung: „Wir haben einen intelligenten Algorithmus geschrieben, der die komplette Einsatzplanung für Unternehmen übernimmt“, so fassen die Gründer die Idee zusammen. Aus ihrer Sicht entsteht die Einsatzplanung „jede Woche in unter 20 Sekunden, vollautomatisch“. Dazu gehören auch automatisierte Reaktionen auf Krankmeldungen, indem das System selbstständig verfügbare Personen identifiziert. Ergänzende Bausteine wie Zeiterfassung, Urlaubs- und Krankheitsplanung sowie eine Priorisierungsfunktion sorgen dafür, dass aus Einzelteilen ein zusammenhängendes Arbeitswerkzeug wird.
Besonders diskussionswürdig ist dabei die bewusste Abgrenzung von Künstlicher Intelligenz im Kern der Planung. Während in vielen Debatten KI als Allheilmittel für Optimierungsaufgaben auftaucht, beschreibt das Team eine andere Leitlinie: Beim Planungsalgorithmus setzt es absichtlich nicht auf KI, weil hier mit konkreten Mitarbeitergrenzen und Zahlen gearbeitet wird und Fehler schlicht nicht akzeptabel wären. Stattdessen kommt ein fester Optimierungsalgorithmus zum Einsatz, der nach eigener Aussage stets die beste Lösung liefert. Diese Entscheidung verändert auch die Gesprächslogik im Pitch: Nicht „wir probieren ein Modell aus“, sondern „wir garantieren Korrektheit innerhalb klar definierter Randbedingungen“. Genau daran knüpft die Nutzenargumentation an, die die Gründer quantifizieren: Pro Standort ließen sich bei Kunden rund 300 Stunden Arbeitszeit pro Jahr einsparen.
Von der Idee bis zur Marktreife verlief der Weg bei „Zisch IT“ ebenfalls nicht geradlinig. Die Ursprungsgeschichte begann zur Abizeit: Einer der Gründer arbeitete bei einem Lebensmittelhändler und erlebte, wie die Einsatzplanung von Schülern über Papierzettel, den Kalender des Chefs und Excel-Listen organisiert wurde. Daraus entstand die Grundidee, die Entwicklungsphase folgte dann für rund zwei Jahre, parallel wurden erste Pilotkunden gewonnen. Erst danach wurde das Projekt „ernst“, wie es im Bericht sinngemäß heißt: Verstärkung kam hinzu, das Team gründete zunächst zu viert und wandelte Pilotkunden schrittweise in echte Kunden um. Als Christian Zink dazu stieß, brachte das Team zusätzlich Management-Erfahrung ein; zugleich wird die typische Startup-Falle adressiert, Produkt ohne Markt oder Markt ohne passendes Produkt. Aktuell steckt das Team zwischen 40 und 60 Wochenstunden in die Umsetzung, parallel zu Studium oder dualem Studium; ab Anfang des kommenden Jahres soll es dann für alle in Vollzeit weitergehen.
Ganz anders positioniert sich im Gründerpitch das Impro Theater Fulda, das in der Kategorie „Gesellschaftliche Wirkung“ antritt. Das Projekt setzt nicht auf technische Optimierung, sondern auf Trainings in Kommunikation und Zusammenarbeit – und macht dabei einen Anspruch sichtbar, der im Theaterkontext verankert ist. Shaggy Schwarz bringt den Kern der Präsentation auf den Punkt: „Wenn das Leben keinen Text liefert. Improvisationstheater bedeute, sich einlassen zu dürfen – auch auf Fehler.“ Entscheidend ist außerdem die Perspektivverschiebung vom Individuum zum Gegenüber: „Impro beginnt nicht beim Einzelnen. Ich brauche mein Gegenüber, ich muss zuhören, annehmen und gemeinsam entstehen lassen. Und genau da beginnt für mich gesellschaftliche Wirkung.“ Genau diese Klammer – Haltung plus Interaktion – macht den Pitch inhaltlich greifbar.
Auch das Marktverständnis folgt bei Impro Theater Fulda einer klaren Logik: Die Zielgruppe ist breit, von Kindern ab sechs Jahren über Grundschulen bis hin zu Erwachsenen in Unternehmen und Teams. Der Ansatz lautet, dass Impro „immer beim Menschen“ beginnt – unabhängig davon, ob es um Resilienz im Alltag oder um Teamfähigkeit im Job geht. Gegründet wurde das Angebot am 1. April 2023, und die Entwicklung wirkt in den Zahlen konkret: Inzwischen nehmen mehr als 200 Menschen pro Woche teil. Als Wirkung werden Selbstvertrauen, Resilienz, Empathie, Kommunikation, Teamfähigkeit und Zugehörigkeit genannt. Wirtschaftlich geht es ebenfalls nach oben: von 80.000 Euro Jahresumsatz im Jahr 2024 auf 110.000 Euro im Folgejahr; für das laufende Jahr werden 160.000 Euro angesetzt. 22 Schulen, Unternehmen und Kooperationspartner arbeiten bereits mit dem Impro Theater zusammen, Kurse gibt es außerdem unter anderem auch in Frankfurt und Lauterbach.
Damit treffen im Halbfinalfeld zwei sehr unterschiedliche Pitchwelten aufeinander: „Zisch IT“ übersetzt Optimierung in Automatisierung, vermeidet aber bewusst KI als potenzielle Fehlerquelle im Kern; das Impro Theater Fulda arbeitet mit sozialer Dynamik, die man weniger in Algorithmen, dafür aber in Skalierung von Programmen und messbarer Akzeptanz beschreibt. Für die Juryarbeit dürfte das besonders spannend sein, weil beide Projekte ihre Wirkung auf unterschiedlichen Ebenen belegen: einmal über Zeitersparnis pro Standort, einmal über Umsatzentwicklung und Teilnehmerzahlen. Im Abschluss der Präsentation kondensiert Marvin Hucke das Programm in einem Satz, der die Philosophie zusammenfasst: „Das Leben liefert Menschen kein Drehbuch – aber wir können daran arbeiten, gemeinsam eines zu entwickeln.“ Für Unternehmen und Gründungsförderer ist das die praktische Botschaft hinter dem Training: Der Pitch gewinnt dann, wenn technische Klarheit oder gesellschaftlicher Nutzen in eine nachvollziehbare Umsetzungsstory übersetzt werden.
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