MELBOURNE / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende von RMIT haben in einer virtuellen ISS-Attrappe getestet, wie sich Gerüche im Raumkontext anfühlen. In der Simulation wurde Vanille für 54 Probanden deutlich intensiver wahrgenommen, auch Mandel wurde stärker erlebt – Zitrone blieb dagegen ohne klare Veränderung. Parallel zeigte eine zweite Studie mit 44 Personen, dass im VR-Szenario sowohl Valenz als auch Erregung messbar stiegen, während Stress niedrig blieb. Aus den Ergebnissen leiten die Autorinnen und Autoren vor allem die Idee ab, Menüs stärker nach individueller Riechempfindlichkeit auszurichten.

In der Raumfahrt klagen Astronauten häufig darüber, dass Essen in der Umlaufbahn an Aroma verliert. Die klassische Erklärung setzt auf Physiologie: In Mikrogravitation verschiebt sich Flüssigkeit in Richtung Kopf, Nasennebenhöhlen werden weniger durchblutet, und der Geruchssinn wirkt gedämpft. Doch die aktuelle Arbeit von RMIT versucht, diesen Mechanismus zu entkoppeln – zumindest teilweise –, indem sie den „Raum“-Teil als Simulation aufbaut. In Melbourne saßen dafür 54 Freiwillige mit VR-Brillen in einem Labor und drifteten sensorisch durch eine rekonstruierte Umgebung der Internationalen Raumstation (ISS), während sie gleichzeitig konkrete Duftproben bewerteten.
Technisch umgesetzt wurde die ISS-Umgebung in Unity: Studierende der RMIT School of Computing Technology ließen Objekte in der virtuellen Nähe schweben, um „Mikrogravitation“ anzudeuten, und platzierten Geräte auf Oberflächen, damit die Szene wie ein beengter Metall-Container wirkt. Die Teilnehmenden rochen dann an Alltagsduften, bewusst ohne laboranalytische Referenzstandards: Vanille wurde als Extrakt auf einem Wattebausch getestet, begleitet von Mandel-Extrakt. Für Zitrone nutzte das Team ätherisches Zitronenöl, aber in einer geringeren Dosis, damit Vanille, Mandel und Zitrone im neutralen Raum annähernd gleich stark ankamen. Die Darbietung erfolgte in randomisierter Reihenfolge mit definierten Abständen zwischen den Proben; außerdem spülten die Teilnehmenden den „Gaumen“ (im Sinne der Sensorik) durch das Riechen an der Rückseite der eigenen Hand zwischen den Messungen. Ergänzend gab es einen Fragebogen mit Ablenkungsgerüchen wie Rosmarin, Wasabi und Honig – diese Düfte wurden im eigentlichen Test nicht eingesetzt, um Vermutungen über die Zielkomponente zu reduzieren. Alle 54 Personen waren zwischen 18 und 39 Jahre alt und wurden vorab auf Bewegungsübelkeit oder Vertigo-ähnliche Symptome geprüft.
Die Ergebnisse kippen den erwarteten Effekt in eine Richtung, die auf den ersten Blick schwer mit einer reinen „Dämpfung durch Enge“ zusammenpasst. Vanille wurde im VR-Raum signifikant intensiver bewertet als im neutralen Vergleichsraum (P = 0,009). Mandel zeigte denselben Trend mit noch stärkerer statistischer Evidenz (P < 0,001). Zitrone dagegen blieb ohne klaren Unterschied zwischen VR-Umgebung und neutralem Raum. Um das chemisch zu plausibilisieren, ordneten die Autorinnen und Autoren den Unterschied einem bekannten Duftmarker zu: Vanille und Bittermandel teilen sich Benzaldehyd als charakteristische Verbindung. Benzaldehyd taucht auch im flüchtigen Profil von Vanilleextrakt auf. Für Zitronenöl gilt das so nicht; dort ist das dominante flüchtige Molekül Limonen. Das Team argumentiert deshalb, dass Benzaldehyd-betonte Süßnoten in der VR-Attrappe „hochgezogen“ werden, während Limonen eine andere sensorische Verarbeitung mitbringt – insbesondere über trigeminale Signalwege, die ein physisches „Scharf/Frisches“-Empfinden auslösen, das süße Düfte typischerweise nicht in derselben Form tragen. Wichtig: Die Arbeit bleibt bei der plausiblen Trennung auf Ebene flüchtiger Bestandteile; sie zeigt keinen kausalen Nervenweg als isolierte Mechanismus-Kette.
Neben der Chemie spielt offenbar auch der Mensch eine Rolle. Das Team clustert Teilnehmende nach ihrer generellen Empfindlichkeit gegenüber den Düften und findet eine Gruppe, die insgesamt weniger empfindlich ist. Genau diese Gruppe bewertete Mandel in der VR-Umgebung signifikant stärker als in der neutralen Situation (P = 0,011), während die kontextuelle Veränderung bei sehr empfindlichen Teilnehmenden geringer ausfiel. Mit anderen Worten: Nicht jeder „hört“ die Raumstimmung im Duft gleich. Die Umgebung verstärkte die Wahrnehmungsdifferenzen vor allem bei denjenigen, die auch sonst weniger fein reagieren. Für die Interpretation ist das zentral, weil es eine Pauschalstrategie bei Menüaromen unwahrscheinlich macht: Wenn VR zwar die Rahmenbedingungen liefert, aber unterschiedliche Personen unterschiedlich „verschiebt“, dann ist ein einheitliches Aroma-Design für eine Crew schon konzeptionell fragil.
Damit der Mechanismus nicht nur als Geruchs-Effekt gelesen wird, lief im November 2024 eine zweite Studie nach. Erstautorin war PhD Scholar Grace Loke; als Co-Leads traten Julia Low und Dr. Lisa Newman auf. 44 Teilnehmende, acht Duftstoffe und zwei Umgebungen kamen zum Einsatz – wieder mit derselben VR-Kapsel, aber diesmal mit einem zusätzlichen Vergleich: einer reclined posture, die den Körper im Zustand von Mikrogravitation nachahmen soll. Der Duftmix wurde breiter, um mehr als nur „Vanille vs. neutral“ abzudecken: Dazu gehörten unter anderem Vanille, Mandel, Zitrone, außerdem Lemon Myrtle, Eukalyptus, Pfefferminze, Essig und Lemongrass. Das Ergebnis war konsistent in der Richtung, aber nicht universell: Die VR-Umgebung lieferte stärkere Intensitätseinschätzungen als die reine Körperhaltung für alle Duftstoffe außer Lemongrass. Gleichzeitig untersuchte das Team Emotionen und fand messbare Unterschiede in der Stimmungslage: sowohl emotionale Valenz als auch Erregung stiegen innerhalb der VR-Kapsel signifikant (p < 0,001). Stresswerte blieben dagegen niedrig und ohne signifikanten Unterschied zwischen den Bedingungen. In der Feinkorrelation zeigt sich dann eine Einschränkung: Emotionalität und Stress beeinflussten die wahrgenommene Geruchsintensität nicht generell. Zwei schmale Zusammenhänge blieben übrig – Valenz korrelierte positiv sowohl mit Mandel als auch mit Essig, Stress korrelierte negativ mit Essig, aber ohne weiteren generellen Befund. Das macht deutlich, dass „Emotion“ hier nicht die einfache Stellschraube ist, als die man sie im ersten Reflex sehen möchte.
Aus dieser Mischung aus Duftchemie, individueller Empfindlichkeit und Kontextwirkung leiten die Arbeiten vor allem eine praktische Konsequenz ab: Menüs sollten stärker personalisiert werden, statt pauschal auf „die Crew“ optimiert zu sein. Das Hardware-Setup dafür ist weniger spektakulär als die Messidee. Freeze-dried Komponenten, Aroma-Kapseln und kontrolliert freisetzende Verpackungen existieren als Technologien bereits. Was fehlt, ist laut RMIT die Evidenz, in welche Richtung man den Aromagehalt verschieben sollte – und zwar für welche Art von Teilnehmenden. Interessant ist zudem, dass RMIT die Anwendung nicht primär auf Astronauten beschränkt. Als besonders passende Zielgruppe nennen sie Pflegeheimbewohner: Menschen, deren Geruchsfunktion mit der Zeit nachlässt, die in einer räumlich beengten Umgebung leben und bei denen der Appetit häufig sinkt. Solche Umfelder finden sich auch in anderen Settings wie Krankenhausstationen, in arktischen oder antarktischen Außenposten und in U-Booten. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren implizit die Grenzen: Beide Studien laufen im Labor, mit Probanden im Alter 18 bis 39, ohne die Trainings- und Selektionsrealität echter Raumflugerfahrung. Außerdem sind die Stimulus-Sets „nur“ drei beziehungsweise acht Duftstoffe, während eine echte Mahlzeit Dutzende flüchtiger Komponenten, Textur, Temperatur, Geräusche und soziale Faktoren zusammenbringt. Ein Wattebausch kann zeigen, wie intensiv etwas als Duft wahrgenommen wird, aber er kann nicht direkt beantworten, ob eine Besatzung dadurch wirklich die komplette Mahlzeit aufisst.
Gerade deshalb bleibt die Lücke zur Raumfahrt-Realität groß – und zugleich spannend. Die Ergebnisse passen nicht sauber in die reine Mikrogravitäts-/Fluidshift-Erzählung, weil in der Simulation süße Aromen sogar lauter wirken. Daraus folgt eine plausible Lesart: Der VR-Ansatz erfasst möglicherweise nur „die psychologische Hälfte“ des Problems, während die physiologischen Effekte, die Strahlung, die Schlafunterbrechungen und die monatelange Wiederholung gleicher Reizmuster im realen Flug fehlen. Ein Ground-Analogue wie diese Konstruktion kann dadurch gezielt Variablen isolieren – aber sie kann nicht erklären, was passiert, wenn psychologische und physiologische Einflüsse gleichzeitig wirken. Die Arbeit stellt also nicht den finalen Beweis bereit, sondern eine Richtung, die sich testen lässt. RMIT arbeitet laut eigener Projektliste weiter an multisensorischen Extended-Reality-Setups für das Wohlbefinden von Astronauten in isolierten Umgebungen und untersucht außerdem Appetit, Belohnung und Stimmung im Kontext von Spaceflight. Ob „Vanille“ oder „Mandel“ in echten Missionen tatsächlich in derselben Form gewinnt, lässt sich daraus noch nicht ableiten. Trotzdem ist der Kern-Impuls für Produkt- und Menüentwicklung greifbar: Wenn Kontext die Wahrnehmung abhängig von der individuellen Riechempfindlichkeit verschiebt, dann ist das „eine Aroma für alle“ vermutlich das falsche Ziel.
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