MAGDEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt will das BSW auch mit der AfD über eine Zusammenarbeit sprechen. Der neugewählte Fraktionschef Thomas Schulze lehnt dabei ausdrücklich eine „Brandmauer“ ab und setzt auf Gespräche „mit allen Parteien“. Als erstes Projekt nennt die Stellvertreterin Claudia Wittig vor allem die Frage nach den Energiepreisen. Damit rückt die Regierungsbildung zugleich in eine technisch anspruchsvolle Phase, weil energiepolitische Entscheidungen häufig schnelle Maßnahmen in Netzen, Netzzugang und Verbrauchsschutz auslösen.

BSW in Sachsen-Anhalt will mit allen Parteien sprechen – Fokus auch auf Energiepreise
BSW in Sachsen-Anhalt will mit allen Parteien sprechen – Fokus auch auf Energiepreise (Foto: IT BOLTWISE)
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Der politische Kurswechsel in Sachsen-Anhalt wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Verhandlungslage nach einer Landtagswahl. Doch hinter der Aussage, dass das BSW „mit allen Parteien“ sprechen werde, steckt mehr als nur Rhetorik: Gespräche über Mehrheiten beeinflussen unmittelbar, welche Themen in den ersten Wochen der neuen Legislatur priorisiert werden. Der neugewählte Fraktionschef Thomas Schulze stellte in Magdeburg klar, dass es für seine Fraktion keine „Brandmauer“ zur AfD geben soll. Damit verschiebt sich die Dynamik in der Regierungsbildung von einem reinen Machtpoker hin zu einer Abarbeitung von Sachfragen, die in Energiepolitik und Infrastrukturpolitik oft kurzfristige Entscheidungen benötigen.

Claudia Wittig, die Stellvertreterin Schulzes, beschreibt den Ansatz gleich anschließend pragmatisch: Man wolle nicht in klassische Koalitionsverhandlungen einsteigen, sondern über Projekte sprechen. Diese Trennung zwischen „Koalitionsform“ und „Projektlogik“ ist besonders relevant, weil sie die Tür für themenbezogene Mehrheiten öffnet. Wenn Wittig etwa die Energiepreise als eines der ersten Projekte nennt, deutet das darauf hin, dass das BSW schnell Einfluss auf konkrete Maßnahmen nehmen will, bevor sich die Lager vollständig verfestigen. In der Praxis bedeutet das: Während die Personal- und Koalitionsfragen oft Zeit brauchen, können energiepolitische Initiativen als Paket aus Verordnungen, Förderprogrammen und kommunalen Umsetzungswegen angelegt werden – vorausgesetzt, es gelingt, Mehrheiten für die einzelnen Bausteine zu organisieren.

Technisch betrachtet berührt die Energiepreisfrage mehrere Ebenen, die nicht nur im Landtag verhandelt werden. Energiepreise hängen typischerweise an einer Mischung aus Beschaffungskosten, Netzentgelten, Abgaben und regionalen Umsetzungsentscheidungen. Sobald eine Regierung entscheidet, dass kurzfristig Entlastung oder Stabilisierung nötig ist, treten in den Hintergrundsystemen häufig konkrete Schnittstellen in den Vordergrund: Wie werden Haushalte oder Unternehmen identifiziert, wie werden Hilfen administriert, wie werden Daten über Verbrauch und Bedarfe in bestehende Register- und Antragsprozesse eingespeist, und wie schnell lassen sich technische Workflows in Behörden und Kommunen anpassen? Genau hier zeigt sich der Wert von Projektgesprächen: Wenn politische Einigungen in einzelnen Sachfeldern schneller zustande kommen, können digitale Prozesse für Anträge, Fördermittelvergabe oder Kommunikationskampagnen zeitlich entkoppelt geplant werden, statt auf eine vollständige Koalitionsstruktur zu warten.

Die Ausgangslage bleibt allerdings politisch kompliziert. Das BSW ist zum ersten Mal in Sachsen-Anhalt in den Landtag eingezogen, wodurch die AfD keine absolute Mehrheit erreicht hat. Gleichzeitig ist die Regierungsbildung potenziell schwierig, weil die AfD vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird und nach den Angaben im Bericht nur dann an die Macht gelangen könnte, wenn sie Unterstützung aus anderen Fraktionen findet. Der Text nennt dabei einen konkreten Mechanismus: Sollte es drei Abgeordnete aus anderen Fraktionen geben, die für den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund stimmen, könnte er bereits im ersten Wahlgang zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Damit wird sichtbar, wie eng die Schwelle für politische Durchbrüche ist – und warum selbst „Projektgespräche“ die Frage nach Mehrheitsfähigkeit in jeder einzelnen Abstimmung berühren.

Gerade deshalb wirken die Aussagen von Schulze und Wittig wie eine bewusste Setzung von Verhandlungsrahmen. Schulze reagierte auf die Koordinaten „Abgrenzerei“ und „Neuwahlen“ ausweichend: Er verwies darauf, dass die Regierungskoalition abgewählt worden sei, man das hinnehmen müsse und es darin liege, „was wir Demokratie nennen“. Wittig ergänzt, dass man nicht in Abgrenzungsrhetorik verfallen wolle; auch der Ruf nach Neuwahlen, der bereits „verschiedentlich“ gekommen sei, werde damit nicht als Ausweg verfolgt. Diese Linie kann in der Praxis den Koordinationsaufwand verringern, weil sie das Verhandlungsziel von symbolischen Grenzen („mit wem man nicht spricht“) auf eine pragmatische Zieldefinition („woran man gemeinsam arbeitet“) verlagert. Für die Verfahrenslogik im Parlament ist das relevant, denn die Zeit für Strukturentscheidungen ist knapp, während sachpolitische Aufgaben wie die Energieentlastung schnell in Budget- und Umsetzungsplanungen übergehen.

Aus Branchen- und Techniksicht ist zudem interessant, wie energiepolitische Entscheidungen typischerweise in die Verwaltung hineinwirken. Entlastungsprogramme und Preisbremsen erfordern oft schnelle Anpassungen bei der Umsetzung: von der Ausgestaltung der Anspruchslogik bis zur technischen Abwicklung über Antragsportale, Schnittstellen zu Fachverfahren und die Qualitätssicherung bei Datenflüssen. Wenn Wittig die Energiepreise ganz vorne platziert, spricht das dafür, dass die neue Landesregierung früh mit Operateuren aus Netz, Handel und Verwaltung koordinieren muss. Selbst wenn der Landtag nicht unmittelbar technische Details festlegt, entstehen in der Folge Beschaffungs- und Umstellungswellen: etwa wenn zusätzliche Kommunikationskanäle aufgebaut werden, wenn neue Formulare oder Regeln in IT-Systemen abgebildet werden müssen oder wenn Förderprogramme kurzfristig aufgestockt werden.

Für Unternehmen und öffentliche Träger liegt darin ein Signal, dass die nächsten Entscheidungen nicht nur politisch, sondern auch operativ wirken. Wer in der Energiewertschöpfungskette aktiv ist – von Versorgern über Netzbetreiber bis zu kommunalen Einrichtungen –, kann daraus ableiten, dass die Abstimmungsprozesse über Projektpakete künftig eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig bleibt das Risiko bestehen, dass die Regierungsbildung durch die numerische Lage und mögliche Konstellationen in einzelnen Wahlgängen zäh verläuft. Genau deshalb dürfte es in den kommenden Wochen weniger um „einen großen Wurf“ gehen, sondern um das Aushandeln tragfähiger Mehrheiten für einzelne Maßnahmen. In dieser Phase kann sich zeigen, ob die vom BSW angekündigte Projektlogik tatsächlich schneller handlungsfähig macht – oder ob am Ende doch die klassischen Koalitionsfragen dominieren.


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