LONDON (IT BOLTWISE) – Michel Friedman hält Friedrich Merz für ungeeignet, das Amt des Bundeskanzlers auszufüllen. In einem Gespräch beschreibt der 70-Jährige vor allem fehlende Lernbereitschaft bei Politikern und Politikerinnen und verknüpft das mit der Notwendigkeit von Empathie für echte Kompromisse. Friedman kritisiert zudem, dass die CDU unter Merz zu Recht abgestraft werde. Gleichzeitig warnt er davor, aus schlechter Politik heraus pauschal eine rassistische, demokratiefeindliche Partei zu wählen.

Michel Friedman, der streitbare Publizist und Ex-CDU-Politiker, stellt Friedrich Merz in der zentralen Frage der Kanzlereignung ein vernichtendes Urteil. In einem Gespräch verwies der 70-Jährige darauf, dass er nicht glaube, dass „dieser Mann“ der Job-Description eines Bundeskanzlers entspreche. Seine Kritik zielt dabei weniger auf einzelne Sachthemen als auf eine vermeintliche Lücke im politischen Handwerk: Friedman beschreibt, dass viele Politiker und Politikerinnen nicht gut „lernen“ könnten und dass die Fähigkeit zum Erlernen selbst als Bestandteil der Regierungsarbeit verstanden werden müsse.
Inhaltlich hängt dieser Lernbegriff eng mit dem zusammen, was Friedman als zwei Voraussetzungen für politisch tragfähige Entscheidungen beschreibt. Er nennt das Erlernen, wie „mächtig“ Verwaltung in der Praxis wirke, und verknüpft das mit einem weiteren Element: Empathie als Voraussetzung, um überhaupt „wirkliche Kompromisse“ schließen zu können. Friedman bringt Empathie dabei ausdrücklich in Verbindung mit konkreter politischer Verständigungsarbeit, also mit dem Anspruch, Kompromisse zu schließen, ohne „substanzlos“ zu werden. Genau an dieser Stelle wirkt seine Rhetorik wie eine Art Kompetenztest: Für ihn ist Kanzlerschaft nicht nur Koordination, sondern die Fähigkeit, Grenzen zu kennen und „langsam“ zu erweitern.
Gleichzeitig widerspricht Friedman einer rein moralischen Lesart seiner Kritik: Empathielosigkeit wolle er Merz nicht unterstellen. Vielmehr, so lässt sich seine Position zusammenfassen, sieht er bei Merz keinen Beleg dafür, dass Empathie bereits ausreichend ausgeprägt wäre. Die Differenz ist wichtig, weil sie die Bewertung von einer Unterstellung („mangelnde Empathie“) in Richtung einer Bildungs- und Entwicklungsfrage („Empathie als Lernaufgabe“) verschiebt. Friedman formuliert das als Abgrenzung: Er wolle Merz nicht als Vorbild markieren, an dem er noch viel über Empathie lernen könne. Damit rückt die Debatte von Sympathiebekundungen weg und stellt stattdessen die Frage, wie Politik strukturell und prozessual Entscheidungen trifft.
Seine Kritik wird politisch zugleich scharf zugespitzt. Friedman erklärt, die CDU werde „unter diesem Bundeskanzler zu Recht abgestraft“, und stellt dabei eine zweite Linie klar: Schlechte Politik dürfe nicht dazu führen, dass Wählerinnen und Wähler daraus den Schluss ziehen, „eine rassistische, zerstörerische Partei“ zu wählen. Diese Aussage ordnet er in einen demokratischen Rahmen ein, in dem Parteien nach seiner Sicht keine Berührung mit Kräften haben dürften, die die Demokratie „zerstören“ wollen. Für die Leserinnen und Leser ist das ein politischer Spagat: Erst scharf kritisieren, dann aber nicht in eine Protestlogik abgleiten, die demokratische Prinzipien endgültig preisgibt.
Auch personell zieht Friedman weitere Kreise. Er kritisiert die SPD-Chefs Lars Klingbeil und Bärbel Bas und beschreibt, er höre von ihnen „überhaupt nichts mehr“. Seine Einordnung klingt zugleich nach einer bitteren Wirkungsanalyse politischer Kommunikation: Er sei sogar „glücklicher“, dass dieser Kanzler zwar „ruppig“ sei und teilweise in „jedes Fettnäpfchen“ trete, aber wenigstens mit ihm spreche. Dass Friedman ausgerechnet „Sprechfähigkeit“ als positiven Kontrastpunkt setzt, ist bemerkenswert: Es bedeutet, dass für ihn der kommunikative Prozess – nicht die formale Rolle – sichtbar macht, ob Politik überhaupt dialogfähig bleibt. Damit berührt er indirekt auch ein Problem, das viele Unternehmen aus dem Tech-Bereich kennen: Kommunikation ist nicht nur Oberfläche, sondern Teil des Systems, das Entscheidungen testet, korrigiert und stabilisiert.
Hintergrund ist dabei auch Friedmans eigene Parteibiografie. Er trat Anfang 2025 aus der CDU aus, nachdem die Union bei einem migrationspolitischen Antrag im Bundestag gemeinsam mit der AfD eine Mehrheit erhalten hatte. Friedman begründet seinen Schritt damit, demokratische Parteien dürften keine Berührung mit einer Partei aufweisen, die die Demokratie zerstören wolle. 1983 sei er der CDU beigetreten; zwischen 1994 und 1996 gehörte er dem Bundesvorstand an. Nach einem Spendenskandal der hessischen CDU wechselte er im Jahr 2000 aus Protest in den saarländischen Landesverband. Diese Chronologie zeigt, dass seine aktuelle Kritik nicht isoliert daherkommt, sondern aus früheren Konflikten und aus einem konsequenten Demokratieverständnis heraus argumentiert wird.
Für die Technologie- und KI-Branche lässt sich daraus eine übertragbare Perspektive ableiten: Wenn politische Akteure Empathie, Lernfähigkeit und den Umgang mit Verwaltung als zentrale Regierungsqualitäten definieren (oder deren Mangel behaupten), dann wird ebenso die Infrastruktur der Entscheidungsfindung in den Blick gerückt. In vielen Organisationen wird diese Infrastruktur heute zunehmend durch KI-gestützte Systeme unterstützt – etwa bei der Auswertung von Anträgen, bei der Priorisierung von Ressourcen oder in der automatisierten Kommunikation. Genau dort wird „Empathie“ zwar nicht als Gefühl modelliert, aber als Qualität der Prozesse: Welche Datenflüsse werden berücksichtigt, wie werden Randfälle erkannt, und wie transparent bleiben Entscheidungen gegenüber Betroffenen. Friedman spricht zwar nicht über KI, beschreibt jedoch Kriterien, die Unternehmen bei der Einführung solcher Systeme fast wiedererkennen: Lernfähigkeit, nachvollziehbare Kompromisse und die Frage, ob man „substanzlos“ wird, sobald es bequemere Abkürzungen gibt.
Unterm Strich verschiebt Michel Friedman die Debatte über Friedrich Merz weg vom Streit um einzelne Formulierungen hin zu einer übergeordneten Kompetenz- und Wertefrage. Er stellt nicht nur die Eignung für das Kanzleramt infrage, sondern legt auch Maßstäbe für demokratische Loyalität und für die Grenzen des Protestes fest. Dass er dabei Verwaltungsmacht, Empathie und Lernprozesse betont, wirkt wie ein Plädoyer für Regierungsfähigkeit als Betriebssystem der Demokratie: nicht laut, sondern zuverlässig, nicht nur präsent, sondern lernend. Für Unternehmen und Entscheider ist das vor allem deshalb relevant, weil Politik – egal ob im Parlament oder in der Verwaltung – den Rahmen liefert, in dem KI-Entwicklung und Technologieinvestitionen stattfinden.
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