GARCHING / LONDON (IT BOLTWISE) – In Garching vergibt die Astronomische Gesellschaft ihre Karl-Schwarzschild-Medaille an Prof. Dr. Marta Volonteri. Im gleichen Rahmen gehen auch ein Astrophysik-Softwarepreis für die Strahlungstransport-Software RADMC-3D sowie mehrere Nachwuchs- und Förderpreise über die Bühne. Die Ehrungen spannen den Bogen von massereichen Schwarzen Löchern über astrochemische Modelle der Sternentstehung bis hin zu einem astrometrischen Katalog mit mehr als 1,4 Millionen Sternen. Ergänzend setzt die Tagung auf Splinter-Treffen und einen öffentlichen Abendvortrag mit Harald Lesch.

Die diesjährige Herbsttagung der Astronomischen Gesellschaft (AG) zeigt, wie stark moderne Astrophysik heute aus zwei Welten gebaut ist: aus präzisen Beobachtungen und aus Software, die diese Messungen überhaupt vergleichbar macht. Austragungsort ist Garching, und damit ein Standort, an dem Forschungseinrichtungen aus der Max-Planck-Landschaft und die Europäische Südsternwarte ESO zusammenkommen. Die Stadt ist nicht nur Kulisse für Vorträge, sondern spiegelt das Arbeitsmodell der Community wider: Daten entstehen an Instrumenten, werden dann aber durch Rechenmodelle in physikalisch interpretierbare Größen übersetzt.
Zum Auftakt steht die Verleihung der Karl-Schwarzschild-Medaille, der höchsten Auszeichnung, die die AG im deutschsprachigen Raum vergibt. In diesem Jahr geht die Medaille an Prof. Dr. Marta Volonteri, Directrice de Recherche am Institut d’ Astrophysique de Paris. Aus der Begründung wird ein roter Faden sichtbar: Volonteris Arbeiten konzentrieren sich auf die Entstehung und Entwicklung massereicher Schwarzer Löcher und darauf, welche Rolle diese Objekte für die Entwicklung des Universums spielen. Direkt im Anschluss hält die Preisträgerin die traditionelle Schwarzschild-Vorlesung, womit die Ehrung nicht nur symbolischen Charakter hat, sondern inhaltlich den wissenschaftlichen Schwerpunkt der Tagung markiert.
Dass dabei nicht nur Theorien, sondern auch die digitale Infrastruktur der Forschung im Fokus steht, unterstreicht der Astrophysikalische Softwarepreis. Prof. Dr. Cornelis P. Dullemond erhält ihn für Konzeption, Entwicklung und langjährige Betreuung der Strahlungstransport-Software RADMC-3D. Das Paket adressiert eine zentrale Rechenfrage der Astrophysik: Wie transportiert Strahlung durch Gas und Staub Energie und Information, und wie sehen dadurch resultierende Objekte in der Beobachtung aus? RADMC-3D liefert dafür einen Modellrahmen zur Simulation des Strahlungstransports und zur Erzeugung synthetischer Beobachtungsdaten, die sich anschließend direkt mit realen Messungen vergleichen lassen – ein Ansatz, der in der Praxis den Weg von Rohdaten zu physikalischen Parametern entscheidend verkürzt.
Auch die Nachwuchspreise zeigen, wie eng Beobachtung und Modellierung gekoppelt sind. Caroline Gieser wird mit dem Ludwig-Biermann-Förderpreis ausgezeichnet, weil ihre Arbeiten physikalische und chemische Prozesse in Sternentstehungsgebieten untersuchen. Der Ansatz, Beobachtungen mit fortgeschrittener astrochemischer Modellierung zu verbinden, zielt auf konkrete Strukturen: Die Ergebnisse lieferten Beobachtungsbeschränkungen für Dichte- und Temperaturstrukturen massereicher protostellarer Kerne und machten nachvollziehbar, wie sich die chemische Entwicklung nutzen lässt, um frühe Phasen der Sternentstehung zeitlich einzuordnen. Genau an dieser Schnittstelle entstehen häufig die größten Diskussionen in der Fachwelt – weil die Chemie in dichten Umgebungen die Interpretation von Linien und damit die Ableitung von physikalischen Zuständen prägt.
Mit dem Promotionspreis 2026 ehrt die AG zudem Forschung, die auf Präzision in der Vermessung setzt. Maximilian Häberle wird für Beiträge zur Erforschung Schwarzer Löcher und stellarer Systeme ausgezeichnet und erstellt im Rahmen seiner Promotion einen astrometrischen Katalog mit Daten von mehr als 1,4 Millionen Sternen in Omega Centauri, dem massereichsten Sternhaufen der Milchstraße. Auffällig ist dabei nicht die schiere Datenmenge, sondern das Signal, das daraus gezogen werden kann: Häberle identifizierte eine kleine Population besonders schneller Sterne im Zentrum des Haufens und zeigte, dass ihre Bewegungen durch ein Schwarzes Loch mittlerer Masse mit mehr als 8000 Sonnenmassen erklärt werden können. Der Text ordnet die Bedeutung klar ein – es wäre der erste eindeutige Nachweis dieser Größenklasse. Unabhängig davon, wie die Zukunft die Hypothese weiter prüft, ist der methodische Kern bereits jetzt relevant: große Kataloge erhöhen die statistische Stabilität, während die Interpretation stark davon abhängt, wie gut systematische Effekte in der Astrometrie kontrolliert werden.
Neben den fachlichen Schwerpunkten setzt die Tagung auch auf Öffentlichkeit, Bildung und sichtbare Nachwuchswege. Der Bruno-H.-Bürgel-Preis geht an Florian Freistetter für Bücher, Podcasts, Blogs und Live-Auftritte; der Hans-Ludwig-Neumann-Preis würdigt Klaus Hünig für sein lebenslanges Engagement in innovativer, praxisorientierter astronomischer Bildung. Ergänzend erhalten Alexander Leukert und Leon Heinisch vom Isolde-Kurz-Gymnasium Reutlingen einen Sonderpreis, nachdem sie bereits beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ im Bereich Geo- und Raumwissenschaften erfolgreich waren. Ihr Projekt prüfte, ob sich Satellitenbahnen vorhersagen lassen, die sich zwischen einem Planeten und dessen Monden befinden – ein Beispiel dafür, wie geometrische Fragestellungen und Datenanalyse ineinandergreifen, auch wenn das Zielpublikum eher schulisch als universitäres Fachpublikum ist.
Für die nächsten Tage ist in Garching ein dichtes Programm geplant: Neben Vorträgen im Plenum prägen Splinter-Treffen den Ablauf. Diese Formate erlauben es, spezialisierte Themen zu vertiefen, ohne dass der wissenschaftliche Austausch in allgemeinen Überblicksvorträgen stecken bleibt. Gerade für junge Astronominnen und Astronomen sind solche Sessions häufig der erste Raum, in dem Diplom- und Doktorarbeiten vor größerem Publikum vorgestellt werden und Präsentationspraxis entstehen kann. Als zusätzliche Tradition der AG gibt es am Donnerstag, 10. September 2026, um 20 Uhr einen öffentlichen Abendvortrag mit Harald Lesch über „Die größte Geschichte aller Zeiten – das Universum“, der Eintritt ist frei. So wird die Brücke zwischen Forschungstiefe und öffentlicher Vermittlung sichtbar – ein Modell, das in einer Zeit, in der KI-basierte Analysen und Simulationen ohnehin immer stärker in die tägliche Arbeitsroutine rücken, mehr denn je auf Verständlichkeit angewiesen ist.
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