LÜNEBURG / SPRINGE (IT BOLTWISE) – Mehr Hitzetage und die Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade erhöhen den Druck auf den Kartoffelanbau spürbar. Auf der PotatoEurope 2026 bei Springe nahe Hannover zeigen Züchter und Praxispartner Versuchsergebnisse, die auf trocken- und stressresistente Sorten abzielen. Im Fokus stehen außerdem Anbaustrategien zur Begrenzung von Ertrags- und Qualitätsverlusten sowie Ansätze, Pflanzenschutzmittel zielgerichtet einzusetzen. Besonders die Übertragung von Stolbur und SBR durch den Schädling macht die Züchtung zu einem zentralen Hebel für die nächsten Jahre.

Mehr Hitzetage und ein verändertes Schädlingsklima treffen den Kartoffelbau derzeit an mehreren Fronten gleichzeitig. Laut Jörg Renatus, Geschäftsführer der Europlant Pflanzenzucht GmbH in Lüneburg, zwingt der Klimawandel die Branche dazu, Sorten zu entwickeln, die mit Trockenheit und anderen Stressfaktoren auch in Extremphasen umgehen können. Die Züchtung dauert dabei in der Regel rund zehn Jahre, weil neue Eigenschaften über mehrere Selektionszyklen zuverlässig im Feld und in der Lagerung abgesichert werden müssen. Dass das Thema „Dauerbrenner“ ist, merkt man auch daran, dass bereits heute mehrere Sortengruppen mit verbesserten Eigenschaften beschrieben werden, aber „wesentlich mehr Sorten“ gebraucht werden.
Die konkrete Sortenarbeit zielt nicht nur auf Ertrag, sondern auch auf die praktische Verarbeitbarkeit im Markt. Renatus verweist auf die „Jelly“ als vorwiegend festkochende Kartoffel, die Hitze vergleichsweise gut verträgt. Neben Jelly werden auch „Glorietta“, „Belana“ und „Regina“ genannt, die zu den moderneren Sorten zählen: Sie sollen eine dünnere Schale besitzen und zugleich bessere Eigenschaften für die Lagerung bieten. Für Betriebe ist das mehr als eine Beschreibung im Sortenkatalog, denn Schale und Lagerverhalten beeinflussen direkt die vermarktbare Qualität nach der Ernte und damit auch das Risiko von Abschlägen, wenn Wetterlagen die Bestände stressen oder die Ausfallquoten steigen.
Während Hitze die Pflanzen zusätzlich belastet, wird der zweite Druckpunkt derzeit besonders deutlich über einen spezifischen Schädling sichtbar. Die Schilf-Glasflügelzikade gilt als Riesenproblem, weil sie Pflanzenkrankheiten wie Stolbur sowie das „Syndrom des niedrigen Zuckergehalts“ (SBR) übertragen kann. Renatus beschreibt, dass die Schäden in der Pfalz bereits erheblich waren: Die Kartoffeln würden weich und „pflaumig“, eine „mittelschwere Katastrophe“ sei das in seiner Darstellung für die betroffenen Betriebe. Hinzu kommt, dass nicht nur Kartoffeln betroffen sind, sondern auch Zwiebeln und Zuckerrüben; gleichzeitig bleiben Regionen wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein nach den Angaben zunächst „noch weitgehend verschont“.
Diese Wechselwirkung aus Klimastress und Schädlingsdruck bildet den inhaltlichen Schwerpunkt der Fachveranstaltung „PotatoEurope 2026“, die in Springe nahe Hannover stattfindet und bis Donnerstag andauert. Die Veranstaltung zählt zu den wichtigsten Terminen für den europäischen Kartoffelanbau; erstmals findet sie gemeinsam mit der „SugarBeet“ Expo statt, die den professionellen Zuckerrübenanbau in den Mittelpunkt rückt. In diesem Rahmen wird laut Programm der Fokus expl. auf den Auswirkungen der Schilf-Glasflügelzikade gelegt, zudem sollen bis zum Ende der Veranstaltung aktuelle Versuchsergebnisse und praxisnahe Lösungsansätze präsentiert werden. Besonders relevant ist dabei, dass der Schädling bereits an der Grenze zu Sachsen-Anhalt auf niedersächsischen Flächen festgestellt worden sein soll – damit verschiebt sich die Risikolage für Betriebe in der Region vom Monitoring hin zur konkreten Anpassung von Anbaustrategien.
Technisch wird die Antwort auf den Schädlings- und Krankheitsdruck nicht als Einzellösung verstanden, sondern als Kombination aus Sortenleistung und Management. Vorgestellt werden verschiedene Herbizidstrategien, darunter Kombinationen aus chemischen und mechanischen Verfahren. Für Kartoffeln und Zuckerrüben demonstrieren die Akteure außerdem, welchen Beitrag robuste und weniger krankheitsanfällige Sorten zur Senkung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes leisten können. Das ist ein wichtiger Punkt, weil die Pflanzenkrankheiten, die über die Zikade übertragen werden, nicht nur die Pflanzen direkt treffen, sondern auch die wirtschaftliche Planbarkeit: Ertrags- und Qualitätsverluste stellen viele Betriebe laut den Veranstaltungsschwerpunkten vor wirtschaftliche Herausforderungen.
Für die betriebliche Praxis bedeutet das: Wer den nächsten Anbau plant, muss die Sortenwahl, das Fruchtfolge- und Kulturmanagement sowie den Einsatz von Verfahren enger miteinander verzahnen als noch vor wenigen Jahren. Die Hinweise aus der Züchtung – von der Hitzeverträglichkeit einzelner Linien bis zu verbesserten Lagermerkmalen – treffen damit auf ein Schädlingsszenario, das sich räumlich ausbreitet und zugleich durch die Übertragungswege Stolbur und SBR zusätzliche Qualitätsrisiken erzeugt. Damit rückt die Frage nach Resilienz stärker in den Mittelpunkt als reine Spitzenleistungen in Normaljahren: In einem Umfeld mit mehr Extremwetter und veränderter Insektenverbreitung zählt, wie stabil eine Sorte und ein System über die gesamte Produktionskette hinweg funktionieren.
Aus Branchenperspektive zeigt die Ausrichtung der PotatoEurope 2026, wohin sich die Diskussion weiterentwickelt: weg von isolierten Einzelmaßnahmen und hin zu einem „Portfolio“ aus Züchtung, Feldtechnik und möglichst präzisem Mitteleinsatz. Auch wenn einzelne Regionen nach den Angaben noch weniger stark betroffen sind, ist der Befall auf niedersächsischen Flächen bereits ein Signal für die Planungszeiträume der Landwirtschaft. In diesem Sinne ist die Züchtung nicht nur Grundlagenarbeit, sondern ein praktisches Risikomanagement, das sich über Jahre auszahlt – spätestens dann, wenn neue Temperaturspitzen und neue Schädlingsmuster im Betrieb messbar werden.
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