MOSUL / LONDON (IT BOLTWISE) – In Mosul musste ein Marine-Raider laut Andy Markoff 2016 ständig abwägen, welche Ziele überhaupt eine Anfrage nach Feuerunterstützung rechtfertigen. Die KI-Software Omega von Smack Technologies soll genau diese Planungs- und Sequenzierungsentscheidungen beschleunigen und dabei die begrenzte Munitionsverfügbarkeit besser berücksichtigen. Auf dem Weg dorthin setzt das Unternehmen auf einen Joint-Fires-Workflow, der von der strategischen Planung bis zur laufenden Anpassung während der Einsatzphase reicht. Gleichzeitig will Smack sein System schrittweise von Prototypen in die Produktion überführen und dafür zunächst breiter in den US-Streitkräften ausrollen.

In der Einsatzrealität wird aus „Feuerunterstützung“ schnell eine Frage der Mathematik: nicht nur, ob ein Ziel überhaupt bekämpft werden kann, sondern ob es im Verhältnis zu vielen konkurrierenden Optionen gerade „den Schuss wert“ ist. Andy Markoff, Mitgründer und CEO von Smack Technologies, beschreibt genau diese Engpasslogik aus seinem Einsatz als Teil der U.S. Marine Raiders in Mosul. Während der mehrtägigen Operationen entlang eines rund hundert Meilen langen Frontabschnitts hätten sie, so Markoff, regelmäßig zu wenig Munitionskapazitäten gehabt. Luftunterstützung konnte zwar ein Gebiet effektiv räumen, doch bei tausenden potenziellen Zielpunkten und nur wenigen verfügbaren Waffensystemen blieb die Entscheidung ein ständiges Rechnen über Prioritäten, Verfügbarkeit und Zeitpunkt.
Aus dieser Erfahrung leitet sich die Kernidee der Künstlichen Intelligenz (KI) „Omega“ ab: Omega soll nicht lediglich einzelne Ziele „auswählen“, sondern Angriffe über einen Zeitraum von etwa einem Monat oder zwei so sequenzieren, dass eine gegnerische Kraft systematisch geschwächt wird. Markoff stellt dabei klar, dass es nicht nur um Terminplanung geht, sondern um das Zusammenbringen passender Assets mit einer sinnvollen zeitlichen Reihenfolge. Die KI soll den Kommandeuren dabei Optionen liefern und pro Option die Vor- und Nachteile transparent machen – sodass die operative Entscheidung schneller und zugleich nachvollziehbarer fällt. Gerade in Phasen, in denen sich Details wie Risikoabwägung oder verfügbare Ressourcen verändern, soll das System die übergeordnete Zielsetzung im Blick behalten, während es die konkrete Umsetzung kontinuierlich neu ordnet.
Technisch ordnet Smack den Ansatz als „Joint Fires“-Workflow ein, den das Unternehmen in einer rund 14-minütigen Demonstration entlang der geplanten Einsatzkette zeigt: vom weitreichenden Scheduling und der bewussten Planungsphase bis hin zur schrittweisen Ausführung über einen vorgegebenen Zeithorizont. Die Bedienung beginnt demnach damit, dass ein Kommandeur Geheimdienst- und Planungsunterlagen in Omega hochlädt, um dem System operationalen Kontext zu geben. Anschließend kann der Nutzer die Informationen durch auswählbare Faktoren wie zuständige Einheiten oder räumliche Grenzen anpassen. Aus diesen Eingaben generiert Omega dann sowohl hochrangige Pläne als auch detaillierte Workflows, die sich laut Markoff in Struktur und Ergebnissen an dem orientieren, was Menschen erstellen würden – nur eben automatisiert und in der Geschwindigkeit, die bei komplexen Berechnungen typischerweise fehlt.
Für die operative Wirkung sind vor allem zwei Zeitaspekte entscheidend: Erstens die Planungsdauer bis zu einem „nächsten“ Rollout und zweitens die Reaktionszeit, wenn die Lage sich während der Ausführung verändert. Markoff beschreibt, dass Menschen manchmal einen ganzen Monat benötigen, um einen Plan aufzubauen, während die Erstellung des nächsten Plans in der Größenordnung von einem bis vier Tagen stattfinden kann. Sobald die Frage lautet „Was tun wir jetzt gerade?“, reduziert sich die Wartezeit in seinem Szenario auf wenige Sekunden, weil das System den laufenden Entscheidungsspielraum dynamisch aus der vorhandenen Planung heraus neu bewertet. Während der Ausführungsphase kann der Kommandeur zudem fortlaufend den Status überwachen und Pläne anpassen, sobald neue Lageinformationen eintreffen – etwa über zusätzliche Geheimdienstmeldungen, aktualisierte Bestandslisten oder Wetterprognosen.
Als Vergleich greift Smack die Metapher des „Last-Mile“-Problems auf, wie sie im Umfeld großer E-Commerce-Logistik bekannt ist: Es geht darum, für den letzten Abschnitt bis zum Ziel die effizienteste und ressourcenschonendste Route zu finden. Markoff überträgt diese Logik auf Joint Fires: Ähnlich wie sich in einem realen Logistiklauf die Rahmenbedingungen ändern können, bleibt das übergeordnete Ziel bestehen, während die konkrete Zuordnung und Reihenfolge der „Assets“ optimiert wird. Genau hier zeigt sich der Unterschied zu einem reinen Scheduling-Tool: Omega kombiniert Ziel-/Destinationsplanung mit der konkreten Paarung von Plattformen und deren Nutzung im Kontext der längerfristigen Operationsplanung. In der Demo werden dementsprechend viele Aktionen, Ziele und Zielorte erzeugt, die das System nicht nur auf Kampagnenebene unterstützt, sondern sowohl auf operativer als auch auf taktischer Ebene.
Markoff betont zugleich, dass Smack den Anwendungsradius aktiv erweitert. In der aktuellen Ausrichtung würden die Verträge vor allem auf den militärischen Joint-Fires-Kontext zielen, doch das Unternehmen sehe eine Nachfrage aus Nutzerkreisen, auch koordinative Aufgaben für humanitäre Einsätze mit abzubilden. Diese Erweiterung ist strategisch relevant, weil sie den Software-Charakter unterstreicht: Wenn Omega die Logik von Planung, Sequenzierung und laufender Anpassung verknüpft, lässt sich das Prinzip perspektivisch auch auf nicht-militärische Koordinationsprobleme übertragen – sofern Datenmodelle, Randbedingungen und Sicherheitsanforderungen passend gestaltet werden. Parallel dazu befindet sich Smack laut Markoff im Übergang von Prototyping zu Produktion und will von dort aus seine Integrationen in den Streitkräften skalieren.
Auch die Markteinordnung ergibt sich aus der Hardware-Anbindung, die Smack aktuell sichtbar macht. Der Hintergrund der Demo fällt zeitlich mit einem weiteren Produktbaustein zusammen: Smack hat für „Alpha“, ein am Handgelenk getragenes Display, laut Angaben aus der Quelle jüngst 61 Millionen US-Dollar eingesammelt. Alpha soll den Zugriff auf den Omega-Workflow im laufenden Einsatz erleichtern, während die KI-Entscheidungslogik im Hintergrund die Planungsschritte aus Daten, Dokumenten und Parametern ableitet. Smack hat derzeit Verträge mit drei US-Militärzweigen und erwartet, bis zum Jahresende auf alle sechs auszuweiten – ein Hinweis darauf, dass das Unternehmen den Schritt von Pilotierungen in breitere Beschaffung und Betriebspraxis vorbereitet. Für Entscheider in der Technologie- und Verteidigungsindustrie ist das vor allem deshalb interessant, weil es zeigt, wie KI-gestützte Planungssoftware vom Labor in operativ nutzbare Systeme rückt: nicht als einzelnes Modell, sondern als Workflow, der mit Inventaren, Lageberichten und Wetterdaten arbeitet.
In der Summe adressiert Omega ein Problem, das in klassischen Planungsprozessen oft „seitenweise“ gelöst wird: Zielauswahl, Sequenzierung, Ressourcenpaarung und die laufende Anpassung an neue Lageinformationen. Markoff beschreibt die Verbesserung nicht als eine abstrakte Fortschrittsstory, sondern als messbare Verschiebung in der Zeitachse – von langen Planungsfenstern hin zu schnellen Updates in der Einsatzrealität. Gleichzeitig bleibt die eigentliche Herausforderung für jede Organisation bestehen, die solche Systeme einführt: Wie gut gelingt die Abstimmung zwischen den erzeugten Vorschlägen und den operativen Entscheidungsprozessen der Nutzer. Wenn Smack diesen Brückenschlag in Produktion und auf breiter Front liefert, könnten KI-Workflows für Joint Fires künftig stärker den Takt angeben als einzelne „Treffer“-Entscheidungen.
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