BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission will Regeln für öffentliche Aufträge so anpassen, dass kommunale Vergabestellen strategischer handeln können. Dabei soll es weiter möglich sein, europäische Anbieter gegenüber Drittstaaten zu bevorzugen, allerdings ohne neue automatische Pflicht. Neu ist vor allem ein europaweiter digitaler Marktplatz, über den Auftraggeber Zugangsgleichheit für Unternehmen transparenter prüfen sollen. Parallel sollen qualitative Kriterien wie Innovation, Sicherheit und Resilienz stärker in den Vordergrund rücken.

EU-Vergaberecht: Digitale Plattform und mehr Qualitätskriterien statt reiner Preislogik
EU-Vergaberecht: Digitale Plattform und mehr Qualitätskriterien statt reiner Preislogik (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Kommunen und andere öffentliche Auftraggeber Vergaben planen, entscheidet im Alltag oft ein vertrautes Setup: Ausschreibungstext, Vergleich von Angeboten, Zuschlag nach Kosten. Genau hier setzt die EU-Kommission an und verschiebt den Schwerpunkt in Richtung einer strategischeren Beschaffung. Die Brüsseler Behörde will laut dem vorgestellten Vorstoß die Rahmenbedingungen für Bereiche wie Schul-Ausstattung und Straßenbau klarer fassen. Ziel ist, Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationaler Konkurrenz zu stärken, ohne dabei den Vergabeprozess so zu verengen, dass er für europäische und internationale Wirtschaftspartner gleichermaßen unattraktiv wird.

Technisch und prozessual steht zunächst die Frage im Raum, wie die EU die „europäische Präferenz“ ausgestaltet, die Vergabestellen bereits heute anwenden können. Künftig soll festgehalten werden, dass die öffentliche Hand weiterhin europäische Unternehmen gegenüber Anbietern aus Drittstaaten bevorzugen darf, während diese im Gegenzug nicht automatisch denselben Zugang zu EU-Vergaben erhalten. Wichtig: Der Vorschlag macht diese Bevorzugung nicht zur Pflicht. Damit bleibt den Mitgliedstaaten und Kommunen ein Ermessensspielraum, gleichzeitig sollen aber die Bedingungen für die Nutzung der Präferenz rechtssicherer werden. Gerade dort, wo Rechtssicherheit und praktische Umsetzbarkeit bisher schwanken, will die Kommission den Rahmen vereinheitlichen.

Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die Markttransparenz. Die EU plant einen europaweiten digitalen Marktplatz, über den Auftraggeber unkompliziert nachvollziehen können sollen, für welche Unternehmen und Waren aus Drittländern die gleichen Bedingungen gelten wie für europäische Anbieter. Das ist vor allem für Behörden relevant, die bei jedem Beschaffungsvorhaben erneut beurteilen müssten, ob ein Drittland über Abkommen zum Marktzugang verfügt. Laut Vorschlag sollen zudem alle Aufträge über ein bestimmtes Volumen künftig über diese Plattform vergeben werden. Für die Praxis bedeutet das: weniger manuelle Recherche, mehr standardisierte Daten über Zugangsrechte – und damit eine Grundlage, auf der Vergabeteams Entscheidungen schneller begründen können.

Damit verbunden ist die Einordnung von Ländern, die im Vergaberecht nicht als „Drittland“ behandelt werden sollen. In den allgemeinen Regeln, die nun vorgestellt wurden, geht es um Handelspartner außerhalb der EU, für die es bestimmte Vereinbarungen zum Zugang des öffentlichen Beschaffungsmarkts gibt. Staaten, die einen vereinbarten gegenseitigen Zugang nicht gewähren, sollen ausgeschlossen werden können. In diesem Kontext betonte die EU-Kommission, dass Produkte aus Ländern wie dem Vereinigten Königreich und den USA wie europäische behandelt werden könnten, während China in dieser Ausgestaltung nicht erfasst sein soll. Genau diese Differenzierung hat politisch wie wirtschaftlich Gewicht, weil sie die Frage berührt, welche Gegenleistungen als ausreichend gelten und wie eng die Listen für die Einstufung zunächst gefasst werden.

Zusätzliche Dynamik kommt durch die Kriterienlogik in der Vergabe. Statt ausschließlich auf den Preis zu schauen, sollen Kommunen und andere Beschaffer stärker selbst festlegen können, welche qualitativen Aspekte bei einem Auftrag wichtig sind. Im Kern geht es um Gewichtungen, die sich auf ökologische Kriterien, Innovationsfähigkeit, Sicherheits- und Resilienzaspekte sowie Arbeitsbedingungen bei der Herstellung beziehen können. Ein EU-Beamter ordnete ein, dass solche Vorgaben zwar bereits jetzt möglich seien, aber je nach EU-Staat mit rechtlicher Unsicherheit verbunden sein könnten. Der vorgesehene Schritt zielt daher nicht nur auf neue Ziele, sondern auf eine Harmonisierung, die in der Umsetzung weniger Interpretationsspielraum lässt – und damit die Vergleichbarkeit von Ausschreibungen erhöht.

Die politischen Reaktionen zeigen dabei, dass das Thema in der Wirtschaft nicht isoliert betrachtet wird. Die Chinesische Handelskammer bei der EU (CCCEU) reagierte in einer Mitteilung „äußerst besorgt“ auf die Bestimmungen zur europäischen Präferenz und zum Marktzugang für Drittländer. Aus der Perspektive der chinesischen Wirtschaft steht dabei die Befürchtung im Raum, dass bestimmte Unternehmen ausgeschlossen werden könnten. Gleichzeitig forderte die Kammer Umsicht und verwies darauf, Verhältnismäßigkeit und internationale Handelsverpflichtungen zu achten. Auf der EU-Seite meldeten sich mehrere Abgeordnete mit einer deutlich abgewogenen Sicht: Bernd Lange (SPD), Vorsitzender des Handelsausschusses, verwies auf die potenziell große Hebelwirkung strategischer Beschaffung, warnte aber vor Abschottung und betonte, Europa müsse Partnern offen bleiben.

Auch aus dem Parlament heraus wird der digitale Teil als Entlastung für kleinere Marktteilnehmer interpretiert. Svenja Hahn (FDP) begrüßte den Abbau von Bürokratie durch eine einheitliche europäische digitale Plattform, weil diese gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen den Zugang zu Ausschreibungen erleichtern könne. Christian Doleschal (CSU) ordnete die geplante Vereinfachung ebenfalls positiv ein und verwies darauf, dass sie Kommunen zugutekommen soll. Anna Cavazzini (Bündnis 90/Die Grünen) wiederum begrüßte die Verschiebung hin zu einem verpflichtenden Anteil der Beschaffung, der an Qualitätskriterien statt nur am Preis ausgerichtet werden soll, kritisierte aber, dass grüne und soziale Kriterien ihrer Ansicht nach zu wenig weitgehend als Norm für alle Vergabeprozesse festgelegt würden. Damit wird klar: Es geht nicht nur um eine technische Plattform, sondern um die Frage, wie stark öffentliche Beschaffung gesellschaftliche Ziele verbindlich in das wirtschaftliche Kalkül hineinzieht.

Für die Markt- und Umsetzungsseite ist zudem die grundsätzliche Wettbewerbslage relevant. Die EU kämpft angesichts internationaler Konkurrenz um ihre Wettbewerbsfähigkeit; allein gegenüber China betrage das Handelsdefizit der EU mittlerweile rund eine Milliarde Euro pro Tag. Diese Dimension erklärt, warum die Kommission den strategischen Hebel der öffentlichen Auftragsvergabe betont und ihn rechtlich besser nutzbar machen möchte. Allerdings hängt der Zeitplan von den politischen Schritten ab: Damit die Vorschläge in Kraft treten, braucht es die Zustimmung des Europäischen Parlaments und der EU-Mitgliedstaaten. Für Unternehmen, die als Auftragnehmer in Kommunen, Bildungs- oder Infrastrukturbereichen arbeiten, wird damit in den kommenden Beratungsrunden entscheidend, wie die Details zur digitalen Plattform, zur Einstufung von Ländern und zu qualitativen Zuschlagskriterien konkret ausformuliert werden.


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