LONDON (IT BOLTWISE) – Die PISA-Studie 2025 zeigt in Deutschland historische Tiefststände bei zentralen Kompetenzen. Besonders die Lesekompetenz sinkt auf Werte wie zuletzt zu Beginn der Messreihe noch nicht gesehen. Gleichzeitig nutzen viele Schülerinnen und Schüler regelmäßig KI-Chatbots, doch mit zunehmender Nutzung gehen offenbar auch die Kompetenzen zurück. Die Ergebnisse verschärfen den Fokus auf Grundbildung, reflektierten Digitaleinsatz und die Verringerung sozialer Bildungsungleichheit.

PISA 2025: Deutschlands Schüler fallen bei Lesen, Mathe und Naturwissenschaften zurück
PISA 2025: Deutschlands Schüler fallen bei Lesen, Mathe und Naturwissenschaften zurück (Foto: IT BOLTWISE)
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Die PISA-Ergebnisse 2025 liefern für das deutsche Bildungssystem gleich zwei harte Signale: einmal beim Kern der Lernziele und einmal bei der Frage, wie digital unterstütztes Lernen in der Praxis ankommt. Laut den in der Studie erhobenen Daten erreichen 15-Jährige in Deutschland derzeit nur noch das Kompetenzniveau, das früher bereits mit 13 Jahren erwartet wurde. In der Konsequenz verschiebt sich das Lernprofil vieler Jahrgänge spürbar nach hinten – und das nicht nur bei einem einzelnen Fach, sondern in mehreren Bereichen gleichzeitig.

Beim Lesen zeigt sich der stärkste Abwärtstrend: Die Studie weist für die Lesekompetenz 465 Punkte aus, nach zuvor 480. Damit wird ein Rekord markiert, der seit Beginn der Studienreihe so nicht vorgekommen ist. Auch in Mathematik sinken die Werte auf 464 Punkte (zuvor 475), während die Naturwissenschaften mit 486 Punkten zwar weiterhin über manchen historischen Tiefpunkten liegen, aber dennoch im Vergleich zu 2022 zurückgehen (492 Punkte). Auffällig ist zudem die internationale Einordnung: Deutschland liegt damit erstmals seit 2006 nicht mehr über dem OECD-Durchschnitt von 482 Punkten.

Ein weiteres Kapitel der Studie betrifft den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). Andreas Schleicher bilanziert den Stand der Digitalisierung an deutschen Schulen kritisch und verweist darauf, dass das Bildungssystem die Chancen des digitalen Wandels offenbar zu selten in Richtung kreativer, methodisch reflektierter Anwendung nutzt. Daten aus der Erhebung untermauern das Bild: 50 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler nutzen wöchentlich KI-Chatbots, leicht über dem OECD-Schnitt von 46 Prozent. Gleichzeitig wird beschrieben, dass die Kompetenzen sinken, je intensiver KI eingesetzt wird – ein Befund, der im Unterricht nicht automatisch gegen KI spricht, aber die Notwendigkeit klarer pädagogischer Leitplanken unterstreicht.

Technisch lässt sich der Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und Kompetenzerwerb so einordnen: KI-Chatbots sind stark darin, Antworten sprachlich zu formen und Ideen schnell zu strukturieren. Ohne begleitete Lese- und Bewertungsarbeit steigt jedoch das Risiko, dass Lernende Ergebnisse übernehmen, ohne die Schritte zu prüfen. Genau darauf zielt die Studie mit der differenzierten Beobachtung: Höhere Leistungen zeigen sich bei Schülerinnen und Schülern, die KI nicht verwenden – beziehungsweise nur dann, wenn die Vermittlung ausdrücklich die Interpretation der KI-Ausgaben umfasst. Ergänzend kommt ein zweiter Praxisfaktor hinzu, der im Alltag der Schulen unmittelbar sichtbar ist: Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler gibt an, im Unterricht durch digitale Tools abgelenkt zu werden.

Damit rückt eine Fähigkeit in den Mittelpunkt, die sich nicht mit „Gerät an, Aufgabe fertig“ abbilden lässt: reflektierter Digitaleinsatz als Teil von Grundbildung. Schleicher nennt als Orientierung positive Beispiele aus Korea, Singapur und China, wo KI das Lernen intensivieren könne; als konkretes Beispiel wird genannt, dass in Shanghai bereits 2018 Grundschulkinder Scanner für Kalligraphie-Übungen eingesetzt haben. Für Deutschland fordert er übergreifende Standards und eine engere Zusammenarbeit der Bundesländer – eine Forderung, die sich auch in den politischen Reaktionen widerspiegelt: Karin Prien bezeichnet die Ergebnisse als dramatisch und besorgniserregend, während Bernhard Rohleder die Zahlen als Alarmsignal einordnet und betont, dass Grund- und Digitalkompetenzen zusammengehören müssen.

Neben den Kompetenzrückgängen verschärft die Studie vor allem die Frage nach Bildungsgerechtigkeit. Die soziale Kluft im Bildungssystem ist seit 2015 in Deutschland größer geworden: Der sozioökonomische Status hat in Deutschland einen dreimal so starken Einfluss auf die schulische Leistung wie beispielsweise in Kanada. Besonders deutlich wird das bei der Verteilung hoher Kompetenzstufen: Lediglich 2 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen Familien erreichen hohe Kompetenzniveaus, während es bei 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus wohlhabenden Verhältnissen der Fall ist. Für die Umsetzung folgt daraus ein Engpass: Wer nur auf Ausstattungsquoten schaut, trifft nicht den Kern der Lernlücke.

Konkrete Maßnahmen sollen deshalb an mehreren Stellschrauben drehen. Bund und Länder kündigen an, Mittel für digitale Ausstattung, Lehrerfortbildungen und Grundbildungsprogramme zu erhöhen. Zudem ist im Rahmen des Startchancen-Programms vorgesehen, 20 Milliarden Euro für 4.000 Schulen in sozial benachteiligten Lagen bereitzustellen. Parallel diskutieren Bildungsminister eine stärkere Integration digitaler Kompetenzen bereits in den Lehrplänen der Grundschulen; die Studienautoren empfehlen außerdem eine frühe Förderung sowie eine datenbasierte Kontrolle der Lernfortschritte. Für Entscheider in Schulen, Kommunen und Kultusverwaltungen bedeutet das vor allem eines: Digitale Programme müssen messbar mit dem Erwerb von Lesekompetenz, mathematischem Grundverständnis und naturwissenschaftlicher Grundbildung verknüpft werden – sonst bleibt KI-Nutzung ein zusätzlicher Aktivitätsfaktor, aber kein Lernhebel.

Der Umbruch, den die PISA-Daten nahelegen, ist damit weniger ein „Technologieproblem“ als ein Umsetzungsproblem. Dass KI-Chatbots bereits wöchentlich bei der Hälfte der Schülerinnen und Schüler genutzt werden, zeigt, wie schnell digitale Werkzeuge in den Alltag geraten. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Unterricht damit Kompetenzen aufbaut oder sie eher überlagert. Wenn Schulen Standards für die Interpretation von KI-Ausgaben, klare Ziele für Basiskompetenzen und wirksame Förderformate zusammenbringen, kann Digitalisierung tatsächlich vom Rand in den Kern des Lernens rücken. Ohne diese Verknüpfung bleiben die historischen Tiefststände ein Warnsignal, das sich in der nächsten Erhebungsrunde rasch fortschreiben könnte.


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