CHARLEROI / LONDON (IT BOLTWISE) – Das belgische Startup Aerospacelab erhält im Rahmen von Iris2 einen Auftrag im Volumen von 2,4 Mrd. Euro. Dabei darf es 264 Satelliten für den niedrigen Erdorbit bauen und sich damit einen Großteil der Fertigungskapazität sichern. Die EU will dafür bis 2029 ein eigenes Kommunikationsnetz aus insgesamt 348 Satelliten in den Orbit bringen. Aerospacelab plant parallel den Ausbau seiner Fabrik in Charleroi, um künftig bis zu 500 Satelliten pro Jahr zu fertigen.

Iris2-Auftrag für Aerospacelab: 264 Satelliten für 2,4 Mrd. Euro
Iris2-Auftrag für Aerospacelab: 264 Satelliten für 2,4 Mrd. Euro (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Iris2-Auftrag für Aerospacelab zeigt sehr deutlich, wie sich die Raumfahrtindustrie in Europa von reinen Forschungsprojekten hin zu rollierenden Industrieprogrammen bewegt. Laut Unternehmensangaben umfasst der Auftrag den Bau von 264 Satelliten im Wert von 2,4 Mrd. Euro. Damit bekommt ein 2018 gegründetes Startup nicht nur Einzelkomponenten, sondern den „Löwenanteil“ der Fertigung für genau den Orbitalbereich, den die EU für die Leistungsfähigkeit des Kommunikationssystems besonders stark gewichtet: den niedrigen Erdorbit, also Umlaufbahnen in bis zu 2.000 Kilometern Höhe.

Technisch betrachtet ist das Timing entscheidend, weil Iris2 parallel verschiedene Orbitalsegmente kombiniert. Ab 2029 sollen insgesamt 348 Kommunikationssatelliten in den Orbit gebracht werden, wovon 18 Stück im mittleren Erdorbit (MEO) in bis zu 36.000 Kilometern Höhe platziert werden. Die Fertigung dieser MEO-Satelliten übernimmt der Bremer Raumfahrtkonzern OHB für knapp 1 Mrd. Euro. Die übrigen 330 Satelliten sollen im niedrigen Erdorbit kreisen – und genau dort positioniert sich Aerospacelab mit den jetzt freigegebenen 264 Einheiten als zentraler Industriepartner. Die Aufteilung macht damit auch organisatorisch Sinn: unterschiedliche Bahnhöhen verlangen unterschiedliche System- und Betriebsprofile, während die LEO-Fertigung typischerweise eine stark standardisierte Serienproduktion begünstigt.

Die wirtschaftliche Logik dahinter ist eng mit dem politischen Ziel verknüpft, unabhängiger von ausländischen Anbietern wie einem globalen Mega-Constellation-Player zu werden. Iris2 soll ein eigenes Netz aus Satelliten aufbauen und damit eine Alternative für Kommunikationsdienste schaffen, die bislang stark durch externe Kapazitäten geprägt waren. Im Projekt selbst ist Aerospacelab zudem nicht allein: Die Auswahl als industrieller Zulieferer erfolgte gemeinsam mit OHB sowie weiteren großen Raumfahrtunternehmen, genannt werden Airbus Defence and Space sowie Thales Alenia Space. Für den Bau und Betrieb nennt die Quelle das „SpaceRISE-Konsortium“, bestehend aus den drei Satellitenbetreibern SES, Eutelsat und Hispasat. Dass diese Betreiber auch selbst einen Teil der Kosten tragen, unterstreicht den öffentlich-privaten Charakter des Vorhabens und reduziert das Risiko, dass die Finanzierung nur auf staatliche Budgets gestützt werden muss.

In der Praxis entscheidet sich der Erfolg solcher Programme aber oft an der Lieferfähigkeit – und genau da setzt Aerospacelab mit Kapazitätsausbau an. Das Unternehmen sitzt im belgischen Mont-Saint-Guibert und hat bislang nach eigenen Angaben mehr als 150 Mill. Euro bei Investoren eingesammelt; aus der jüngsten Finanzierungsrunde (Series B) kamen 94 Mill. Euro im August 2025 zusammen. Zu den Geldgebern gehören unter anderem XAnge und Airbus Ventures. Parallel entsteht in Charleroi eine Fabrik, die künftig bis zu 500 Satelliten pro Jahr fertigen soll und noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen soll. Für das aktuelle Fertigungsfenster bedeutet das: Wenn ein Großauftrag bereits für 264 Satelliten feststeht, muss der „Ramp-up“ der Produktion so getaktet werden, dass Tests, Integration und Verifikation nicht zum Engpass werden. In dieser Phase wird die Qualitätssicherung besonders wichtig, weil bei Serienfertigung eine kleine Abweichung im Bauteil oder im Prozess schnell systemische Auswirkungen auf die gesamte Konstellation hätte.

Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie sich europäische Raumfahrtwertschöpfung zwischen Systemhäusern und spezialisierten Serienfertigern aufteilt. OHB ist für den MEO-Teil verantwortlich, während Aerospacelab bei den LEO-Einheiten in den Mittelpunkt rückt. Diese Spezialisierung ist nicht nur organisatorisch, sondern auch technologisch relevant: MEO-Satelliten und LEO-Satelliten werden in der Regel mit unterschiedlichen Lebensdauerprofilen, Betriebsfenstern und Kommunikationsgeometrien ausgelegt. Gleichzeitig kann die LEO-Serienfertigung – gerade wenn ein Startup dafür in kurzer Zeit skalieren muss – zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden, weil Lernkurven in Produktionsprozessen und Prüfroutinen bei höheren Stückzahlen besonders stark wirken. Für die europäische Industriepolitik ist das eine Chance, aber auch eine harte Prüfung: Die Fertigung muss nicht nur in der Theorie geplant, sondern in der Realität termintreu geliefert werden.

Für Unternehmen und Investoren ist Iris2 außerdem ein Signal, dass „New Space“ in Europa mehr als Zuliefererrolle erhält. Aerospacelab beschreibt den Auftrag als bewusste industrielle Entscheidung; der CEO Benoît Deper wird mit der Aussage zitiert, dass Institutionen nun Vertrauen in eine neue Generation von Raumfahrtunternehmen setzen. Unabhängig von der Tonalität der Formulierung bleibt die Kernaussage belastbar: Ein Auftrag über 2,4 Mrd. Euro ist ein klarer Hebel, der den nächsten Entwicklungsschritt ermöglicht – von der Prototyp-Phase in Richtung stabiler Großserienproduktion. Gleichzeitig verschiebt sich das Augenmerk auf die operativen Details: Wer die Fabrikkapazitäten in Charleroi tatsächlich erreicht und welche Test- und Lieferketten-Risiken das Programm während der Serienmontage abfängt, wird darüber entscheiden, ob Iris2 im Zielkorridor ab 2029 wirklich an den Start geht.


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