LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem Liquid-Network-Hack wechseln die Angreifer von PGP-verschlüsselten Verhandlungen zu öffentlich lesbaren, plaintext Nachrichten. Sie werfen Blockstream Sicherheitsmängel vor, halten noch 598,5 BTC zurück und verlangen eine Bounty von 10 %, finanziert aus dem eigenen Blockstream-Geld. Blockstream antwortet weiter mit verschlüsselten, PGP-signierten Notizen und warnt zugleich vor Betrugsmaschen. Parallel arbeitet Liquid an der Wiederaufnahme des Netzbetriebs mit einem Notfall-Release und eingefrorenen Peg-Operationen.

Der Streit um den Liquid-Network-Hack vom vergangenen Wochenende eskaliert von der vertraulichen Hinterzimmerrunde zur öffentlichen Bühne. In mehreren Bitcoin-Transaktionen hatten die mutmaßlichen Angreifer zunächst per PGP verschlüsselte OP_RETURN-Hinweise geschickt und so weiterführende Gespräche mit Blockstream angestoßen. Jetzt wechseln sie auf Klartext-Kommunikation und koppeln Forderungen direkt an die noch vorhandenen Mittel aus dem Abfluss: Laut dem veröffentlichten Material halten sie aktuell 598,5 BTC zurück und verlangen eine Bounty von 10 % als „bug bounty“ – und zwar aus dem Geld des betroffenen Unternehmens.
Technisch setzt die ganze Auseinandersetzung an einer Schwäche im Elements-Node-Softwarestack an. Der Kernfehler ermöglichte es, am Sonntag nicht vollständig gedeckte L-BTC zu „minten“ und anschließend über SideSwap auszuzahlen. Liquid ist dabei als Sidechain eng an Bitcoin gekoppelt, aber nicht identisch: Die Backing-Mechanik läuft über eine Föderation von Mitgliedern, die reale Bitcoin in einem 11-of-15-Multisig-Setup verwaltet, das den Peg der Sidechain absichert. Wichtig ist die in den Diskussionen betonte Trennung: Die Föderationsschlüssel seien nicht entwendet worden. Stattdessen behandelten verwundbare Node-Instanzen die gefälschten Coins als gültig, woraufhin die Signierer aus dem 11-of-15-Wallet echte Bitcoin freigaben.
In den Verhandlungen zeigt sich, wie knapp der nächste Schritt werden kann, wenn ein Exploit bereits umgesetzt ist. Zunächst gingen laut Bericht große Teile der Beute wieder zurück: Nachdem „Bridge“-Nodes gepatcht wurden, überwiesen die Angreifer 3.400 BTC an die Liquid-Föderation. Zurück behielten sie 598,5 BTC aus der Anfangstransaktion, die die Liquid-Reserven nahezu vollständig entleert hatte. Die Angreifer hatten sich außerdem als „white hats“ bezeichnet und die weiteren Schritte mit On-Chain-Nachrichten über die Blockchain selbst untermauert. Der Übergang zu plaintext Nachrichten wurde dabei sogar symbolisch markiert; später machten sie neue Regeln explizit, darunter die Forderung, künftig ausschließlich Klartext zu senden.
Der Ton gegenüber Blockstream wird dabei deutlich schärfer. Die ultimative Botschaft beschreibt die Sicherheitslage als grob vernachlässigt und argumentiert mit einem Missverhältnis zwischen angeblich allokierten Mitteln und dem Volumen der verwalteten Assets: Für die verbleibenden 598,5 BTC fordern sie 10 % aus dem eigenen Geld des Unternehmens, gekoppelt an eine Drohung, dass sich ein Teil ihrer ausstehenden Forderung als Verlust für Nutzer niederschlagen würde. Gleichzeitig kündigen sie an, die zuvor verschlüsselte Kommunikation nachträglich entschlüsseln zu wollen. Blockstream beantwortet das weiterhin mit verschlüsselten, PGP-signierten Notizen und ergänzt eine klare Sicherheitswarnung: Man werde weder Recovery-Phrasen oder PINs verlangen, noch Nutzer zu Geldtransfers auffordern oder Links zu Software-Updates schicken. Im Fokus stehen damit auch typische Social-Engineering-Versuche wie „claim L-BTC“-Seiten, Lookalike-Domains und „white-hat“-Kontaktaufnahmen außerhalb offizieller Kanäle.
Während die Angreifer die Aktion als „White-Hat“-Bugbounty rahmen, widersprechen Stimmen aus der Bitcoin-Community. Greg Sanders, Bitcoin-Core-Mitwirkender bei Spiral (Open-Source-Gruppe), bezeichnet das Vorgehen sinngemäß als Diebstahl-Versuch mit Forderung nach einem zweistelligen Anteil und wirft den Beteiligten dabei Heuchelei vor. Ledger-CTO Charles Guillemet nennt das Vorgehen ebenfalls „extortion“ und argumentiert, dass ein korrektes Vorgehen über die Sicherheitskommunikation hätte laufen müssen – also die Schwachstelle dem Team melden, Liquid im Zweifel pausieren, den Bug fixen und anschließend eine Bounty nach Ergebnis auszahlen. Shinobi, technischer und meinungsbildender Redakteur eines Pseudonyms, stellt wiederum die Logik hinter der Eskalation in den Mittelpunkt: Wer nicht alles zurückgibt, schließt aus seiner Sicht eine „saubere“ juristische und organisatorische Abwicklung zunehmend aus und bindet sich damit enger an öffentlich dokumentierte Vorwürfe. Entscheidend ist: All diese Einordnungen bleiben Aussagen der jeweiligen Personen; die rechtliche Bewertung hängt davon ab, wie die Verantwortlichkeiten am Ende nachweisbar geklärt werden.
Parallel zur Kommunikation arbeitet Liquid daran, die technische Grundlage wieder stabil zu bekommen. Die offiziellen Angaben zur Wiederherstellung nennen ein Notfall-Release der Elements-Software in Version 23.3.4, dazu aktualisierte Funktionary Nodes. Beim Patch geht es dabei um harte Änderungen an Cache-Schlüsseln, die mit „range proofs“ verknüpft sind – also genau jene Prüfklasse, die im Exploit-Kontext eine Rolle spielt. In der aktuellen Recovery-Strategie steht zudem ein zweistufiges Vorgehen im Vordergrund: Blockproduktion soll zunächst wieder starten, während Peg-Operationen weiter eingefroren bleiben. Danach sollen Transaktionen nur dann weiterlaufen, wenn sie anhand des verifizierten Netzwerkzustands als gültig bestätigt sind; erst wenn der Zustand rekonstruiert ist, sollen die Pegs wieder aktiviert werden, inklusive der Rückführung von Mitteln.
Auch SideSwap, dessen „peg-out desk“ den Abflussprozess verarbeitet hat, weist einen Teil der Schuld explizit zu. Laut Darstellung lag der ursprüngliche Bug in Elements, aber zwei Entscheidungen beim Betrieb des Peg-out-Dienstes hätten aus einer Schwachstelle im Sidechain-Kontext einen Verlust auf der Bitcoin-Mainchain gemacht. Genannt werden dabei unter anderem, dass die Peg-out-Authorization-Key-Logik online blieb und automatische Same-Block-Payouts ermöglichte, sowie fehlende Checks hinsichtlich Größe, Geschwindigkeit und Herkunft von Bestellungen. SideSwap gibt diese Verantwortung an und meldet außerdem, dass sie ihre 0,1 % Gebühr aus der Transaktion – ungefähr 4 BTC – an die Föderation zurückgeführt haben. Für die nächsten Tage ist weniger die „White-Hat“-Erzählung entscheidend als die Frage, wie schnell die verbleibende Infrastruktur im Zusammenspiel aus Nodes, Peg-Mechanik und Signierprozess wieder in den Normalbetrieb zurückgeführt wird und welche Prüfungen künftig fehlen dürfen.
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