MARYLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Am 11. September 1985 wurde die Raumsonde International Cometary Explorer (ICE) zum ersten Raumschiff, das an einem Kometen direkt vorbeiflog. Ursprünglich als International Sun-Earth Explorer-3 für die Erforschung des Sonnenwinds gestartet, lenkten NASA-Forschende die Mission später auf den Kometen 21P/Giacobini-Zinner um. ICE durchquerte dabei den Plasmaschwanz des Kometen und sammelte Daten, die viele Kometenmodelle stützten. Ein späterer Versuch, die Sonde 2014 wieder zu aktivieren, zeigt, wie langlebig Raumfahrthardware sein kann.

Am 11. September 1985 passierte ein Ereignis, das sich in die Annalen der Raumfahrt einbrennt: Die International Cometary Explorer-Raumsonde (ICE) wurde zum ersten Raumschiff, das einen Kometen im Vorbeiflug aus der Nähe untersuchte. Die Mission war dabei zunächst nicht als „Kometenprogramm“ gedacht, sondern als zusätzlicher Forschungsschub aus einer bestehenden Plattform. ICE war 1978 unter dem Namen International Sun-Earth Explorer-3 (ISEE-3) gestartet worden und Teil des International Sun-Earth Explorer-Programms, das in Zusammenarbeit mit mehreren europäischen Forschungseinrichtungen sowie NASA aufgebaut wurde. Der ursprüngliche Zweck: Raumwetter untersuchen, also die Wechselwirkung zwischen dem Magnetfeld der Erde und dem Sonnenwind.
Technisch betrachtet zeigt ICE sehr deutlich, wie flexibel sich eine Sonde nach Abschluss der Hauptaufgaben einsetzen lässt. Für die erste Phase flog ISEE-3 zum L1-Lagrangepunkt in rund 1,5 Millionen Kilometern Entfernung zur Erde auf der sonnenzugewandten Seite. Dort konnte sie über drei Jahre Daten zu energiereichen Teilchen, elektrischen und magnetischen Feldern sowie dem Plasmaumfeld sammeln. Das Raumschiff trug dafür 14 Instrumente, darunter Sensoren für den Sonnenwind sowie Messausrüstung für kosmische Strahlung, X-Strahlung und Gamma-Strahlung. Dass ISEE-3 dabei bereits als erstes Raumschiff überhaupt einen Lagrangepunkt umkreiste, machte es zugleich zu einer Art Testbett für Präzision im Bahnbetrieb.
Erst als die Kernmission beendet war, begann die Umwidmung, die am 11. September 1985 ihren spektakulären Höhepunkt fand. Die Mission wurde so geplant, dass die Sonde durch den magnetischen Schweif der Erde flog – auch das war eine besondere Fluggeometrie. Ab 1982 arbeitete ICE anschließend mit mehreren Kurskorrekturen: Das Raumschiff nutzte Triebwerke und absolvierte fünf Mondvorbeiflüge, um die Bahn in Richtung Komet 21P/Giacobini-Zinner auszurichten. In dieser Phase erhielt die Sonde auch ihren späteren Namen International Cometary Explorer, womit deutlich wurde, dass die wissenschaftliche Zielsetzung nun stärker auf die Kometenumgebung fokussierte.
Am Tag des ersten Kometen-Vorbeiflugs stand dann die Messung im Vordergrund. ICE flog innerhalb von 4.885 Meilen (7.862 km) an 21P heran und bestätigte dabei mehrere zuvor formulierte Vorstellungen über Kometen – etwa die Idee, dass sie „dirty snowballs“ aus dem Sonnensystem sind. Besonders aussagekräftig war, dass die Sonde nicht nur im „nahen Raum“ vorbeiging, sondern den Plasmaschwanz des Kometen direkt durchquerte. Ein solcher Durchflug liefert typischerweise eine dichte Abfolge von Messpunkten entlang der Flugbahn und damit ein Bild davon, wie sich Plasma und Magnetfelder im Umfeld des Kometen verhalten, während sich das Objekt relativ schnell aus dem Messbereich entfernt. Der Wert der Mission zeigt sich zudem daran, dass ICE danach noch einmal nachlegte: Sechs Monate später flog die Sonde auch an Halleys Komet vorbei.
Das technische Nachleben von ICE macht die Geschichte über die „Erstfahrt“ hinaus besonders interessant. Obwohl NASA das ICE/ISEE-3-Programm 1995 abschaltete, wurde 2014 erneut Interesse geweckt, als eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler die Sonde reaktivieren wollte. Zu diesem Zeitpunkt sollen noch fünf Instrumente operabel gewesen sein, und ein aktiver Transmitter ermöglichte weiterhin, die Sonde über die Distanz hinweg verfolgen zu können. Die Gruppe sammelte dabei 125.000 US-Dollar über Crowdfunding ein, setzte am 2. Juli 2014 die Triebwerke erfolgreich wieder ein, doch anschließende Versuche scheiterten. Danach flog ICE noch am Mond vorbei und blieb auf einer langen Umlaufbahn um die Sonne; laut NASA soll sie 2031 wieder in Erdnähe zurückkehren.
Am selben Datum, dem 11. September, aber ein anderes Jahr, verbindet sich in der Raumfahrt ein ganz anderer Blick auf „Geschichte aus dem All“. 2001 befand sich ISS-Kommandant Frank Culbertson mit zwei weiteren Besatzungsmitgliedern im Orbit; dabei war er der einzige Amerikaner in der Raumstation, der die Terrorangriffe vom 9/11 aus dem All wahrnahm. Culbertson, Kommandeur der Expedition 3, berichtete später: „I didn’t know exactly what was happening, but I knew it was really bad because there was a big cloud of debris covering Manhattan, That’s when it really became painful, because it was like seeing a wound in the side of your country, of your family, your friends.“ Die Perspektive aus dem Orbit verdeutlicht, wie Ereignisse auf der Erde auch dann sichtbar werden, wenn die Besatzung nicht in Echtzeit über Details informiert ist.
Für Technikverantwortliche und Raumfahrtteams ist an der ICE-Geschichte vor allem zweierlei relevant: Erstens, wie stark Missionen von Bahnmechanik, sauberen Kurskorrekturen und der Instrumentierungsstrategie abhängen – selbst nachdem die „ursprüngliche“ Aufgabe abgeschlossen ist. Zweitens, wie sich operative Restfähigkeit über Jahre oder Jahrzehnte verlängern kann, wenn Funktechnik und Energieressourcen nicht komplett ausfallen. Genau diese Mischung aus präziser Dynamik und technischer Restnutzung erklärt, warum ICE heute in zwei Kapiteln der Raumfahrtgeschichte auftaucht: als erster Kometen-Vorbeiflug und als Beispiel dafür, dass eine Sonde auch nach dem offiziellen Ende noch nicht automatisch „fertig“ ist.
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