LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Anthropic nutzt ein mutmaßlich von einem russischen Staat gesponserter Bedrohungsakteur eine KI-gestützte Arbeitskette, um Malware nach Entdeckung automatisch neu zu bauen und wiederzuverteilen. Das Ziel ist, dass statische Signaturen und bekannte Erkennungsregeln weniger zuverlässig greifen. Anthropic beschreibt außerdem eine KI-gestützte Überwachung der Erkennungsleistung sowie Automatisierung bei Domain-Registrierung, Infrastrukturaufbau und Command-and-Control-Operationen. Besonders betroffen seien laut Bericht mehrere Einrichtungen in Ukraine und Europa, darunter Regierungs-, Diplomatie- und Verteidigungsstrukturen.

Der Angriff wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Fall von Malware-Entwicklung – aber die entscheidende Verschiebung liegt in der Geschwindigkeit, mit der Anpassungen nach einer Entdeckung passieren können. Anthropic hat am Donnerstag eine Kampagne beschrieben, die einen Bedrohungsakteur betrifft, der offenbar Künstliche Intelligenz aus dem eigenen Prozess heraus genutzt hat, um eine „AI-assisted workflow“ für den Umgang mit Erkennungen zu etablieren. Konkret geht es dabei nicht nur um das Schreiben oder Optimieren von Code, sondern um einen geschlossenen Kreislauf aus Deployen, Monitoring durch KI und anschließender Rekonstruktion, sobald Sicherheitsprodukte Artefakte erkennen.
Im Zentrum steht dabei eine von Anthropic benannte Cluster-Bezeichnung: GTG-20006 („Generative Threat Group“). Dieser Cluster wurde zudem in größeren Zusammenhängen mit Midnight Blizzard in Verbindung gebracht, das auch als APT29 bzw. Cozy Bear bekannt ist. Laut Anthropic habe der Akteur einen AI-driven Prozess entwickelt, der „automatisch“ Toolkit-Komponenten neu aufbaut und anschließend wieder ausrollt, wenn Signaturen oder statische Erkennungsmethoden anschlagen. Für Defender bedeutet das: Statt nur einmal eine IOC-/Signatur-basierte Sperre zu testen, müssen Teams damit rechnen, dass der Angreifer sein Material nach einer Reaktion schnell genug iteriert, sodass statische Detektionen an Wirkung verlieren.
Technisch lässt sich der beschriebene Ansatz als Erweiterung klassischer „Build-and-Replace“-Konzepte lesen, nur eben mit KI-Assistenz. Anthropic beschreibt, dass Monitoring-Agents die Erkennungsresultate aus Sicht bekannter Sicherheitsprodukte auswerten und daraufhin eine autonom ablaufende Modifikations- und Rebuild-Phase starten. Sobald die Artefakte nicht mehr zuverlässig detektiert werden, werden sie laut Bericht auf „disposable hosting servers“ abgelegt und Opfer per Umleitung auf diese Server gebracht, um die Malware über Phishing-Ketten oder weitere Social- und Manipulationstechniken nachzuladen. Dazu gehören im Bericht ausdrücklich ClickFix-artige Lures sowie DNS-Hijacking-Schemata, die nicht nur den initialen Zugriff erleichtern, sondern auch die spätere Payload-Zustellung.
Besonders eindrucksvoll wird der Bericht, wenn er konkrete Zielbereiche und Schadenspfade verknüpft. Über mehr als 20 Organisationen soll Anthropic zufolge im Rahmen von Reconnaissance und Live-Operationen hinweg systematisch hinweggegriffen worden sein, darunter Regierungsministerien, Verteidigungs- und Nachrichtendienste, Botschaften sowie diplomatische Missionen, Thinktanks und Unternehmen aus dem Verteidigungsumfeld – vor allem in Ukraine und Europa. Die Kampagne soll außerdem in den Nahen Osten ausgeweitet worden sein und maritime Behörden in Asien umfasst haben. Das Muster ergänzt sich zudem mit Hinweisen auf Überschneidungen zu einer weiteren Aktivität („CaptiveCrunch“), die in jüngerer Zeit ebenfalls durch mehrere Sicherheitsanbieter dokumentiert worden sein soll, sodass es nicht wie eine einmalige Aktion wirkt, sondern eher wie ein orchestriertes Portfolio aus Zugriffswegen.
Auch die operativen Delivery-Details zielen auf Breite und Flexibilität: Anthropic beschreibt beispielsweise, dass der Angreifer mindestens drei Hospitality-Provider kompromittiert haben soll, die Hotelgäste-WLAN bereitstellen. Nach diesen Angaben nutzte der Akteur kompromittierte Admin-Zugangsdaten, um DNS-Einträge umzuschreiben und auf eigene Dienste zu zeigen. Gäste, die sich mit dem manipulierten WLAN verbanden, hätten dem Bericht zufolge Traffic, Gerätekennungen und IP-Adressen an Server des Angreifers gesendet bekommen. In der Folge seien ClickFix-ähnliche Köder eingesetzt worden, um unterschiedliche Schadsoftware für verschiedene Plattformen bereitzustellen: für Windows u. a. PowerChrome, WUEngine, Shadow C2, MiniPlasma und CloudSyncSvc; für Android GiftDrop sowie eine rebrandete Variante namens GiftsExpress; für iOS DarkSword. Ergänzend soll der Akteur gestohlene Daten aus Hotelmanagement-Systemen und von einzelnen Geräten ausgewertet haben, um weitere Zielpersonen zu identifizieren – etwa Personen mit Bezug zu Ukraine, darunter Regierungskontakte und Hersteller von Drohnen.
Für den Markt und die Security-Industrie liegt die eigentliche Folgefrage weniger in der Frage „welche Familie von Malware“, sondern in der Frage, wie gut sich Abwehrstrategien gegen KI-betriebene Anpassungsketten wappnen lassen. Wenn der Angreifer nach Entdeckung automatisch neu baut, verschiebt sich das Kostenverhältnis („AI has inverted the cost back onto defenders“), weil Verteidiger nicht nur eine einzige Erkennung entwickeln, sondern laufend nachziehen müssen. Anthropic beschreibt zudem weitere KI-gestützte Schritte wie das Registrieren von Domains, das Vorbereiten der Hosting-Infrastruktur für Phishing, das Ausliefern der Nachrichten und das Monitoring der Command-and-Control-Kanäle auf erfolgreiche Kompromittierung. Daneben werden im Bericht auch Mechanismen genannt, mit denen Kontenübernahmen vorbereitet werden sollen, etwa das Ausnutzen von Authorization-Lücken in Kamera-Streaming-Interfaces, um Nutzer zu enumerieren und Token abzugreifen, die Zugriff auf Live-Streams ermöglichen.
Am Ende bleiben gleich mehrere Handlungsimplikationen für Unternehmen: Erstens müssen Security-Teams weniger auf statische Detektionen als „einmalige Antwort“ setzen und stärker auf mehrschichtige Strategien ausverlagern, die auch bei wiederholtem Rebuild funktionieren. Zweitens wird das Monitoring von Infrastrukturindikatoren wichtiger, weil der Bericht zeigt, dass Domain- und Hosting-Aspekte nicht nur „Nebenrolle“ spielen, sondern integraler Bestandteil der KI-gestützten Prozesskette sind. Drittens rückt der Schutz von Identitäten und Session-Zugriffen in den Vordergrund, weil im Bericht unter anderem Token-Diebstahl im Microsoft-Ökosystem sowie die Manipulation von DNS und Konten als wiederkehrende Bausteine auftauchen. Für die Praxis heißt das: Wer nur auf Signaturen und Einmal-Blocklisten setzt, läuft Gefahr, den Angriffstaktik-Wechsel zu spät zu sehen – und genau diesen Effekt beschreibt Anthropic als Kostenverschiebung zugunsten des Angreifers.
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