V&A / LONDON (IT BOLTWISE) – Das V&A zeigt im Rahmen des London Design Festival „Craft x Tech“ und bringt Kunsthandwerker aus Japans Tokai-Region mit internationalen Designern zusammen. Die Ausstellung macht sichtbar, wie traditionelle Techniken nicht als Museumskopie, sondern als Ausgangspunkt für zeitgenössische Formsprachen funktionieren. Statt auf „die berühmtesten“ Handwerke zu setzen, wählen die Kuratoren bewusst Verfahren mit offenem Entwicklungspotenzial. Damit entsteht ein Spannungsfeld aus Präzision, Materialverhalten und neuem Designprozess.

Craft x Tech in London: Japanische Handwerkskunst trifft Design auf neue Weise
Craft x Tech in London: Japanische Handwerkskunst trifft Design auf neue Weise (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in London nach der nächsten großen Designgeschichte sucht, landet bei „Craft x Tech“ im V&A auf einer besonders spannenden Schnittstelle: Ausgerechnet dort, wo viele Ausstellungen Handwerk als stilistische Kulisse behandeln, rückt das Projekt die Technik selbst in den Mittelpunkt. Die diesjährige Ausgabe verknüpft Handwerkswissen aus der japanischen Tokai-Region mit internationalen Designerinnen und Designern. Start war bereits 2024, doch der aktuelle Fokus auf Tokai zeigt, dass die Kuratierung den Schwerpunkt bewusst weiter schärft statt die Idee nur zu wiederholen.

Technisch betrachtet beginnt das Experiment nicht mit „KI-Optimierung“ oder einer digitalen Überformung, sondern mit einer Frage nach Übertragbarkeit: Welche Bausteine traditioneller Fertigung lassen sich so adaptieren, dass etwas Eigenständiges entsteht? Die Projektidee setzt laut den Beteiligten genau hier an und sucht nach Verfahren, die noch nicht vollständig ausgeschöpft sind. Das ist mehr als eine romantische Verneigung vor dem Ursprung; es bedeutet, dass Designer und Handwerker nicht einfach ein fertiges Produktdesign auf eine existierende Technik „aufsetzen“, sondern eine gemeinsame Anschlussstelle finden müssen, an der der Transfer als Prozess stattfindet.

Der Ansatz zeigt sich in den konkret gewählten Pairings. So arbeitet der Industrial Designer David Caon im Ausstellungskontext mit Yohei Ito aus der Keramikszene, darunter mit Bezug zum Keramiklabel Fudogama. Caon entwickelte den Grundentwurf für die modulare Keramik-Konsole und Leuchte „Fushi“, anschließend wurde das Konzept durch Ito weitergeführt. Entscheidend ist dabei weniger die formale Ähnlichkeit als die Materiallogik: Oribe-Glasuren reagieren nicht linear, sondern „spielen“ ihre Eigenheiten aus. Dadurch werden die einzelnen Module, die am Ende als identische Bauteile gedacht sind, auf der Oberfläche visuell unterschiedlich, weil die Glasur ihr Verhalten erst im tatsächlichen Prozess zeigt.

Auch die Lichtobjekte von Bethan Laura Wood lassen das Zusammenspiel von Handwerksregel und Gestaltungsentscheidung greifbar werden. Ihre „Kataginu“-Light-Kollektion knüpft an Shibori an, genauer an ein Färbeverfahren, das Muster aus Bindung, Faltung und Manipulation herausarbeitet. Die Formen der Lampenschirme greifen dabei nicht nur die Idee des kataginuischen Kleidungsstücks auf, einer traditionellen japanischen ärmellosen Weste, sondern spiegeln auch visuelle Motive wie Regenketten, Tempeldächer und gefaltete Masken. In der Herstellung entsteht das Muster direkt aus der dreidimensionalen Faltung: Die Prozesskette vom gefalteten Aufbau über den gefärbten Verlauf bis zur finalen Geometrie ist in der Kollektion Teil des Designs, nicht nachträglich erklärte Ästhetik.

Für Wood ist dabei die Unvorhersehbarkeit der Farbübergänge zentral. Wenn zwei Farbstoffe miteinander reagieren, entstehen Übergänge, die sich nicht vollständig planen lassen. Genau dieses „lebendige“ Verhalten wird als gestalterische Eigenschaft genutzt, weil es die Wirkung von Bindung und Bewegung im Arbeitsprozess sichtbar macht. Gleichzeitig geht es um Kontinuität mit bestehender Textilkompetenz: Hinweise auf frühere Suzusan-Designs fließen ein, und Wood beschreibt, dass sie die textilen und maßgefertigten Lichtkomponenten zusammen weiterentwickeln wollte. Im Ergebnis entsteht eine Familie von Lampen, in der Elemente des Faltens, Steppens und Bindens bewusst erhalten bleiben, obwohl solche Bestandteile in anderen Kontexten oft wieder herausgelöst werden.

Philippe Malouin wiederum setzt bei seinem „Kasane“-Design auf die Idee, traditionelle Marken-Sprache zu respektieren, aber nicht zu kopieren. Gemeinsam mit Shigeyuki Ando aus der Aichi-Präfekturmarke Ando Cloisonné entsteht ein funktionales Boxen-Set, das gestapelt als skulpturaler Totem wirkt. Die Prozessbedingungen wirken dabei zurück auf die Gestaltung: Malouin entschied sich für kleinere Einheiten als ursprünglich geplant, weil die Rahmenbedingungen des Brennofens die Größenordnung beeinflussen. Um die Oberflächenästhetik zu treffen, arbeitet Malouin mit einem intuitiven Markieren: Papier wird um großformatige Modelle gewickelt, frei und mit großen Stiften werden Spuren gesetzt. Diese Entwurfsmarken müssen dann in die hochpräzise Cloisonné-Technik übersetzt werden.

Damit macht „Craft x Tech“ in Summe etwas sichtbar, das in der Produktwelt oft untergeht: Handwerk ist nicht nur das Ergebnis eines Prozesses, sondern auch ein System von Randbedingungen, die Kreativität erzwingen. Dass die Kuratoren laut den Aussagen der Projektleitung bewusst nicht „die berühmtesten“ Handwerke wählen, sondern Techniken mit noch nicht vollständig erkundeten Möglichkeiten, wirkt wie ein Leitprinzip für die Ausstellung insgesamt. Die Laufzeit von 12. bis 30. September im V&A macht das Projekt zudem in zeitlicher Nähe zum London Design Festival zu einem Experimentierfeld, in dem internationale Designer nicht nur konsumieren, sondern kooperieren und ihre Entwürfe am realen Materialverhalten ausrichten.


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