LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung des DAK-Präventionsradars zeigt, dass fast die Hälfte der Schüler (5 bis 10. Klasse) über Schlafstörungen klagt. Gleichzeitig fühlen sich 69 Prozent mindestens einmal pro Woche regelmäßig erschöpft. Die Ergebnisse werden mit den besonders schlechten Pisa-Resultaten 2025 in Verbindung gebracht, bei denen Deutschland in den Kernfächern so schlecht abschnitt wie nie zuvor. Als möglicher Treiber wird unter anderem ein intensiver Konsum digitaler Medien am Abend diskutiert.

Die Zahlen wirken wie ein Warnsignal an einer Stelle, die im Schulalltag oft nur am Rand vorkommt: der Nachtschlaf. Laut DAK-Präventionsradar klagen fast die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen fünf bis zehn über Schlafstörungen. Noch deutlicher fällt die Erschöpfung aus: 69 Prozent geben an, sich mindestens einmal pro Woche regelmäßig erschöpft zu fühlen. Besonders aufhorchen lässt zudem die subjektive Perspektive auf die eigene Zukunft: Nur 57 Prozent sehen diese positiv, 49 Prozent berichten von einem verminderten Wohlbefinden. Zusammen zeichnet das ein Bild von zunehmender Belastung, das nicht nur einzelne Schulen oder Regionen betrifft, sondern in der Breite der Erhebung sichtbar wird.
Für das Präventionsradar lässt die Krankenkasse DAK seit 2016 regelmäßig untersuchen, wie sich die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen entwickelt. Im Schuljahr 2025/2026 nahmen rund 30.000 Schülerinnen und Schüler an 141 allgemeinbildenden weiterführenden Schulen in 15 Bundesländern teil; alle Länder waren vertreten, außer dem Saarland. Inhaltlich stehen dabei keine medizinischen Diagnosen im Vordergrund, sondern die Selbstauskunft der Jugendlichen zu Befinden, Schlaf und Alltagsbelastungen. Dadurch sind die Ergebnisse zwar nicht als klinische Studie zu lesen, sie erlauben aber eine belastbare Trendbeobachtung über mehrere Jahrgänge hinweg – und genau darauf zielt der Vergleich mit früheren Erhebungen.
Im Zeitverlauf wird die Entwicklung besonders deutlich. Beim Thema Schlafstörungen berichten 2019/2020 noch 36 Prozent von entsprechenden Problemen; im vergangenen Schuljahr waren es bereits 46 Prozent. Noch stärker ist der Sprung bei Erschöpfung: Vor drei Jahren lag der Anteil bei 52 Prozent, inzwischen bei 69 Prozent. Die DAK interpretiert dies als anhaltende Verschlechterung der Rahmenbedingungen für Lernen und Entwicklung. Der Vorstand Andreas Storm verknüpft diese Beobachtungen explizit mit der Frage, wie die gesundheitliche Ausgangslage den Bildungserfolg beeinflusst: Wer früh unter Müdigkeit und Schlafproblemen leidet und keine Strategien zum Umgang mit Belastungen kennt, hat laut DAK deutlich schlechtere Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen.
Damit rückt auch eine zweite Baustelle in den Fokus: die digitale Tagesstruktur. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, nennt als möglichen Erklärungsfaktor eine starke Nutzung digitaler Medien am Abend. Die Annahme dahinter ist alltagsnah: Wer bis spät in den Abend soziale Medien nutzt oder sich durch algorithmisch gesteuerte, oft aufwühlende Videoinhalte weiter in die Nacht „mitnehmen“ lässt, kommt möglicherweise schlechter zur Ruhe. In der Folge sinken Schlafdauer und Schlafqualität, was tagsüber wiederum Aufmerksamkeit und Wohlbefinden beeinträchtigen kann – mit unmittelbaren Effekten auf Motivation und Lernleistung.
Die Einordnung wird noch brisanter durch den Kontext der Pisa-Studie 2025. In dieser internationalen Vergleichsstudie schnitten 15-jährige Schülerinnen und Schüler in Deutschland so schlecht ab wie zuvor nicht; getestet wurden rund 6.700 Jugendliche in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Auch wenn ein einzelnes Messinstrument selten die Ursachenfrage vollständig beantwortet, verstärkt sich der Eindruck, dass Gesundheit und Bildung eng zusammenspielen. Die Bundesschülerkonferenz verweist in diesem Zusammenhang auf Belastungsfaktoren wie Leistungsdruck, Mobbing, Social-Media-Nutzung und mangelndes Wohlbefinden in der Schule. Für DAK und viele Bildungsexperten ergibt sich daraus eine klare Lesart: Die Lernbedingungen beginnen nicht erst im Klassenzimmer, sondern bereits in den nächtlichen Regenerationsphasen.
Aus technischer Sicht lässt sich das Problem als Kette interpretieren, in der sich biologische Rhythmen, Verhalten und schulische Anforderungen überlagern. Wenn Schlafstörungen häufig sind und Erschöpfung regelmäßig auftritt, leidet häufig die Konzentrationsfähigkeit – und damit die Grundvoraussetzung, um Inhalte überhaupt nachhaltig aufzunehmen. Genau deshalb lohnt es sich, Gesundheit nicht als „Zusatzthema“ zu behandeln, sondern als Teil der Lernarchitektur. Praktisch heißt das: Schulen können Gesundheitskompetenz und Schlafhygiene stärker in Präventionsprogramme, Projektwochen oder Beratungsangebote integrieren. Eltern können zugleich mit festen Schlafenszeiten, klaren Regeln zur Handy-Nutzung und einer ruhigeren Lernumgebung Einfluss nehmen, ohne dass dafür ein neues „Programm“ erfunden werden muss.
Für die Bildungspolitik ergeben sich aus dem Zusammenspiel von DAK-Daten und Pisa-Umfeld zusätzliche Argumente, psychische Gesundheit und präventive Strukturen im Bildungssystem stärker zu verankern. Wenn fast die Hälfte Schlafprobleme meldet und mehr als zwei Drittel wöchentlich Erschöpfung spüren, deutet das auf eine strukturelle Überforderung im Schul- und Lebensalltag hin. Der Handlungsdruck richtet sich daher nicht nur an einzelne Lehrkräfte, sondern an das System: Schulsozialarbeit, Prävention und passende Unterstützungsangebote können dabei helfen, Belastungen früh zu erkennen und Kompetenzen für den Umgang damit aufzubauen. Das Ziel ist letztlich nicht, Noten zu „wegzuerklären“, sondern Lernfähigkeit verlässlich zu erhalten – durch bessere Bedingungen vor dem ersten Klingeln.
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