WILDAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Martina Klement leitet seit dem 18. März 2026 das Brandenburger Wirtschaftsministerium und setzt auf mehr Innovation in der Anwendung. Im Interview betont sie die Notwendigkeit, Startups, Mittelstand, Wissenschaft und privates Kapital enger zu vernetzen. Besonders wichtig sei außerdem, KI und die Energiewende so in Wertschöpfung zu übersetzen, dass neue Unternehmen und Arbeitsplätze entstehen. Für die Umsetzung will sie unter anderem die Verbindung der Akteursgruppen sichtbar machen – etwa im Kontext der FUSION in Wildau.

Mit Blick auf den technologischen und industriellen Wandel wirkt Brandenburg 2026 weniger wie ein Randgebiet als wie ein gezielt umgebauter Produktions- und Innovationsraum. Martina Klement führt seit dem 18. März 2026 das Brandenburger Wirtschaftsministerium und beschreibt die Lage als wirtschaftlich besser, als es mancher Eindruck aus der Außenperspektive vermittele: Zwischen 2015 und 2025 sei das reale BIP um 7,5 Prozent gestiegen, stärker als in Ostdeutschland insgesamt und nahe am Bundesniveau. Auch das Pro-Kopf-Einkommen soll sich in den vergangenen fünf Jahren um ein Viertel erhöht haben. Gleichzeitig läuft Brandenburg laut ihrer Einordnung gerade nicht „nebenbei“, sondern mitten in einer tiefgreifenden Transformation, in der Zukunftstechnologien, moderne Industrie, erneuerbare Energien und Forschung stärker ineinandergreifen müssen.
Die wirtschaftlichen Stärken ordnet Klement dabei nicht als einzelne Brancheninsel ein, sondern als Kombination aus Wissen, Raum und Können. Besonders ausgeprägt seien demnach der Automobilbereich, die Energie- und Ernährungswirtschaft sowie der Metall- und Maschinenbau. Aus dieser Basis sollen neue Wachstumsfelder wachsen: erneuerbare Energien, Elektromobilität, Luft- und Raumfahrt, Pharma und Biotech, Digitalisierung und auch KI. Im Kern geht es ihr darum, die vorhandene Dynamik weiter auszubauen und die beteiligten Kreise systematischer zu vernetzen. Brandenburg wird damit als eigenständiger Technologie- und Industriestandort verstanden – nicht als Verlängerung der Hauptstadtregion, sondern als Ort, an dem sich Forschungsergebnisse schneller in marktfähige Produkte und belastbare Geschäftsmodelle übersetzen sollen.
Der Knackpunkt liegt aus ihrer Sicht weniger in der Qualität der Ideen als in der Geschwindigkeit und in den Wachstumshebeln. „Forschung in marktfähige Produkte“ zu überführen, bedeutet in der Praxis, dass aus technischen Prototypen Unternehmen werden, die Marktrisiken tragen, Produktion hochfahren und in Vertrieb sowie Skalierung investieren. Dafür sieht Klement vor allem Bedarf beim Zugang zu Wachstumskapital. Mit dem Future Tech Fonds Brandenburg nennt sie einen konkreten Schritt, gleichzeitig bleibt die Fachkräftesicherung zentral: Innovation entstehe durch Menschen, folglich müsse das Land Talente gewinnen, ausbilden und auch halten. Gerade hier wirkt die Strategie wie ein technik- und industriepolitischer Dreiklang aus Kapital, Personal und Kooperation – denn ohne passende Teams und Finanzierung bleibt selbst die beste Pipeline aus Forschung und Transfer in der frühen Phase stecken.
Startups sollen dabei als „Motor“ der Erneuerung eine Rolle spielen, aber nicht isoliert, sondern in einem eng gekoppelten System aus Beratung, Finanzierung und Netzwerken. Klement verweist auf eine Gründungsoffensive sowie sechs Startup-Zentren als Infrastruktur, um Gründerinnen und Gründer näher an Wissenschaft und etablierten Unternehmen zu bringen. Entscheidender als einzelne Programme ist dabei die Frage, wie schnell aus Forschung heraus Ausgründungen gelingen und wie stark die Brücke zwischen Labor und Markt wirklich wird. In ihrer Darstellung braucht es dafür stärkere Kooperationen zwischen Forschung und Wirtschaft sowie bessere Unterstützung auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Das Ziel formuliert sie ausdrücklich als mehr erfolgreiche Unternehmen „Made in Brandenburg“ – eine Kennzahl, die in der Unternehmenspraxis oft erst über Folgeeffekte sichtbar wird: neue Produkte, neue Kunden, neue Arbeitsplätze und neue regionale Wertschöpfungsketten.
Auch die Energiewende ordnet Klement nicht als reines Energieprojekt ein, sondern als industrielle Strategie. Brandenburg habe große Potenziale bei Wind- und Solarenergie, bei Wasserstoff sowie bei Speichertechnologien. Der wirtschaftliche Hebel liege darin, nicht nur Strom oder Grundstoffe zu erzeugen, sondern daraus zusätzliche industrielle Wertschöpfung zu entwickeln – zum Beispiel bei Batterien, Wasserstoff, Speichern, Netzen und klimaneutraler Produktion. Dass sie die Transformation gleichzeitig als Herausforderung und als eine der größten wirtschaftlichen Chancen beschreibt, lässt sich technisch gut nachvollziehen: Wer Netzinfrastruktur, Speicher und industrielle Prozesse zusammen denkt, kann Technologiekompetenz in konkrete Lieferketten und Betriebsmodelle übersetzen. Genau an dieser Schnittstelle sitzt auch KI als Querschnittstechnologie, die sie besonders für Industrie, Produktion, Automatisierung und Energieeffizienz sieht – zugleich aber auch für Gesundheitswirtschaft, Verwaltung und Landwirtschaft. KI soll dabei als Werkzeug verstanden werden, das Produktivität, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit verbessert, statt als Selbstzweck.
Auf der Umsetzungsseite richtet sich der Blick zugleich auf den Mittelstand und auf die Unternehmensnachfolge. Klement beschreibt die KMU als Rückgrat der brandenburgischen Wirtschaft und macht deutlich, dass Innovation bereits heute strategisch werden muss – insbesondere entlang von Digitalisierung, Energieeffizienz und neuen Geschäftsmodellen. Kooperationen mit Startups werden als Ergänzung verstanden: Junge Unternehmen bringen neue Technologien und agile Arbeitsweisen, etablierte Unternehmen Erfahrung, Kunden und industrielle Kompetenz. Zusätzlich hebt sie die Nachfolge als Innovationschance hervor: Mehr als 47.000 Unternehmen in Brandenburg suchen aktuell eine Nachfolge. Wer diese Prozesse aktiv mit digitalen und unternehmerischen Impulsen begleitet, kann laut ihrer Logik neue Ideen und digitale Geschäftsmodelle in bestehende Strukturen übertragen. Gleichzeitig solle Brandenburg stärker von der Hauptstadtregion profitieren, ohne sich als „Umland“ zu definieren: Entscheidend sei, die eigenen Stärken – industrielle Kompetenz, Wissenschaft, Flächen, Infrastruktur und Lebensqualität – sichtbar und gemeinsam zu kommunizieren.
Spürbar ist die Logik hinter Klements Agenda auch in ihrem Ausblick auf 2030: Fortschritt soll sich bei Menschen und Unternehmen zeigen – in neuen Arbeitsplätzen, zusätzlicher Wertschöpfung und nachhaltigem Wachstum. Erfolg bedeutet für sie vor allem, dass mehr Innovationen aus Brandenburg auf den Markt kommen: wachsende Startups, mehr Ausgründungen aus Wissenschaft und Forschung sowie ein Mittelstand, der stärker von neuen Technologien profitiert. Genau diese „Connecting the dots“-Idee verbindet sie mit der FUSION in Wildau, bei der Gründerinnen und Gründer, etablierte Mittelständler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Investoren zusammenkommen sollen. Für die Praxis heißt das: Nicht nur Fördermittel oder Programme zählen, sondern die Qualität der Zusammenarbeit zwischen den Akteuren, die über Markt-Zugang, Transfer, Kapital und Umsetzungskompetenz entscheiden.
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