KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach mehreren Sabotageaktionen gegen das Stromnetz hat die Polizei die Ermittlungen und Fahndung nach einem mutmaßlichen Strom-Saboteur ausgeweitet. Im Großraum Wuppertal suchen Kräfte nach einer verdächtigen Person, die an einem Umspannwerk mit Rucksack gesehen worden sein soll. Zeitgleich prüft die Polizei mögliche Zusammenhänge zwischen Taten in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Darüber hinaus wurden in Sachsen weitere selbst hergestellte Abschussvorrichtungen im Umfeld von Hochspannungstrassen entdeckt.

Die Ermittlungen zur Sabotage am Stromnetz nehmen an Reichweite zu: Laut den Angaben der Kölner Polizei hat die Fahndung nach einem mutmaßlichen Täter nach einer Serie von Angriffen in mehreren Bundesländern Fahrt aufgenommen. Im Zentrum der aktuellen Suche steht ein größerer Einsatz zwischen Remscheid und Wuppertal, bei dem Kräfte nach einer verdächtigen Person mit Rucksack suchten, die an einem Umspannwerk im bergischen Remscheid gesehen worden sein soll. Während ein Hubschrauber über dem Gebiet zwischen Remscheid-Lüttringhausen und Wuppertal-Ronsdorf kreiste, blieb zunächst offen, ob es sich bei der gesichteten Person tatsächlich um den Gesuchten handelt. Dass dabei keine Details zur Lage kommuniziert wurden, begründet die Polizei mit dem Schutz der Fahndungsmaßnahmen.
Technisch betrachtet zielt das beschriebene Vorgehen auf einen kontrollierten Kurzschluss in der Hochspannungstechnik ab. In der Darstellung der Ermittlungsbehörden wird von selbstgebauten Vorrichtungen ausgegangen: Der Verdächtige soll versucht haben, mit Raketen einen dünnen Draht über Hochspannungsleitungen zu schießen und so den Kontakt zu erzeugen, der Schutzmechanismen auslösen kann. Solche Ereignisse lassen sich für das Netz zwar nicht völlig verhindern, aber sie werden normalerweise durch das Zusammenspiel von Schutzeinrichtungen wie Relais, Trennschaltern und Überwachungssystemen abgefangen. Dennoch zeigen die Fälle, dass die Folgen je nach Einschlagstelle und Anlagenkonfiguration sehr unterschiedlich ausfallen können: In Bergheim westlich von Köln wurden mehrere Blöcke eines Stromkraftwerks lahmgelegt, Berichte über Stromausfälle blieben aber aus. Bei Jänschwalde in Brandenburg soll ein Angriff auf das Stromnetz dagegen erfolgreich gewesen sein.
Die polizeiliche Einsatzlogik wirkt dabei auf zwei Ebenen: Erstens wird unmittelbar an den betroffenen Umspannwerken nach Spuren gesucht und die Anlage parallel mit dem Betreiber überprüft. Im Kreis Wesel fiel in der Nacht zum Montag ein aufgeschnittener Zaun an einem Umspannwerk auf; auch tagsüber wurden Spuren gesichert, während die Anlage derzeit mit dem Betreiber kontrolliert wird. Zweitens baut die Ermittlungsgruppe ein Bild über Muster und mögliche Standorte auf, indem sie umfangreiche Unterlagen aus dem Besitz des gesuchten 48-Jährigen auswertet. Dabei wird die Prüfung ausdrücklich auf mögliche weitere Tatorte im gesamten Bundesgebiet ausgedehnt. Die Polizei betont zudem die enge Abstimmung mit Behörden in anderen Bundesländern, weil Sabotage am Stromnetz nicht an Ländergrenzen gebunden ist und sich Ermittlungsansätze häufig nur im Verbund sauber zusammenführen lassen.
Für die Bewertung möglicher Tatzusammenhänge spielt neben der Beweislage auch die Kommunikation des mutmaßlichen Täters eine Rolle. Laut den Angaben der Behörden gibt es zu Taten in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen Bekennerbriefe, die dem gesuchten 48-Jährigen zugeordnet werden; außerdem werde wegen „der Art der Sprengvorrichtungen“ ein Zusammenhang zu den Fällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen geprüft. In Sachsen wurden nach den Ereignissen zudem weitere selbst hergestellte Abschussvorrichtungen in unmittelbarem Bereich von Hochspannungstrassen entdeckt; Spezialkräfte des Landeskriminalamtes hätten die Sprengvorrichtungen entschärft. Damit erhöhte sich die Zahl der in Sachsen aufgefundenen Vorrichtungen nach Behördenangaben auf 21. Auch wenn die technische Wirkungsweise im Detail offen bleibt, zeigt allein die Zahl der Funde, wie konsequent der Täter vermutlich vorgeplant hat, um mehrere Angriffspunkte über längere Zeiträume abdecken zu können.
Die Suche läuft parallel in verschiedenen Städten und mit unterschiedlichen Auslösern. In Remscheid-Wuppertal wurde eine Privatperson aktiv und meldete die verdächtige Person mit Rucksack an einem Umspannwerk; mehrere Stunden nach Einsatzbeginn blieb die Identifizierung aber zunächst unklar. In Wesel wiederum meldete eine Polizeistreife ein Loch in einem Zaun an der Umspannanlage, und der Einsatz wurde im weiteren Verlauf als Reaktion auf erhöhte Sensibilität gegenüber solchen Einrichtungen beschrieben. Dass solche Alarmierungen nicht nur durch Technik, sondern auch durch menschliche Beobachtung entstehen, ist gerade bei Anlagen mit weitläufigen Außenbereichen entscheidend: Ein kurzfristiger Hinweis kann darüber entscheiden, ob sich Spuren sichern lassen, bevor sie durch Wetter, Betrieb oder Folgeeingriffe zerstört werden.
Auch in weiteren Regionen wurden zusätzliche Vorfälle untersucht, wodurch die Ermittler ihr Lagebild laufend aktualisieren. So gab es im Umfeld des Hambacher Forsts im Rheinischen Braunkohlerevier nahe Köln am Sonntag einen Großeinsatz, nachdem der Camping-Lastwagen des Verdächtigen in der Nähe gefunden worden sein soll; Hinweise auf den Mann hätten sich dort aber zunächst nicht ergeben. In Berlin-Mitte kam es derweil zu einer Explosion in einem Umspannwerk; laut einem Sprecher des Betreibers fielen rund 90 Ampeln in der Hauptstadt aus. Ein Unternehmenssprecher deutete zunächst auf einen technischen Defekt als Ursache hin, und die Polizei bestätigte dies nach ersten Ermittlungen. Solche Fälle verdeutlichen, dass nicht jeder Vorfall automatisch Teil einer Sabotagekette ist, aber sie liefern Hinweise darauf, welche Systeme in Städten besonders empfindlich auf Störungen reagieren.
Im Hintergrund bleibt die Ermittlungsarbeit stark zeugen- und publikumsorientiert. Nach den Vorfällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen suchen die Behörden seit Samstag auch öffentlich mit zwei Fotos nach dem 48-Jährigen und hoffen auf Hinweise aus der Bevölkerung. In den Bekennerbriefen begründete der mutmaßliche Täter die Angriffe mit dem Kampf gegen fossile Energien; in den Texten heißt es sinngemäß, dass Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ein Verbrechen sei. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sagte dazu am Freitag: „Das Wissen, was offenbart wird in diesen Schreiben, das ist eindeutiges Täterwissen“. Außerdem werde „Klimaterrorismus“ als Einordnung eines Einzeltäters verwendet. Für Unternehmen und Betreiber von Energieinfrastruktur bedeutet das: Neben klassischen Sicherheitsmaßnahmen rückt das Zusammenspiel aus Detektion, schneller Reaktion und belastbarer Spurensicherung stärker in den Fokus, weil mehrere Ereignisse offenbar denselben Modus Operandi verfolgen. Die nächsten Tage werden daher entscheidend sein, um entweder die Identität des mutmaßlichen Täters zu bestätigen oder die Suche gezielt zu verengen – beides hat unmittelbare Auswirkungen darauf, wie sich Schutzkonzepte in betroffenen Regionen weiter anpassen.
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