LONDON (IT BOLTWISE) – Eine besonders kritische SAP-Sicherheitslücke (OVERPASS, CVE-2026-44756) ermöglicht laut Security Notes nicht authentifizierte Remote-Code-Ausführungen mit CVSS 10,0. Betroffen sind unter anderem S/4HANA, ECC sowie NetWeaver und der Web Dispatcher. Für rund 29.500 deutsche Unternehmen steigt damit der akute Handlungsdruck im Kontext von NIS2 und BSI-Aufsicht. Zusätzlich verschärfen gezielt ausgenutzte MikroTik-Router-Schwachstellen und chaotisches Zertifikatsmanagement das Risiko für längere Ausfälle und Folgekosten.

In vielen IT-Landschaften wirkt Cybersecurity inzwischen weniger wie ein einzelnes Projekt und mehr wie ein langsam auflaufender Rückstand. Die aktuelle Lagebeschreibung verbindet genau das: veraltete Server-Infrastruktur, lange Beschaffungszyklen und Schwachstellen in weit verbreiteter Unternehmenssoftware. Besonders brisant ist dabei die Kette aus technischen Mängeln und Zeitdruck, weil Patches häufig nicht nur getestet, sondern auch in produktive Umgebungen mit entsprechender Change-Logik eingespielt werden müssen. Wenn parallel Angreifer bereits vorhandene Einstiegspunkte automatisieren, kippt ein Wartungsfenster schnell in ein Sicherheitsereignis.
Im Zentrum der Warnung steht SAP. Das Unternehmen hat am 8. September 2026 insgesamt 22 Security Notes veröffentlicht und bewertet die Lücke „OVERPASS“ (CVE-2026-44756) mit dem höchstmöglichen CVSS-Wert von 10,0. Technisch handelt es sich laut Beschreibung um einen Stack-Buffer-Overflow im SAP-Kernel, der nicht authentifizierte Remote-Code-Ausführungen über mehrere Schnittstellen erlaubt – darunter Web, SAP GUI und RFC. Damit wird eine Angriffsfläche geöffnet, die nicht nur auf eine einzelne Anwendung beschränkt ist, sondern potenziell mehrere Kommunikationswege eines Unternehmens tangiert. Konkret werden S/4HANA, die Business Suite (ECC) sowie NetWeaver und der Web Dispatcher als betroffen genannt.
Für deutsche Unternehmen ist der Zeitfaktor nicht nur organisatorisch relevant, sondern auch regulatorisch. Rund 29.500 Betriebe fallen laut Eingrenzung unter die NIS2-Richtlinie beziehungsweise in den Bereich der BSI-Aufsicht. Bei Verstößen werden Bußgelder von bis zu 10 Millionen Euro oder 2 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes genannt. In der Praxis bedeutet das: Eine reine „Patch-Priorisierung nach Bauchgefühl“ reicht selten, weil Betreiber nachweisbar eine angemessene Sicherheitslage aufbauen und belegen müssen. Gerade bei ERP- und Integrationslandschaften, in denen SAP-Systeme mit weiteren Komponenten wie Schnittstellen, Gateways und Berechtigungsrollen verzahnt sind, wird die Auswirkungsanalyse zur Pflichtaufgabe – nicht zum Luxus.
Die Bedrohungslage endet zudem nicht bei der Unternehmenssoftware. Die US-Sicherheitsbehörde CISA hat am 10. September 2026 Schwachstellen in MikroTik-Routern (CVE-2026-67277 und CVE-2026-86060) in ihrem Katalog aktiv ausgenutzter Lücken aufgenommen. Davor hatte das CERT Polska von Übernahmen von Geräten über offene SSH-Zugänge berichtet, die seit dem 2. September 2026 beobachtet wurden; Schätzungen zufolge waren Anfang September mindestens 122.500 MikroTik-Geräte mit erreichbar gemachtem SSH-Dienst in Netzen auffindbar. Das ist ein klassisches Muster für „Aus dem Internet erreichbar, aber nicht konsequent gehärtet“: Während in Innenansichten oft die Server-Festigkeit im Fokus steht, können Randkomponenten wie Router, Bastion-Hosts oder Management-Zugänge zum Einfallstor werden, über das später auch ERP-Umgebungen indirekt unter Druck geraten.
Während IT-Verantwortliche diese Lücken schließen wollen, bremst die Modernisierung vielerorts aus. Lieferketten sind angespannt: Für Standard-Enterprise-Server werden gegenüber 2024 teils 6 bis 8 Wochen Lieferzeit genannt, bei High-End-Speicherkonfigurationen sogar mehrere Monate Wartezeit. Gleichzeitig sind Vertragspreise für Enterprise-SSDs im ersten Quartal 2026 deutlich gestiegen. Parallel wächst der Entsorgungsdruck für Altgeräte: 2022 fielen weltweit 62 Millionen Tonnen Elektroschrott an, bis 2030 werden 82 Millionen Tonnen prognostiziert; derzeit werden weniger als 25 Prozent nachweislich recycelt. Für IT-Leitungen entsteht damit ein doppeltes Spannungsfeld aus Sicherheit und Nachhaltigkeit, bei dem jede verzögerte Ablösung veralteter Systeme das Risiko erhöht, aber zugleich Budgets und Betriebsfähigkeit belastet.
Ein weiterer Risikotreiber sitzt oft unsichtbar im Hintergrund: Zertifikatsmanagement und digitale Identitäten. In einer Umfrage unter IT-Entscheidern vom Mai 2026 werden wirtschaftliche Folgen konkreter Vorfälle beziffert: 25 Prozent der schwerwiegendsten Fälle im Zusammenhang mit digitalen Zertifikaten führten zu Kosten von über 250.000 US-Dollar, das entspricht einem Plus von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr als ein Drittel der Organisationen habe Dienstausfälle aufgrund abgelaufener Zertifikate erlebt, fast jede unverfünftige Organisation meldete Ausfallzeiten von 25 Stunden oder mehr. Dazu kommt ein technischer Zeithorizont: Ab 2029 sollen maximalen TLS-Laufzeiten auf 47 Tage verkürzt werden. Damit wird der Rotations- und Validierungsaufwand nicht kleiner, sondern im Gegenteil organisatorisch anspruchsvoller – und gerade dann teuer, wenn der Automatisierungsgrad nur bei 10 Prozent der Firmen liegt.
Auch die Angriffsseite entwickelt sich weiter. Ein Bericht vom 9. September 2026 beschreibt den Banking-Trojaner Gigabud, der speziell auf Android-Geräte abzielt, das Arbeitsprofil des Betriebssystems nutzt, Banking-Apps klont und Erkennungsmechanismen umgehen soll. Allein in Indonesien wurden zwischen Februar und Juli 2026 rund 1.469 kompromittierte Geräte identifiziert. Daneben nimmt die Geschwindigkeit von Kampagnen zu: Analysen einer Aktion von Ende August 2026 zeigen den Einsatz von KI-Agenten durch russischsprachige Akteure, um Schwachstellen in PaperCut auszunutzen – in einem Fall gelang es innerhalb von knapp vier Stunden nach der ersten Kompromittierung, Domänenadmin-Rechte zu erlangen; außerdem wurden elf Organisationen in nur 26 Sekunden kompromittiert. Für die Verteidigung heißt das: Es reicht nicht, nur die „großen“ Lücken zu patchen; Prozesse zur Erkennung, Segmentierung und Containment müssen in Echtzeit funktionieren.
Der Blick auf Deutschland unterstreicht die Skalierung des Problems. Laut TrendAI-Report für Januar 2024 bis Mitte 2026 liegt Deutschland auf Rang zwei der am häufigsten betroffenen Opferländer weltweit. Als Hauptangriffsvektoren wurden VPN-Zugänge, RDP-Verbindungen und gestohlene Zugangsdaten identifiziert. Letztere werden zunehmend auch durch Social Engineering gewonnen: Seit Mai 2026 stünden vermehrt private Endgeräte von Beschäftigten im Visier, während Angreifer sich am Telefon als IT-Helpdesk ausgeben. Damit trifft die nächste Welle nicht nur die klassische Perimeter-Absicherung, sondern auch die „letzte Meile“ der Identitäts- und Zugriffsprozesse. Für Unternehmen bedeutet das in Summe: Priorisierung nach Risikoflugbahn (ERP-Kernel, Router, Zertifikatsrotation) und konsequente Automatisierung dort, wo Ausfälle teuer und die Zeitfenster klein sind.
Entscheidend ist, dass all diese Baustellen parallel betrachtet werden. Der Patch für CVE-2026-44756 ist zwar ein klarer Startpunkt, aber ohne Inventur der betroffenen SAP-Komponenten und ohne abgestimmte Netzwerk- und Identitätskontrollen bleibt das Risiko teilweise bestehen. Ebenso sind die aktiv ausgenutzten Router-Lücken ein Signal dafür, wie schnell sich Angriffswege durch schlecht gehärtete Management-Zugänge schließen lassen. Und schließlich zeigt das Zertifikats- und TLS-Thema, dass selbst „unspektakuläre“ Betriebsdetails die Verfügbarkeit ganzer Services zerstören können. In der aktuellen Lage lohnt sich deshalb ein Sicherheitsplan, der nicht nur technische Korrekturen, sondern auch Liefer- und Prozessrealitäten berücksichtigt.
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