LAS VEGAS / LONDON (IT BOLTWISE) – Oracle steigert im Quartal den Umsatz deutlich, weil KI-getriebene Cloud-Infrastruktur stark nachgefragt wird. Beim bereinigten Gewinn je Aktie bleibt der Konzern jedoch unter der Konsensschätzung. Der Aktienkurs reagiert trotzdem positiv, gestützt vom auf 664 Milliarden US-Dollar angewachsenen Auftragsbestand. Im Hintergrund stehen Konzentrationsrisiken durch einen Großkunden sowie politische Prüfungen rund um ein Patientenaktensystem für Veteranen.

Oracle liefert ein Quartalsergebnis ab, das an der Börse zweigeteilt aufgenommen wird: Umsatz und Cloud-Expansion überzeugen klar, die Ergebniskennziffern dagegen nicht. Der Software- und Cloud-Konzern meldete nach US-Börsenschluss einen Sprung beim Umsatz von 14,9 Milliarden auf 19,3 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Plus von 30 Prozent und liegt damit über dem Erwartungsniveau der Analysten von rund 19,13 Milliarden US-Dollar. Doch schon hier deutet sich die eigentliche Spannung an, denn die Freude über das Wachstum wird durch die Profitabilität gebremst.
Beim bereinigten Gewinn je Aktie (EPS) fällt der Vergleich mit dem Konsens deutlich weniger rosig aus. Oracle steigerte den Wert von 1,01 auf 1,56 US-Dollar, verfehlte aber die durchschnittliche Schätzung von 1,74 US-Dollar. Unter dem Strich verdiente der Konzern knapp 4,8 Milliarden US-Dollar und lag damit 63 Prozent über dem Vorjahr. Diese Kombination aus Umsatzausbau oberhalb der Erwartungen und Gewinnverfehlung zeigt, wie stark der Kapazitätsausbau derzeit auf die Marge wirkt. Genau in dieser Lücke zwischen Umsatzdynamik und Ergebnislogik entscheidet sich bei KI- und Infrastrukturwerten häufig, ob Investoren den Zyklus als nachhaltig einordnen oder als kurzfristigen Ausbau über bewertete Hardware interpretieren.
Technisch und operativ wird die Wachstumsstory im aktuellen Quartal vor allem durch die KI-Infrastruktur getragen. Oracle nennt Umsätze mit Cloud-Infrastruktur – vor allem KI-Rechenzentren – mit einem Anstieg um 121 Prozent auf 7,4 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich erreichte der Mix aus Software-Abonnements und Cloud-Infrastruktur insgesamt ein Umsatzplus von 62 Prozent auf 11,6 Milliarden US-Dollar, während klassische Software-Umsätze leicht rückläufig waren. Das ist mehr als eine Verschiebung im Produktmix: Der Konzern beschreibt damit faktisch, dass der Schwerpunkt immer stärker in Richtung KI-Infrastruktur wandert. Operativ schafft Oracle dafür Kapazität im großen Maßstab – im Quartal stellte der Konzern zusätzliche Rechenzentrumskapazitäten im Umfang von 850 Megawatt bereit und lieferte seit Ende des vierten Quartals mehr als 300.000 Grafikprozessoren an KI-Cloud-Kunden aus, fast dreimal so viel wie im vorangegangenen Quartal.
Für die Einschätzung der kurzfristigen Leistungsfähigkeit ist die Auslastung ein zentraler Indikator. Oracle beziffert sie für die KI-Infrastruktur mit 97,9 Prozent, praktisch ohne Leerlaufkapazität. Gleichzeitig nennt das Management, dass Oracle bei der Erneuerung und beim Weiterverkauf von Grafikprozessoren im Schnitt einen Preisaufschlag von 20 Prozent erzielt. Zusammengefasst liefert das ein Bild, in dem einerseits die Nachfrage kurzfristig nahezu vollständig in vorhandene Kapazitäten übersetzt wird, andererseits die Hardware-Rotation als zusätzlicher Hebel für die Ergebnissicht dienen soll. Ob dieser Hebel im laufenden Jahr ausreicht, um die bereits aufgerissene Ausbaukosten-Schere zu schließen, bleibt jedoch die Kernfrage – und erklärt, warum die Ergebnisverfehlung trotz Umsatzplus spürbar bleibt.
Unübersehbar bleibt zudem die Signalfunktion des Auftragsbestands. Besonders im Fokus steht der RPO-Auftragsbestand (vertraglich zugesicherte, aber noch nicht als Umsatz verbuchte Erlöse), der von 638 Milliarden US-Dollar auf 664 Milliarden US-Dollar anstieg. Dazu kamen mehr als 30 Milliarden US-Dollar an neuen KI-Verträgen, also ein weiterer Rekordwert. Ein wesentlicher Teil des Wachstums entsteht laut Angaben aus Modellen mit Vorauszahlungen oder Vereinbarungen, bei denen Kunden eigene Hardware einbringen – ein Finanzierungsansatz, der Oracles Kapitalbedarf für den Rechenzentrumsausbau reduziert. Für die Bewertung ist das gleichzeitig eine Stärke und ein potenzielles Risiko, weil Finanzierungslogik und operative Auslastung stärker voneinander abhängen als bei klassischen Softwareverträgen.
Gerade beim Konzentrationsrisiko wird es konkreter. Berichten zufolge entfällt nahezu die Hälfte des zuletzt gemeldeten Auftragsbestands auf einen einzelnen KI-Kunden, OpenAI, dessen rund 300 Milliarden US-Dollar schwerer Fünfjahresvertrag im Rahmen des Stargate-Rechenzentrumsprojekts ab 2027 eine Kapazität von 4,5 Gigawatt umfassen soll. Sollte dieser Großkunde seine Pläne ändern oder Rechenbedarf anders verteilen, könnte die beeindruckende Auftragszahl empfindlich nachgeben. Genau solche Abhängigkeiten sind an der Börse häufig der Unterschied zwischen „Wachstum mit Plan“ und „Wachstum mit Modellrisiko“. Oracle versucht dem mit höheren Zielwerten für das laufende Jahr entgegenzuwirken: Für das zweite Quartal nennt der Konzern ein Umsatzplus von 30 bis 34 Prozent, das gesamte Cloud-Geschäft soll um 65 bis 71 Prozent zulegen, und das bereinigte EPS wird um 21 bis 25 Prozent erwartet. Im Gesamtjahr peilt Oracle nun mindestens 90 Milliarden US-Dollar Umsatz an, wobei die Formulierung gegenüber exakt 90 Milliarden US-Dollar leicht verschärft wirkt; langfristig bleibt das Ziel eines jährlichen Umsatzwachstums von 31 Prozent sowie eines Gewinnwachstums je Aktie von 28 Prozent bis zum Geschäftsjahr 2030.
Dass die Aktie trotzdem zulegt, liegt auch an der Reaktion auf die sonstigen Meldungen rund um Strategie und Nachfrage. Oracle berichtet im Quartal außerdem von einem Pentagon-Auftrag mit einem Volumen von bis zu 7 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre und kündigt neue KI-Agenten für Personalabteilungen an. Dazu kommt eine vierteljährliche Bardividende von 0,50 US-Dollar je Aktie, zahlbar am 23. Oktober an die zum 9. Oktober im Aktienregister eingetragenen Aktionäre. Ein zusätzlicher Branchentreiber folgt im Oktober mit der Oracle AI World in Las Vegas, verbunden mit einem Investorentag zur langfristigen Strategie. Gleichzeitig begleitet die Berichterstattung weiterhin politische und regulatorische Themen: Der Ausschuss für Veteranenangelegenheiten im US-Repräsentantenhaus prüft derzeit das von Oracle verantwortete elektronische Patientenaktensystem für Veteranen. Das Budget soll sich dabei von ursprünglich 10 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 auf inzwischen mehr als 27 Milliarden US-Dollar erhöht haben, bei geschätzten Lebenslaufs-Kosten von bis zu 50 Milliarden US-Dollar. Für Entscheider in Unternehmen ist das vor allem ein Signal dafür, dass Oracles KI- und Infrastrukturwette nicht nur technische Abhängigkeiten hat, sondern auch in stark regulierten Anwendungsfeldern auf unterschiedliche Interessenlagen trifft.
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